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jene Menschen-Segmente sie kennen lernten. Heutiges Tages muss jede Seele vonStand desorganisiert und entkörpert werden. Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz verschiedne Operationen. Die kürzeste und schlechteste meines Erachtens ist die, dass sich der Menschaufhenkt und dass so die Seele den Körper von sich wie eine Warze abbindet. Ich wurde keinen Grossen deshalb tadeln, wenn ich nicht wüsste, dass er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe, wodurch er seinen Leib gleichsam als die Form, worein die geistige Statue gegossen ist, bloss gliedweise ablösen kann. Ich will hier nicht in den Fehler der Kürze, sondern lieber in den entgegengesetzten fallen. Also: der Körper ist nach Philosophen, die auch eine Seele haben, bloss ein Werkzeug, ihre und unsre auszubilden und sie an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewöhnen. Die Seele muss alle Fäden, die sie an den Klumpen schnüren, nach und nach zerfressen und abbeissen. Er ist ihr das, was den Kindern, die schwimmen lernen, der korkene Kürass2 ist: täglich muss sie diesen Kürass zu verkleinern suchen, um endlich ohne ihn zu schwimmen. Der philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender Unionen schafft also von diesem Schwimm-Panzer anfangs nur das Fleisch an Beinen und Backenknochen beiseite. Das ist noch wenig. Darauf brennt er durch Glühfeuer Gehirn, Nerven und anders Zeug weg, weil sie das Küchenfeuer aushielten. Die Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Mühe weg. Der wichtigste Schritt bei dieser Kürass-Sektion ist der, dass man ohne das Barbiermesser des Origenes so viel bewerkstelligenur sanfterwie er. Ist das vorbei: so hat man zu jener völligen Ertötung nicht mehr weit, wo der ganze Kürass rein herunter ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat, ohne von ihrem Schwimmkleid nur so viel, als man zum Verkorken einer Flasche bedarf, noch um sich zu haben. nachher wird man beerdigt. So wenigstens trägt man in geheimen Gesellschaften von Ton die menschliche Entkörperung vor.

Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schön wie zerbrochne Porzellan-Gefässe holländische Beete; zweitens hatte sie die höflichste Art von der Welt, grob zu sein. Wäre unter diesen Leuten ein gewisses je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit, zwischen Feinheit und Beleidigung: so fehlte er.

Ich sagte oben, es war Zeit, dass unser Paar ankam, des Herrn von Oefels wegen. Denn das Geburtfest der Residentin rückte heran, gleichwohl hatte noch kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert. Die Leser haben noch ebensowenig vom GeburttagDrama im kopf als die Spieler; daher soll ihnen hier ein dünner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden.

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Dekokt aus dem Geburttag-Drama

In einem französischen dorf waren zwei Schwestern so gut, dass jede verdiente, das Rosenmädchen zu werden, und so uneigennützig, dass jede wollte, die andre würde' es. Marie hiess die eine und Jeanne die andre. Am Tage vor der Austeilung der Preismedaille von Rosen stritten sie sich darüber, wer sieausschlagen sollte: denn sie wussten von recht guter Hand, dass bloss auf eine von ihnen die Rosenkrone fallen würde. Jeannevon der Ministerin gespieltwischte durch den schönen Einfall unter der Laubkrone hinweg, dass sie ihren Liebhaber PerrinOefel stellte den voröfter und öffentlicher um sich hatte, als eine RosenKompetentin soll. Marie (die Rolle von Beata) konnte also die Krönung nicht von sich, wie es schien, abwendenindessen bat sie ihren Bruder Henri (Gustav war es), der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem haus durch seine Reisen weggewesen, diesen bat sie um Sieg in diesem uneigennützigen Wettstreite. Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu bereden; endlich aber, da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so entschieden sah, versprach er, für eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu ersparen. "Aber du musst noch grössere Liebe für mich haben", sagt' er; – "die schwesterliche", sagt sie; – "eine noch stärkere", sagte er; – "die freundschaftlichste", sagte sie; – "eine noch viel stärkere", sagt' er; – "weiter gibts keine grössere", sagte sie; – "o doch! ich bin ja dein Bruder nicht", sagt' er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein Papier, das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafür in eine kleine Freuden-Ohnmacht stürzte. Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und Kranz-Kollator (der Fürst spielte diese Rolle sogar auf demTeater), und jede kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede für ihre Schwester und durch feine Invektiven auf sich selber zuvor. Der kokettierende Wicht Perrin quästionierte: sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne? – Marie gab eine fliegende Schilderung von den Vorzügen, denen eine solche Bekrönung gebühre und die zum teil feine Züge aus Bousens Bilde waren. Der Gutsherr sagte: diese schwesterliche Unparteilichkeit, die so sehr zu bewundern sei wie die Verdienste, die sie zu belohnen suche, verdiene zwei Rosenkronen, eine, um belohnt zu werden, und eine, um selber zu belohnen; (niemand, fiel der scheinbar den Damen und wirklich dem Fürsten schmeichelnde Oefel ein, teilt Kronen schöner aus, als wer sie selber trägt;)