eigenes auszugeben: "Denn wer Teufel weiss es," sagte er, "dir hilft es nichts, und ich heft' es an meines." Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgrossvater, wollte christlich handeln und bot dem Ross- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Grosssultan und Ehevogt eines benachbarten Ross-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt "ich mag nicht" und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloss versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denke' ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.
Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem kopf so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgrossvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin. Da nun der Falkenbergische Urgrossvater das erkaufte Adelpatent, das einige Ahnenfolgen tausendschildiger Motten fast aufgekäuet hatten, mit einem Pflasterspatel, weil es porös wie ein Schmetterlingfittich war, auf neues Pergament aufstrich und aufpappte, Buchbinderkleister aber vorher: so tat, kann man leicht denken, das Pergament seiner ganzen adeligen Vorwelt den nämlichen Dienst der Veredlung, den der Beschäler in Westfalen der Rossnachwelt leistete, und über hundert begrabene Mann, an denen kein Tropfen Blut mehr adelig zu machen war, kamen wenigstens zu adeligen Knochen. Also brauchen weder ich noch irgendeine Stiftdame uns zu schämen, dass wir mit dem künftigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben, als man künftig finden wird. – übrigens möchte' ich nicht gern, dass die Anekdote weiter auskäme, und einem Lesepublikum von Verstand braucht man dies gar nicht zu sagen. –
Die Hochzeit-Luperkalien hab' ich samt ihrem längsten Tage und ihrer kürzesten Nacht niemals hersetzen wollen; – doch den Einzug darauf wollt' ich gut beschreiben. Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar mit drei Federzügen aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht, nämlich im Falkenbergischen Rittersitz Auental – und da ich ganz natürlich nur mit drei kleinen Winken das wenige schildern wollte, das wenige Pfeifen, Reiten und Pulver, womit die guten Auentaler ihre gnädige Neuvermählten empfingen: so ging die ganze Nacht in meinem kopf der Traum auf und ab, ich sei selber ein heimreisender Reichsgraf und der Reichs-Erb-Kasperl und würde von meinen Untertanen, weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen, vor Freuden fast erschossen. In meiner Grafschaft wurde natürlicherweise tausendmal mehr Bewillkommunglärm und Honneurs gemacht als im Falkenbergischen Feudum; ich will deswegen die Honneurs für den Rittmeister weglassen und bloss meine bringen.
Erstes Extrablatt
Ehrenbezeugungen, die mir meine Grafschaft nach
meiner Heimkehr von der grand tour antat
Wenn gräfliche Untertanen einem Grafen seine sechs nicht natürlichen Dinge1 nehmen: so weiss ich nicht, wie sie ihn besser empfangen können. Nun liessen mir die meinigen kein einziges nicht natürliches Ding.
Sie nahmen mir das erste unnatürliche Ding ohnehin weg, den Schlaf. Da ich von Chalons nach Strassburg, so watend langsam, als wär' ich schwanger, gefahren war, um von da aus so donnernd, dass ich mehr hüpfte als sass, meinen Läufer umzufahren: so wär' ich Grafschaft) für mein Leben gern schlafend (und war das nicht im Traume so leicht zu machen?) vorübergeflogen; allein gerade an der Grenze und einer Brükke, da ich die Augen bergunter auf- und bergauf zumachte, wurde' ich überfallen, nicht mörderisch, sondern musikalisch, von 16 Mann besoffnem Ausschuss, der schon seit früh 7 Uhr mit dem musikalischen Gerümpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset hatte, um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die Ohren zu blessieren. Glücklicherweise hatten die Sturm-Artisten den ganzen Tag zum Spasse oder aus Langweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe nachher. Unter dem ganzen Weg, während Orchester und Kaserne neben meinen Pferden ging, zankt' ich mich aus, dass ich Flörzhübel vor 17 Jahren zu einer Stadt habilitiert und graduiert hatte, – "Ich meine nicht deswegen," sagt' ich zu mir, "weil nachher das landesherrliche Reskript dem Flörzhübel das Stadtrecht und seiner Gendarmerie die Monturen wieder auszog, oder deswegen, weil wir die überzähligen Monturen in Kassel versteigern wollten – sondern weil sie mich jetzt nicht schlafen lassen, welches doch das erste nicht natürliche Ding bleibt." Essen liessen sie mich gar nicht, weils das zweite unnatürliche Ding eines regierenden Herrn ist. Sann mir nicht der flörzhübelsche Restaurateur, der für mich das ganze gekochte und gesottene Mussteil meiner Grafschaft ans Feuer gesetzet hatte, geradezu am Kutschenfusstritt an, ich sollte anbeissen, und da ich ihn – wir Grossen setzen nicht ungern den Pöbel durch Verschmähen beneideter Kost in ein hungriges Erstaunen – mit eignem mund nur um eine Biersuppe ansprach: machte da nicht der Restaurateur eine eitle Miene und sagte: "im ganzen Hotel hätt' er keine; und hätt' er sie: so