1793_Jean_Paul_048_133.txt

gegen solche Leute keine Gründe helfen) – "ich vergesse über die Schönen alle Hässlichen und über die Schönste alle Schönenich gebe Ihnen den Preis der Tugend, geben Sie mir den der Empfindungoder darf ich mir ihn geben?" und hastig zuckten seine Lippen nach ihren Wangen, auf denen bisher mehr Tränen als Küsse waren; allein sie wich ihm mit einem kalten Erstaunen, das er an allen Weibern wärmer gefunden hatte, weder um einen Zoll zu viel noch zu wenig aus und reichte bei ihm in einem Tone, in dem man zugleich die Ehrfurcht einer Untertanin, die Ruhe einer Tugendhaften und die Kälte einer Unerbittlichen fand, kurz in einem Tone, als hätte ihre Bitte mit dem Vorgegangnen gar keine Verbindung, auf diese Art reichte sie ihre untertänige Supplik ein, er möchte allergnädigst sich, da ihr der Doktor gesagt hätte, sie könne heute nichts Schlimmers tun als wachen, sichwie ich mich ausgedrückt haben würdezum Henker scheren. Eh' er so weit ging: badinierte er noch einige Minuten, kam darüber beinahe wieder in den alten Ton, legte seine InhäsivPro-Reprotestationen ein und zog ab.

Nichts als die Ruhe, die sie aus den Händen der Tugend und derLiebe und des Gustavischen Briefes hatte, gab ihr das Glück, dass dieser Jakob oder Jack sich an diesem Engel eine Hüfte ausrenkte; – was freilich den matten Jaques um so mehr verdross, je mehr der Engel sich unter dem Ringen verschönerte, da jede weibliche Unruhe bekanntlich ein augenblickliches Schmink- und Schönheitmittel wird.

In euerem ganzen Leben, Gustav und Beata, schluget ihr eure Augen nie mit so verschiednem Gefühl vor einem Morgen auf als an dem, wo sich Beata nichts und Gustav alles vorzuwerfen hatte. Über den ganzen versunkenen Frühling seines Lebens schlichtete sich ein langer Winter; er hatte ausser sich keine Freude, in sich keinen Trost und vor sich statt der Hoffnung Reue.

Er riss sich mit so vieler Schonung, als seine Verzweiflung zuliess, von den Gegenständen seines Jammers los und jagte sein sprudelndes Blut nach Auental zu Wutzin meine stube. Ich sah an nichts mehr, dass er noch Gefühl und Leben hatte, als am Gewitterregen seiner Augen. – Er fing vergeblich an; unter Blut, Ideen und Tränen sanken seine Worte unterendlich wandte er sich, hochaufglühend, von mir gegen das Fenster und erzählte mir, auf einen Ort blickend, seinen Fall, den er von sich selbst herunter getan. – Darauf, um sich an sich selber durch seine Beschämung zu rächen, liess er sich ansehen, hielt es aber nicht länger aus, als bis er zum Namen Beata kam: hier, wo er mich zum ersten Male vor den gewichnen Blumengarten seiner ersten Liebe führte, musst' er sich das Gesicht zuhüllen und sagte: "O ich war gar zu glücklich und bin gar zu unglücklich."

Die Täuschung der Residentin, welche ihn für den Bruder Beatens gehalten, konnte' ich ihm leicht aus der Ähnlichkeit der Bildnisse von ihm und dem ersten Sohne ihrer Mutter erklären. – Zuerst sucht' ich ihm den wichtigsten Kredit wieder zu gebenden, den man bei sich selber finden muss: wer sich keine moralische Stärke zutrauet, büsset sie am Ende wirklich ein. Sein Fall kam bloss von seiner neuen Lage; an einer Versuchung ist nichts so gefährlich als ihre Neuheit; die Menschen und die Pendul-Uhren gehen bloss in einerlei Temperatur am richtigsten. – übrigens bitte' ich die Romanenschreiber, die es noch leichter finden, als das Gefühl und die Erfahrung es bestätigen, dass zwei ganz reine seelenvolle Seelen ihre Liebe in einen Fall verwandeln, nicht meinen Helden zum Beweise zu nehmen; denn hier mangelte die zweite reine Seele; hingegen die Vereinigung aller Farben von zwei schönen Seelen (Gustavs und Beatens) wird immer nur die weisse der Unschuld geben.

Sein Entschluss war der, von Beaten sich auf immer in einem Briefe abzureissendas Schloss mit allen Gegenständen, die ihn an seine schönen Tage oder an seinen unglücklichen erinnerten, zu verlassenden Winter bei seinen Eltern, die ihn allemal in der Stadt zubrachten, zu verleben oder zu verseufzen und dann im Sommer mit Oefel die Karten zum Spiel des Lebens von neuem zu mischen, um zu sehen, was es noch, wenn die Seelenruhe verloren ist, zu gewinnen oder einzubüssen gäbe .... Schöner Unglücklicher! warum legt gerade jetzt deine gegenwärtige geschichte, da ich mit ihr meine geschriebne zusammenführen könnte, Flöre um? Warum fallen gerade deine kurzen trüben Tage in die kurzen trüben des Kalenders hinein? O in diesem Trauer-Winter wird mich keine Himmelleiter des Entusiasmus mehr in die Höhe richten, um die Blüten-Landschaft deines Lebens zu überschauen und abzuzeichnen, und ich werde wenig von dir schreiben, um dich öfter in meine arme zu nehmen!

Und ihr entsetzlichen Seelen, die ihr einen Fehltritt, an dem Gustav sterben will, unter eure Vorzüge und eure Freuden rechnet, die ihr die Unschuld nicht, wie er, selber verliert, sondern fremde mordet, darf ich ihn durch eure Nachbarschaft auf dem Papier besudeln? – Was werdet ihr noch aus unserem Jahrhundert machen? – Ihr gekrönten, gestirnten, turnierfähigen, infulierten Hämlinge! Davon ist die Rede nicht und ich hab' es nie getadelt, dass ihr aus euren Ständen die sogenannte Tugend (d.h. den Schein davon), die ein so spröder Zusatz in