von innen heraus helfen und stellte mir während des äussern Schnipsens hinter mir meine gute Base und ihr Totenlager vor: "Und so" (sagt' ich beredt zu mir selber) "liegst du arme Abgeblühte denn drunten und bist steif und unbeweglich und sozusagen tot!" – Er schnipsete jetzt ganz toll. – Ich konnte mir nicht helfen, sondern ich zog auch die linke Hand des Historikers gefänglich ein und drückte sie halb aus Rührung. "Sie können beide denken," (sagt' er) "wie mir erst war, als fiele der Turm auf mich, da sie einer wie einen Sack auf den rücken fassen musste und sie die sieben Treppen so heruntertrug." – Ich war ausser mir, erstlich darüber und zweitens weil ich in meiner Hand die Anstrengung der seinigen zu neuem Schnipsen verspürte; überwältigt sagt' ich: "Ums himmels willen, mein teurer Herr Vetter, um der guten Seligen willen, wenn Er seinen eignen Vetter lieb hat ..."
"Ich will schon aufhören," sagt' er, "wenn Sie's so angreift." –
"Nein," sagt' ich, "schnips' Er mir nur nicht so! – Aber so eine Base bekommen wir beide schwerlich so bald wieder!" Denn ich besann mich nicht mehr.
Und doch besteht das Leben wie ein Miniaturgemälde aus solchen Punkten, aus solchen Augenblikken. Der Stoizismus hält oft die Keule der Stunde, aber nicht den Mückenstachel der Sekunde ab.
Mein Doktor nahm mich ernstaft (unter dem unbefangnen fragen meines Vetters: "Wie wollte mein Herr Vetter?") aus der stube hinaus und sagte: "Du bist, lieber Jean Paul, mein wahrer Freund, ein Regierungadvokat, eine Maussenbacher Audienza, ein Schriftsteller im lebensbeschreibenden Fache – aber ein Narr bist du doch, ich meine ein Hypochondrist."
Abends tat er mir beides dar. O an jenem Abend zogest du mich, guter Fenk, aus dem Rachen und aus den Giftzähnen der Hypochondrie heraus, die ihren beissenden Saft auf alle Minuten sprützen! Deine ganze Apoteke lag auf deiner Zunge! Deine Rezepte waren Satiren und deine Kur Belehrung!
"Setz in deine Biographie," – fing er an und steckte seine hände in seinen Muff – "dass es bei dir keine Nachahmung des Herrn Tümmels und seines Doktors und ihres medizinischen Kollegiums ist, das halb aus dem Patienten, halb aus dem arzt bestand – dass ich dich auch ausfilze; denn ich will es in der Tat tun. – Sag mir, wo hast du bisher deine Vernunft, ja nur deine Einbildkraft gehabt, dass du des Henkers lebendig warest? Antworte mir nicht, dass die Gelehrten hier zu verschiedner Meinung wären – dass Willis die Einbildkraft in die Hirnschwiele verlegte – Posidonius hingegen in die Vorderkammer, wie auch Aetius – und Glaser ins eiförmige Zentrum. Die sache' ist nur eine lebhafte Redensart; weil du mich aber damit irre machst: so will ich dich anders angreifen. Sag mir – oder sagen Sie mir, liebe Philippine, wie konnten Sie zulassen, dass der Patient bisher so viel erhabne, rührende und poetische Empfindungen hatte und niederschrieb für andre Menschen? Hätten Sie ihm nicht das Dintenfass oder den Kaffeetopf umwerfen können oder den ganzen Schreibtisch? Die Anstrengung der empfindenden Phantasie ist unter allen geistigen die entnervendste; ein Algebraist überlebt allemal einen Tragödiensteller."
"Und auch", sagt' ich, "einen Physiologen: Hallers verdammte und doch vortreffliche Physiologie hätte mich beinahe niedergearbeitet, die acht Bände hier." – –
"Eben darum," – fuhr er fort – "diese anatomische Oktapla spannt die Phantasie, die sonst nur über fliessende poetische Auen zu schweben pflegte, auf scharf abgeschnittene und noch dazu kleine Gegenstände an; daher ..."
"Zum Glück" – unterbrach ich ihn – "richtete ich mich und meine Phantasie ziemlich durch braunes Bier1 wieder auf, das ich (wenn ich Atem holen wollte) so lange nehmen musste, als ich über dem Herrn von Haller sass. In diesem Vehikel und in dieser Verdünnung bracht' ich diese Arznei des Geistes, die Physiologie, leichter hinein. Ich kann also, wenn ich nicht der grösste Trinker werden will, unmöglich der grösste Physiolog werden."
"Es ist gut," – sagt' er ungeduldig und zog aus seinem Muff den Schwanz heraus – "aber so wird nichts. Ich und du stehen hier in lauter Ausschweif-Reden, anstatt in vernünftigen Paragraphen; die Rezensenten deiner Biographie müssen glauben, ich wäre wenig systematisch.
Ich will jetzt reden wie ein Buch oder wie eine Doktordisputation; ich sollte ohnehin eine für einen Doktoranden mit der Doktorsucht schreiben und wollte darin entweder den nervus ischiaticus oder den nervus sympateticus durchgehen; ich wills bleiben lassen und hier und in der Disputation von schwachen Nerven überhaupt reden.
Jeder Arzt muss eine Favorit-Krankheit haben, die er öfters sieht als eine andre – die meinige ist Nervenschwäche. Reizbare, schwache, überspannte Nerven, hysterische Umstände und deine Hypochondrie – sind viele Taufnamen meiner einzigen Lieblingkrankheit.
Man kann sie so zeitig wie den Erbadel bekommen – der Erbadel selber, fast die höhern Weiber und höchsten Kinder haben sie aus dieser ersten Hand – dann kann sie durch alle Doktor-Hüte gleich den ewigen Höllenstrafen nicht weggenommen, sondern nur gelindert werden.
Du aber hast sie dir wie den Kaufadel durch Verdienste erworben." – –
"Sie ist vielmehr selber ein