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französischen Puppenwenn die Kirche sich allemal jedes monat des Modejournals kommen liesse und nach dessen farbigen Vorbildern die Marien (als Damen) und die Apostel (als Herrn) umkleidete und um die Altäre stellte: so würden diese Leute mit mehr Lust nachgeahmet und verehret werden, und man wüsste doch, weswegen man in die Kirche ginge und was sie gerade in Paris oder Versailles anhaben; – man würde die Moden zu rechter Zeit erfahren, und selbst der Pöbel würde etwas Vernünftigeres umlegen, die Apostel würden die Flügelmänner des Anzugs und die Marie die wahre Himmel-Königin der Weiber werden. So müssen kirchliche Vorurteile zu staates-Vorteilen genützet werden; ebenso wendete der Dominikaner-Mönch Rocco in Neapel (nach Münter) die Verschwendung, am Altar der Maria auf der Strasse Lampen zu brennen, zur Vermehrung dieser Gassen-Altäre und zurStrassenErleuchtung an.

Ende des Worts über die Puppen

Ich bin dem Leser noch die Ursache schuldig, aus der die Ministerin sich zur Jeannen-Rolle drängtees war, weil ihre Rolle ihr einen kürzern Rock erlaubte, – oder mit andern Worten, weil sie alsdann ihre lilliputischen Grazien-Füsse leichter spielen lassen konnte. An ihrer Schönheit waren sie das einzige Unsterbliche, wie am Achilles das einzige Sterbliche; in der Tat hätten sie, wie des Damhirschchen seine, zu Tabakstopfern getaugt.

Wie viel besser nahm sich Oefel aus! Der ist ein Narr geradezu, aber in gehörigem Masse. Die Residentin überholte jene in jeder Biegung des Arms, den ein Maler, und in jeder Hebung des Fusses, den eine Göttin zu bewegen schien; sogar im Auflegen des Rots, woran die Bouse ihre Wangen bei einer Fürstin angewöhnen musste, welche von allen ihren Hofdamen diese flüchtige Fleischgebung zu fodern pflegteihr Rot bestreifte, wie der Widerschein eines roten Sonnenschirms, sie nur mit einer leisen Mitteltinte .... In Rücksicht der Schönheit unterschied sich die ihrige von der ministeriellen, wie die Tugend von der Heuchelei ....

Das Drama wurde von den fünf Spielern nicht im Operhause, sondern in einem saal des Schlosses, der die Krönung der Residentin begünstigte, in die Welt geboren. Ich war nicht dabei; aber man hinterbrachte mir alles. Die gute Marie, Beata, hatte zu viele Empfindung, um sie zu zeigen; sie fühlte, dass sie die Wiederholung ihres Schicksals dramatisiere, und sie besass zu viele von den guten Grundzügen des weiblichen Charakters, um sie vor so vielen Augen zu entblössen. Ihre beste Rolle spielte sie also innerlich. Henri, Gustav, spielte ausser der innerlichen auch die äusserliche gut, aus der nämlichen Ursache. Nebst der Musik isolierte und hob ihn gerade die Menge, die ihn umsass, aus der Menge; und das Feierliche gab seinen inneren Wellen die Stärke und Höhe, um die äussern zu überwältigen. Der Brief, den er überreichen wollte, verwirrte seine Rolle mit seiner geschichte, die ich schreibe; und das falsche Lob, das die Ministerin seiner neulichen Proberolle aus eben der unüberzeugten Affektation gegeben hatte, woraus sie die ihrige überspannte, half ihm wahres ernten. – Der blödeste Mensch ist, wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt, der herzhafteste, wenn sie emporlodert. –

Es wäre lächerlich, wenn mein Lob von der Wärme seines Spiels bis zur Feinheit desselben ginge; aber die Zuschauer vergaben ihm gern, weil die Armut an letzter3 sich mit dem Reichtum an erster verband, um sie in die Täuschung zu ziehen, er sei vonland und bloss Henri. –

Dieses Feuer gehörte dazu, um seiner geliebten Marie Beata an der Stelle, wo er ihr die Brüderschaft aufkündigt, den wahren Liebebrief zu gebensie faltete ihn zufolge ihrer Rolle aufunendlich schön hatte' er die sein ganzes Leben umschlingende Worte gesagt: "O doch, ich bin ja dein Bruder nicht" – sie blickte auf seinen Namen darinsie erriet es schon halb aus der Art der Übergabe (denn sicher mankierte noch kein Mädchen einer männlichen List, die es zu vollenden hatte) – aber es war ihr unmöglich, in eine verstellte Ohnmacht zu fallendenn eine wahre befiel siedie Ohnmacht überschritt die Rolle ein wenigGustav hielt alles für Spass, die Ministerin auch und beneidete ihr die Gabe der Täuschung. – Henri weckte sie bloss mit Mitteln, die ihm sein Rollen-Papier vorschrieb, wieder auf, und sie spielte in einer Verwirrung, die der Kampf aller Empfindungen, der Liebe, der Bestürzung und der Anstrengung, gebar, und in einer andern als teatralischen Verschönerung bis zu Ende Henris Geliebte, um nicht Gustavs seine zu spielen. Nach dem Spiele musste sie allen übrigen Lustigkeiten des heutigen Abends entsagen und in einem Zimmer, das ihr der Fürst so wie der Doktor mit vielem empressement aufdrang, Ruhe für ihre nachzitternden Nerven und im Briefe Unruhe für ihren schlagenden Busen suchen. Ich hebe, Teure, den Vorhang immer höher auf, der damals noch das verhüllte, was jetzt deinen Nerven und deiner Brust die Ruhe nimmt!

Gustav sah nichts; an der Tafel, woran er sie vermisste, hatte' er nicht den Mut, seine fremden Nachbarinnen um sie zu fragen. Andre Dinge fragt' er kühner heute; nicht bloss der heutige Beifall war eine Eisenund Stahlkur für seinen Mut gewesen, sondern auch der Wein, den er nicht trank, sondern ass an den närrischen Olla Potridas der Grossen. Dieses gegessene Getränk feuerte ihn an, die