Bonmots wirklich zu offenbaren, die er sich sonst nur innerlich sagte. Und hier bezeug' ich öffentlich, dass es mich noch bis auf diese Minute kränkt, dass ich sonst bei meinem Eintritte in die grosse Welt ein ähnlicher Narr war und Dinge dachte, die ich hätte sagen sollen. – Besonders bereu' ich dies, dass ich zu einer Tranchee-Majorin, die ihr kleines Mädchen an der Hand und eine Rose, aus deren Mitte eine kleine gesprosset war, am Busen hatte, nicht gesagt habe: Vous voilà! und dass ich nicht auf die Rose gewiesen, ob ich gleich das ganze Bonmot schon fertig gegossen im kopf liegen hatte. Ich führte nachher die Saillie lange in den Gehirnkammern herum und passte auf, brennte sie aber zuletzt doch auf eine recht dumme Weise los und darf die person hier nicht einmal nennen.
Da eine Winterlandschaft mit einem künstlichen Reife, der in der Wärme des Zimmers zerfloss und einen belaubten Frühling aufdeckte, unter den SchauGerichten, den optischen Prunk-Gerichten der Grossen, mit stand: so hatte Gustav einen hübschen Einfall darüber, den man mir nicht mehr sagen konnte. Gleichwohl ob er gleich unter dem schönsten Deckenstücke und auf dem niedlichsten stuhl ass: so nahm er doch, als ein blosser Hof-Anhänger, an allem Anteil, was er sagte, und an jedem, mit dem er sprach; dir war noch, du Seliger, keine Wahrheit und kein Mensch gleichgültig. Aber er steht dir noch bevor, jener herbe Übergang von Hass und Liebe zur Gleichgültigkeit, welchen alle auszustehen haben, die mit vielen Menschen oder mit vielen Sätzen, für die sie kalt bleiben müssen, sich abgeben!
Die Residentin zog seine scheuen Talente heute mehr als sonst ans Licht und beschönigte den Anteil, den sie an ihm nahm, leicht mit seinen Teater-Verdiensten um sie. – Endlich fing das dritte Schauspiel an, worin mehre als in den beiden andern glänzen konnten; denn es wurde nur mit den Füssen gespielt – der Ball kam. Tanzen ist der weiblichen Welt das, was das Spielen der grossen ist – eine schöne Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft gefährlich werden. Für einen Kopf wie der Gustavische, der so viele Bestürmungen seiner Sinne heute zum ersten Male erfahren, war ein Tanzsaal ein neues Jerusalem. – In der Tat ein Tanzsaal ist etwas; sehet in den hinein, wo Gustav springt! Jedes saiten- und Blasinstrument wird zum Hebebaum, der die Herzen aus dem kargen misstrauischen Alltagleben aufhebt: – die Tänze mengen die Menschen wie Karten in- und auseinander, und die tönende Atmosphäre um sie fasset die trunkne Masse in eines ein – so viele Menschen und zu einem so freudigen Zwecke verknüpft, durch umringende Helldämmerung, geblendet, durch ihre klopfenden Herzen begeistert, müssen den Freudenbecher wenigstens kredenzen, welchen Gustav gar austrank; denn ihn, dem jede Dame eine Dogaressa4 ist, begeisterte jede Hand-Berührung, und der Tumult von aussen weckte seinen ganzen inneren so auf, dass die Musik, wie zurückprallend, ihren äussern Geburtort verliess und nur in seinem inneren unter und neben seinen Gedanken zu entspringen und herauszutönen schien .... Wahrhaftig wenn man seine Ideen um einen lodernden Kronleuchter herumträgt, so werfen sie ein ganz anderes Licht zurück, als wenn man damit vor einer ökonomischen Lampe hockt! In phantasiereichen Menschen liegen, wie in heissen Ländern oder auf hohen Bergen, alle Extreme enger aneinander: bei Gustav wollte jeden Augenblick die Entzückung zur Wehmut werden und die Freude zur Liebe, und alle die Empfindungen, die ihm die Tänzerinnen einflössten, wollt' er seiner Einzigen bringen, die einsam wegstand. Gleichwohl war ihm, als würde sie durch diese alle nicht sowohl als durch die Residentin ersetzt. Sogar durch das Drama, das mit dieser sich geschlossen und worin er für ihre Krönung gespielet, wurde sie ihm lieber; ja ihr heutiger Geburttag selber war einer ihrer Reize in seinen Augen. Anders oder vernünftiger empfindet der Mensch nie. Kurz die Residentin gewann bei allem, wessen ihn heute das Wegsein seiner Beata beraubte. Er hatte heute zum ersten Male von der Residentin, die er ausserordentlich achtete, mehr angefasset als einen Handschuh – mehr, nämlich ihre Arm- und Rückenschienen, mit andern Worten ihr Kleid darüber: an Arm und rücken, obwohl nicht an Händen, ist Bekleidung so viel wie keine. Gustav! philosophiere und schlafe lieber ....
Aus ist der bal paré – aber der Teufel geht erst an. Oefels Wagen fuhr hinter dem Bousischen; am letzten entzündet sich eine versäumte Radachse unter der unnützen Eiligkeit. Freilich war es Zufall, aber gewisse Menschen kennen keinen schlimmen, und ihre Absichten legen sich um jeden an. Oefel musst' ihr seinen anbieten. Die gute Beata war in ihrem Krankenzimmer mit einer kleinen weiblichen Dienerschaft gelassen. Er nahm ein Pferd von dem Wagen der Residentin; ihr liess er (ich weiss nicht, ob aus Galanterie gegen ihr Geschlecht oder aus Scharfsinn und Freundschaft für seines und für seinen Roman) meinen und ihren Helden. Ich wollt' es vor einem akademischen Senat ausführen, dass es für einen, der erst ein Engel werden will, nichts Fataleres gibt als mit einer, die er schon für einen hält, nachts aus einem Tanzsaale nach haus zu fahren – dennoch wurde meinem Helden kein Haar gekrümmt, und er krümmte auch keines.
Aber verliebter wurde' er, ohne zu wissen in wen.
Beata hatte keine ebenso gefährliche