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Träume bekränzen, und euer Sterben mögen keine erschrekken .... Meine Schwester soll alles beschliessen .... Lebt froh und entschlaft froh! ....

Siebenundvierzigster oder Invokavit-Sektor

Mein guter und gemarterter Bruder will haben, dass ich dieses Buch ausmache. Ach, seine Schwester würde' es ja vor Schmerzen nicht vermögen, wenn es so wäre. Ich hoff' aber zum Himmel, dass mein Bruder nicht so kränklich ist, als er meint. – Nach dem Essen denkt er es wohl. – Und ich muss ihn, wenn wir beide Friede haben sollen, darin bestärken und ihn für ebenso krank ausgeben, wie er sich selber. Gestern musst' ihm der Schulmeister an die Brust klopfen, damit er hörte, ob sie hallete, weil ein gewisser Avenbrügger in Wien geschrieben hatte, dieses Hallen zeige eine gute Lunge an. Zum Unglück hallete sie wenig; und er gibt sich deshalb auf; ich will aber ohne sein Wissen an den Herrn Doktor Fenk schreiben, damit er seine Qualen stille. – – Ich soll noch berichten, dass der junge Herr von Falkenberg krank in Oberscheerau bei seinen Eltern ist und dass meine Freundin Beata auch kränklich bei den ihrigen ist .... Es ist für uns alle ein finstrer Winter. Der Frühling heile jedes Herz und gebe mir und den Lesern dieses buches meinen lieben Bruder wieder!

Achtundvierzigster oder Mai-Sektor

Der hämmernde VetterKurBade-Karawane

– – Er ist wieder zu haben, der Bruder und Biograph! Frei und froh tret' ich wieder vor; der Winter und meine Narrheit sind vorüber, und lauter Freude wohnt in jeder Sekunde, auf jedem Oktavblatt, in jedem Dintentropfen.

Es ging so. Eine jede eingebildete Krankheit setzt eine wahre voraus; aber eingebildete Krankheitursachen gibts dennoch. Mein Wechsel zwischen Gesundund Siechsein, zwischen Froh- und Traurig-, zwischen Weich- und Hartsein war mit seiner Schnelligkeit und seinen Abstichen aufs höchste gekommen: ich konnte vor Mangel an Atem kein Protokoll mehr diktieren, und die Szenen dieser Lebensbeschreibung durft' ich mir nicht einmal mehr denken: als ich an einem rotglühenden Winterabend durch den rotgeschminkten Schnee draussen herumschritt und in diesem Schnee das Wort "heureusement" antraf.

Ich werde an dieses Wort der Schnee-Wachstafel immer denken; es war mit einem Bambusrohr lapidarisch schön hineingezeichnet. "Fenk!" rief ich mechanisch. "Weit kannst du nicht weg sein", dachte' ich; denn da jeder Europäer (sogar auf seinen Plantagen) den Schnitt seiner Feder an einem eignen Worte prüfet und da der Doktor schon ganze Bogen mit dem Probierlaut "heureusement" als erstem Abdrucke seiner Feder vollgemacht: so wusst' ich sogleich, wie es war.

Und bei mir sass er; und lachte (sicher mehr über die Krankheitistorie von meiner Schwester als über meine Invaliden-Gestalt) mich solange aus, dass ich, da ich nicht wusste, sollt' ich lachen oder zürnen, am besten eines um das andre tat. – Aber bald kam er in meinen Fall und musste auch eines um das andre tunbei einer Historie, die uns, nämlich dem ganzen hypochondrischen Wohlfahrtausschusse, zur Schande gereicht und die ich doch erzähle.

Es befand nämlich ein naher Vetter von mir, Fedderlein genannt, sich auch in der stube, der beides ein Scheerauer Schuster und Türmer ist; er sorgt für die Stiefel und für die Sicherheit der Stadt und hat mit Leder und Chronologie (wegen des Läutens) zu tun. Mein naher Vetter war kohlschwarz und betrübt, nicht über meine Krankheit, sondern über die seiner Frau, weil sie daran verstorben war. Diesen Krankheit- und Totenfall wollt' er mir und dem Doktor auch hinterbringen, um den letzten zu belehren und den ersten zu rühren. Es wäre auch gegangen, hätt' er nicht zum Unglück ein Trennmesser meiner Philippine erwischt und damit, während seiner eignen Aufmerksamkeit auf die Todespost, sehr auf den Tisch gehämmert. Ich setzte mir es sogleich vor, es nicht zu leiden. Meine Hand kroch dahermeine Augen hielten seine festdem gedachten Hammer näher, um ihn zu hindern.

Aber des Vetters Hand wich ihr höflich aus und klopfte fort. Ich hätte mich gern tief gerührt, denn er kam den letzten Stunden meiner seligen Base immer näheraber ich konnte meine Ohren vom MesserHammerwerk nicht wegbringen. Zum Glück sah ich den kleinen Wutz dort stehen und lieh eiligst dem Klopfer das unglückliche Trennmesser ab und schnitt dem kind damit ein paar halbeFastnachtbrezeln vor in der Angst.

Nun stand ich gerettet da und hatte selber das Messer. Aber er begann jetzt auf der Klaviatur des Tisches mit den entwaffneten Fingern zu spielen und versah in seiner Novelle seine Frau mit dem heiligen Abendmahl. Ich wollte mich und meine Ohren überwinden; aber da mich teils der innere Krieg, teils meine horchende Aufmerksamkeit auf seine trommelnden Finger, die ich nur mit der grössten Mühe vernehmen konnte, gänzlich von meiner guten Base wegzogen, die gewiss eine Frau und Türmerin war wie wenige, so hatte' ichs satt und fing nach seiner orgelnden Qual-Hand, legte sie in Arrest und brach aus: "O mein lieber Herr Vetter Fedderlein!" Er mutmasste, ich sei gerührt; und wurde' es selber immer mehr, vergass sich und schnipsete mit den linken, noch arrestfreien Fingern zu stark an den Tisch.

Ich wollte mir wie ein Stoiker auf dieser neuen Unglück-Station