. ich will aber über mich herrschen: so viel ist psychologisch wahr, dass ein bekanntes Mädchen uns an einem fremden Orte auch fremd, aber nur desto schöner wird. Dieses hatte Beata mit der strahlenden Residentin gemein, aber ein gewisser Hauch von bescheidner Furchtsamkeit verschönerte sie mit seinem Schleier allein. Warum war Gustav diesesmal von ihr verschieden? Darum: die männliche Blödigkeit liegt bloss in der Erziehung und in Verhältnissen; die weibliche tief in der natur – der Mann hat innerlichen Mut und bloss oft äusserliche Unbehülflichkeit; die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu – jener drückt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten, diese durch Zurückweichen aus.
Die Ohnmächtige, die sogenannte Défaillante, oder die Ministerin heute ausgenommen! Ihr Winken und Blinken, ihr Lispeln und Zappeln, ihr Witzeln und Kitzeln, ihr Fürchten und Wagen, ihr Kokettieren und Persiflieren – wie soll das der einbeinige Jean Paul biographisch kopieren in gemeiner schlechter Prose? – Gleichwohl ist es gar nicht anders zu machen, und er muss. Wenn die bunten Köpfe der Weiber im grossen Garten der natur die blauen, roten Glaskugeln auf lackierten Stativen vorzustellen hätten (welches unter hundert Männern nicht einer glaubt): so würde' ich in meiner Schilderung so fortfahren: der Ministerin ihrer war nicht übel, sondern bunt; dieser Kopf war ein kurzer pragmatischer Auszug aus zehn andern Köpfen, die nämlich Haare, Zähne, Federn dazu zusammenschossen.
Sie war eine Antike von grosser Schönheit, die aber nach den Verwüstungen der Jahre und Menschen nicht mehr unbeschädigt zu haben war; sie musste also durch geschickte Bildhauer mit neuen Gliedern – z.B. Busen, Zähnen – ergänzet werden.
Auf den Wangen war die Legierung mit Rot, die tiefere Nachbarschaft wurde mit Weiss2 legiert.
Diejenigen Zähne, die den Menschen in die Reihe der grasfressenden Tiere setzen, die Schneidezähne, waren um so mehr so weiss wie Elfenbein, weil sie selber eines waren, und waren aus dem mund eines grasfressenden Tieres; – ich mag nun darunter einen Elefanten oder einen gemeinen Mann verstehen, der die Zähne, die er als Ableger einem edlern Stamm einimpfet, selten in etwas anders als Vegetabilien setzet: so ist doch so viel gewiss, dass kein andrer Nachsatz dieses Periodens herpasset als der: sie hatte noch einmal so viel Zähne als andre Christinnen, und zwei Goldfäden dazu, weil der Zahnarzt die einen allemal im haus und unter der Bürste hatte, während die andern die Dental-Buchstaben aussprachen.
Da man nach den neuesten Lehrbüchern die Trigonometrie und die Busen bloss in ebene und sphärische einteilen kann, und da sie ganz die scheinbare Wahl vor sich hatte: so zog ihr messkünstlicher Geist diejenigen Grössen, die dem Messkünstler die meiste Anstrengung und das meiste Vergnügen geben, vor – die sphärischen.
Der Anzug selber suchte, von den Schuhrosetten bis zu den Hutrosetten, seinen Wert in der Form weit weniger als in der Materie und konnte mitin weniger mit den Augen als auf Juwelier-Waagen geschätzet werden, weniger nach Schönheitlinien als nach Karats – es blieb also zwischen ihr und ihrer gesetzgebenden Puppe immer ein Unterschied; übrigens musste sie sich nach dieser so gut wie jede andre tragen. Ich will nur ein Wort zu seiner Zeit über die Puppen sagen.
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Das Wort über die Puppen
Diese Hölzer haben bekanntlich die gesetzgebende Macht über den schönern teil der weiblichen Welt in Händen; denn sie sind die Legaten und Vizeköniginnen, welche aus Paris von der im Putz regierenden Linie abgeschickt werden, damit sie die weiblichen deutschen Kreise regieren – und diese hölzernen Plenipotentiare senden wieder ihre Köpfe (Haubenköpfe) als missi regii weiter herunter, damit diese die gemeinem Honoratiorinnen beherrschen. Können diese regierenden Häupter von Holz nicht selber kommen: so schicken sie – wie lebende Fürsten im geheimen Rate ihre Stelle durch ihr Porträt versehen lassen – ihre gesetz und ihre Bildnisse in Schmaussens Corpus aller Reichsabschiede der Mode, welches Corpus wir alle unter dem Namen Modejournal in Händen haben. Bei solchen Umständen – da ein Holz dem andern in die hände arbeitet, aber uneigennütziger als ganze Kollegien, da ferner jährlich neue wie die Prokonsule gewählet werden – wunder' ich mich nicht, dass es mit dem Regimentwesen an den Toiletten gut bestellet ist, und dass das ganze weibliche gemeine Wesen, das Männer nicht beherrschen können, von den in Bassgeigenfutteralen geschickten Wahlregentinnen, die in dieser Aristokratie von Petersburg bis nach Lissabon stehen und lenken, vortrefflich in Ordnung und unter Gesetzen erhalten wird. – –
Ich bin der Mann nicht, dem man es erst zu sagen braucht, dass die Puppen, auch die hölzernen, überkleidete Statuen sind, die man verdienten Frauen (in Rücksicht des Anzugs) setzet; – vielmehr bin ich überzeugt, dass diese öffentlichen Denkmäler, die man dem ankleidenden Verdienste errichtet, schon recht viele zur Nacheiferung angefrischet haben und hoffentlich noch mehre anfrischen werden, da ein grosser Mann selten so viel Gutes wirkt als seine Statue, die man verehrt; aber ein Hauptpunkt, ohne den sonst alles hinkt, ist offenbar der, dass die Statuen zu – sehen sein müssen. Ohne den geb' ich keinen Deut für alles. Was Sokrates an der Philosophie tat, möchte' ich an den besten Puppen tun und sie vom Himmel der Grossen auf die Erde des Pöbels ziehen. Ich meine, dass, wenn man die Marienbilder oder auch selber Apostel und Heilige, die man in katolischen Kirchen bisher ohne den geringsten Nutzen und Geschmack aus- und anzog, vernünftiger und zweckmässiger ankleidete, nämlich so wie die