haben kann (im grund muss), die sie ihm sagte. – Leute ihres Standes, denen das Furioso der Lustbarkeiten-Konzerts immer in die Ohren reisset, hören unebenbürtige Neuigkeiten nur mit tauben oder gar halben – sie kann mitin noch leichter als der Leser (und wer steht mir für den?) den verlornen Sohn der Röperin und des Falkenbergs mit dem gegenwärtigen der Rittmeisterin und des Falkenbergs vermenget haben. – Ihr bisheriges Betragen ist so wenig wider meine Vermutung, als das bisherige des angeblichen Geschwisterpaars gegen ihre war; gleichwohl kann ich mich verrechnen.
Dieses Verrechnen wird aber durch ihr weiteres Betragen ganz unwahrscheinlich. Seine Verlegenheit gebar ihre; sie bedauerte ihre Voreiligkeit, ein Geschwisterpaar für glücklich und liebend gepriesen zu haben, das sich meide und ungern von seinen Verhältnissen spreche. Sie verbarg mit ihren Mienen ihre Absicht nicht, das Gespräch abzulenken, sondern zeigte sie mit Fleiss; aber zu ihrem Kummer, keinen Bruder zu haben, gesellete sich der Kummer, dass Gustav zwar eine Schwester habe, aber nicht liebe, und sie drückte ihre Sympatie mit dem ähnlichen Unglück auf ihrer Laute immer schöner und leiser aus. Gustavs getäuschte Seele, auf der noch das heutige fest mit seinem Glanze stand, überzogen die heftigsten und unähnlichsten Wogen – Misstrauen kam nie in sein Herz, ob er gleich in seinem kopf genug davon zu haben meinte – jetzt hatte' er die Wahl zwischen dem Trone und dem grab seiner heutigen Freude.
Denn starke Seelen kennen zwischen Himmel und Hölle nichts – kein Fegefeuer, keinen limbus infantum.
Die Residentin entschied sein Schwanken. Sie nahm sein Mienen-Chaos (- oder schien es, weil ich nicht das Herz habe, der Schöppenstuhl und die letzte Instanz so vieler tausend Leser zu sein –) für die doppelte Verlegenheit und Betrübnis über die Kälte, womit seine (angebliche) Schwester ihn behandle, und über seine Familiengeschichte. Sie hatte bisher in seinen Augen ein Sehnen gefunden, das schönere Reize suchte als die übrigen Hof-Augen – sie hatte den Morgen, wo er Amandus' Grab erbat, und die Augen voll Liebe, die er vor ihr trocknete, in ihrem gefühlvollen Herzen aufbewahrt – folglich goss sie den zärtlichsten blick auf seinen heissen – zog die zärtlichste stimme ihrer sympatetischen Brust aus ihren Lauten-saiten – wollte zuhüllen ihr pochendes Herz – und konnte nicht einmal sein Schlagen verstecken – und fiel, als er die Bewegung des heftigsten Affektes machte, verloren, hingerissen, mit zitterndem Auge, mit überwältigtem Herzen, mit irrender Seele und mit dem einzigen grossen langsamen, tief heraufgeseufzeten Laute: "Bruder!!" an – ihn.
Er an sie! ... Sie fühlte das erstemal in ihrem Hofleben eine solche Umarmung; er das erstemal eine empfangne; denn an Beatens reinem Herzen hatte' er ihre arme nie gefühlt. O Bouse! hättest du ihr doch geglichen und wärest eine Schwester geblieben! Aber – – du gabest mehr, als du bekamest, und reizetest zum Nehmen – du rissest ihn und dich in einen verfinsternden Gefühl-Orkan – an deinem Busen verlor er dein Gesicht – dein Herz – sein eigenes – und als alle Sinne mit ihren ersten Kräften stürmten, alles, alles .....
Schutzgeist meines Gustavs! Du kannst ihn nicht mehr retten; aber heil ihn, wenn er verloren ist, wenn er verloren hat, alles, seine Tugend und seine Beata! Ziehe, wie ich, den traurigen Vorhang um seinen Fall und sage sogar zur Seele, die so gut ist wie seine: "Sei besser!"
Ehe wir zur Seele gehen, der er es sagt, zu Beata, wollen wir wenigstens einen einzigen Verteidiger für den armen Gustav vernehmen, damit man ihn nicht zu tief verdamme. Der Verteidiger gibt bloss dieses zu bedenken: wenn die Weiber so leicht zu besiegen sind, so ist es, weil in allen Krieg-Verhältnissen der angreifende teil die Vorteile vor dem angegriffenen voraushat; kehret sich aber einmal der Fall um, und tritt eine Versucherin statt eines Versuchers auf: so wird derselbe Versuchte, der nie eine Unschuld angefeindet hätte, die seinige verlieren in der ungewöhnlichen Umkehrung der Verhältnisse, und zwar um so leichter, je mehr die weibliche Versuchung zärter, feiner und durchdringender ist als die männliche. Daher verführen zwar Männer; aber Jünglinge werden gewöhnlich anfangs verführt – und eine Versucherin bildet zehn Versucher.
Verzeihe, reine Beata, uns allen den Übergang zu dir! – Du hütest in dieser Spätnacht ein Zimmer des fürstlichen Schlosses ganz einsam, aber mit Freuden an Freuden; denn du hattest Gustavs Brief an dich in der Hand und an der Brust; und im ganzen Palast war heute die kränklichste Seele die glücklichste; denn der Brief, den sie einsam lesen, küssen, ohne innere und äussere Stürme ausgeniessen konnte, leuchtete ihrem zarten Auge milder als die Gegenwart des Gegenstandes, dessen Glühfeuer erst durch eine Entfernung zur wehenden Wärme fiel; seine Gegenwart überhäufte sie mit Genuss zu sehr, und sie umarmte da jeden Augenblick den Genius ihrer Tugend, wenn sie glaubte, bloss ihren Freund zu umfassen. – In dieser Lenz-Entzückung, als sie in der einen Hand den Brief und in der andern den Genius der Tugend hatte, störte sie der scheerauische – Fürst. So schiebt sich auf dem Bauch eine Kröte in ein Blumenbeet.
Einer Frau wird ihr Betragen in solchem Fall nur dann schwer, wenn sie noch unentschlossen zwischen Gleichgültigkeit und Liebe schwankt; oder