und sie würden sich von ihm in nichts als in der Unparteilichkeit und Schönheit unterscheiden, wenn sie an seiner Statt vielleicht wie er wählten, wem der Rosenkranz, eh' der Schmetterling von ihm flöge – einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die grösste Rose gesteckt –, aufzusetzen sei .... "Unserer Rosen-Königin!" riefen die Schwestern und brachten den Kranz der Residentin hin.
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So weit das Drama. Oefel war nichts lieber und glücklicher als die schmeichelnde Folie des andern. übrigens sah sein Stück wie eine Idylle von Fontenelle aus. Die Phantasie, die den von der Kultur dünn geschliffnen Leuten gefallen will, muss schimmern, aber nicht brennen, muss das Herz kitzeln, aber nicht bewegen; die Äste einer solchen Phantasie werden nicht von schweren gedrängten Früchten, sondern von Schneelast niedergebogen. An solchen Hof-Poeten und an Ohrwürmern sind die Flügel gleichsam unsichtbar und winzig, aber beide finden leichter die Wege zum Ohr. An deutschen Gedichten ist nichts; hingegen die meisten französischen riechen nicht nach der Studier- und Sparlampe, sondern eher nach parfümierten Strumpfbändern, Handschuhen u.s.w., und je weniger sie haben, was den Menschen interessiert, desto mehr haben sie, was den Weltmann reizt, weil sie nicht mehr die natur und Himmel und Hölle, sondern ein paar Besuchzimmer abmalen und so nicht ungeschickt in immer engere Windungen des Schnekkenhauses sich zurückdrängen.
Oefel war zugleich Teater-Dichter, Spieler und Rollen-Schreiber. Er zog aus dem Drama die Rolle Beatens heraus, die er mit den feinsten Anspielungen auf ihr gegenseitiges Liebeverständnis (dachte' er) oder auf ihr einseitiges (denke' ich) in die Welt gesetzet hatte. Die zärtlichsten Winke hatte' er in den Stellen, wo er mit Beata zusammen spielte, hinein versteckt. Er zog deswegen unter manche feine Liebeerklärung und Empfindung bei dem Abschreiben eine exegetische Linie und bezifferte verständig seinen Generalbass. "Über tausendmal wird die Schalkhafte das überlesen", sagt' er zu sich.
Darauf überreichte er ihr bald nach ihrer Ankunft ihre Rolle mit weit mehr scheuer Ehrfurcht, als er selber wusste. Zum Unglück für unsern guten dramatisierenden Hasen fiel Beata in zwei Fehler auf einmal aus einer Ursache. Die Ursache war bloss, der Amor hatte in ihrem Herzen sein Laboratorium aufgerichtet und hatte seine chemischen Ofen und alles hineingesetzt: daraus musste ihr erster Fehler entstehen, dass sie schöner aussah als sonst ohne diese Wärme; denn jede Empfindung und jede innere Streitigkeit nahm auf ihrem Gesicht die Gestalt eines Reizes an. Von der Liebe kam auch ihr zweiter Verstoss, dass sie sich gegen Oefel heute weit zutraulicher und freimütiger betrug als sonst; denn ein liebendes Mädchen hat von allen übrigen Gegenständen (d.h. von den eignen Empfindungen für sie) nichts mehr zu befahren. Herr von Oefel aber addierte auf seiner Rechenhaut ein ganz andres Fazit heraus; er nahm alles für Freude, dass er nun wieder – zu haben sei. Er ging folglich mit einem Herzen fort, das der Amor so mit lilliputischen Pfeilen vollgeschossen hatte wie ein Nähkissen mit Nadeln.
Er sagte noch an jenem Tage: "Ist das Herz einer Frau einmal so weit, so braucht man nichts zu tun, als dass man sie tun lässt." Das war ihm herzlich lieb; denn es ersparte ihm die – Bedenklichkeit, sie zu verführen. Sooft er Lovelacens oder des Chevaliers3 Briefe las: so wünschte er, sein einfältiges Gewissen liess' ihm zu, ein ganz unschuldiges widerstrebendes Mädchen nach einem feinen Plane zu verführen. Aber sein Gewissen nahm keine Vernunft an, und er musste sein ganzes Kaper-Vergnügen auf die Verführung solcher unschuldigen Personen, die er in seinem kopf oder in seinem Roman agieren liess, einschränken: so sehr herrschet im schwachen Menschen die Empfindung über die Entschliessungen der Vernunft, sogar in philosophischen Damen. Mitin blieben der Weiberkenntnis Oefels statt der Fangeisen für die Unschuld nur die für die Schuld zu legen übrig, und das einzige, wo er noch mit Ruhm arbeiten konnte, war das, der Verführer von Verführerinnen zu sein.
Man erlaube mir, eine scharfsinnige Bemerkung zu machen. Der Unterschied zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den Nationen und Jahrzehenden von beiden. Der Chevalier ist mit einer solchen philosophischen Kälte ein Teufel, dass er bloss unter die Klopstockschen Teufel gehört, die nie zu bekehren sind. Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann, bloss ein eitler Alcibiades, der durch einen staates- oder Ehe-Posten halb zu bessern wäre. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende, kämpfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu nähern scheint, mildert er seine gleissende Schwärze durch einen Kunstgriff, der seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die grösste Ehre macht und welcher der ist, – dass er, um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen, den wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, für ein teatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht gerührt zu werden, nur die Schönheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, nur die malerische, nicht die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen alles verhärten; daher schöne Geister, Maler und ihre Kenner bloss oft darum für das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben, weil sie es für artistisches halten.
Ich muss aber schneller zum Festtage der Residentin eilen, dessen Gewebe unsern Gustav mit Fäden so