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auch wenn sie trotz aller Kälte aus Eitelkeit doch gerade so viel bewilligen möchte, dass die Tugend nichts verlöre und die Liebe nichts gewönne; – hingegen im Fall der vollendeten tugendhaften Entschlossenheit kann sie sich frei der inneren Tugend überlassen, die für sie kämpfet, und sie braucht kaum über Zunge und Mienen zu wachen, weil diese schon verdächtig sind, wenn sie eine Wache begehren. – Die Art, wie Beata den Brief einsteckte, war der einzige kleine Halbton in dieser vollen Harmonie einer gerüsteten Tugend. Der scheerauische Tron-Insass entschuldigte seine Erscheinung mit seiner Sorgfalt für ihre Gesundheit. Er setzte sein folgendes Gespräch aus der französischen Spracheder besten, wenn man mit Weibern und mit Witzigen sprechen willund aus jenen Wendungen zusammen, mit denen man alles sagen kann, was man will, ohne sich und den andern zu genieren, die alles nur halb und von dieser Hälfte wieder ein Viertel im Scherze und alles mehr verbindlich als schmeichelnd und mehr kühn als aufrichtig vortragen.

"So hab' ich Sie" – sagt' er mit einer verbindlichen Verwunderung – "heute den ganzen Abend in meinem kopf abgemalt gesehen; meine Phantasie hat Ihnen nichts genommen, ausser die Gegenwart. – Wenn das Schicksal mit sich reden liesse: so hätt' ich auf dem ganzen Ball mit ihm gezankt, dass es gerade der person, die uns heute so viel Vergnügen gab, das ihrige nahm."

"O" – sagte sie – "das gute Schicksal gab mir heute mehr Vergnügen, als ich geben konnte." Obgleich der Fürst unter die Personen gehört, mit denen man über nichts sprechen mag: so sagte sie dieses doch mit Empfindung, die aber nichts als ein Dank ans Schicksal für die vorherige frohe Lese-Stunde war.

"Sie sind" (sagt' er mit einer feinen Miene, die einen andern Sinn in Beatens Rede legen sollte) "ein wenig Egoistin. – Das ist Ihr Talent nichtIhres muss sein, nicht allein zu sein. Sie verbargen bisher Ihr Gesicht wie Ihr Herz; glauben Sie, dass an meinem hof niemand wert ist, beide zu bewundern und zu sehen?" – Für Beata, die glaubte, sie hätte nicht nötig bescheiden zu sein, sondern demütig, war ein solches Lob so gross, dass sie gar nicht daran dachte, es zu widerlegen. Sein blick sah nach einer Antwort; aber sie gab ihm überhaupt so selten als möglich eine, weil jeder Schritt die alte Schlinge mit in die neue trägt. Er hatte ihre Hand anfangs mit der Miene gesucht, womit man sie einem Kranken nimmt: sie hatte sie ihm gleichgültig gelassen; aber wie einen toten Handschuh hatte sie ihre in seine gebettetalle seine Gefühlspitzen konnten nicht das geringste Regsame an ihr aushorchen; sie zog sie weder langsam noch hurtig bei der nächsten Erweiterung aus der rostigen Scheide heraus.

Der Tanz, der Tag, die Nacht, die Stille gaben seinen Worten heute mehr Feuer, als sonst darin lag. "Die Lose" – sagt' er und spielte pikiert mit einer Münze der Westentasche, um die geflohene Hand zu ersetzen – "sind unglücklich gefallen. Die Personen, die das Talent haben, Empfindungen einzuflössen, haben zum Unglück oft das feindselige, selber keine zu erwidern." Er heftete seinen blick plötzlich auf ihre Hemdnadel, an der eine Perle und das Wort "l'amitié" glänzte; er sah wieder auf seine bolognesische Münze, auf der wie auf allen bolognesischen das Wort "libertas" (Freiheit) stand. "Sie gehen mit der Freundschaft wie Bologna mit der Freiheit umbeide tragen das als Legende, was sie nicht haben." – Die edleren Menschen können die Worte "Freundschaft, Empfindung, Tugend" auch von den unedelsten nicht hören, ohne bei diesen Worten das Grosse zu denken, wozu ihr Herz fähig ist. Beata bedeckte einen Seufzer mit ihrer steigenden Brust, der es nur gar zu deutlich sagen wollte, was Empfindung und Freundschaft ihr für Freuden und für Schmerzen gäben; aber den Fürsten ging er nichts an.

Sein haschender blick, den er nicht seinem Geschlecht, sondern seinem stand verdankte, erwischte den Seufzer, den er nicht hörte. Er machte auf einmal wider die natur der Appellation und der natur einen dialogischen Sprung: "Verstehen Sie mich nicht?" sagt' er mit einem Tone voll hoffender Ehrerbietung. Sie sagte kälter, als der Seufzer versprach, sie könne heute mit ihrem kranken kopf nichts tun, als ihn auf denArm stützen, und bloss der mache ihr es schwer, die Ehrfurcht einer Untertanin und die Verschiedenheit ihrer Meinungen von den seinigen mit gleicher Stärke auszudrücken. – Gleich Raubtieren haschte er, wenn Schleichen zu nichts führte, durch Sprünge. "O doch!" (sagt' er und machte Henris Liebeerklärung zur seinigen) "Marie! ich bin ja Ihr Bruder nicht." Eine Frau gewinnt, wenn sie zu lange gewisse Erklärungen nicht verstehen will, nichts alsdie deutlichsten. Er lag noch dazu in Henris Attitüde vor ihr. "Erlassen Sie mir", antwortete sie, "die Wahl, es für Scherz oder für Ernst zu haltenausser dem Teater bin ich unfähiger, den Rosen-Preis zu verdienen oder zu vernachlässigen; aber Sie sinds, die Sie ihn überall bloss geben müssen." – "Wem aber?" (sagt' er, und man sieht daraus, dass