Spiel konnte kaum besser stehen – es war auf meines Vaters Sekundenuhr, die neben dem Schachbrett lag, schon viel über halb zwölf – er hatte nur drei Offiziere und ich noch alle meine – ohn' ein Wunderwerk war er in 18 Minuten matt – eine fliegende Röte spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht – wir wurden zuletzt ordentlich beklemmt, und selbst der Doktor sagte kein lustiges Wort mehr – bloss mein weisses Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch herum – kein Mensch denkt natürlicherweise auf die Katze, und er bietet mir im Spiele das erste Schach – nun mocht' er (oder war ichs? denn ich schlage zuweilen auch solche Pralltriller auf dem Tische) mit den Fingern einen auf der Bande machen – wie der Blitz fährt die Bestie, die es für eine Maus halten muss, darauf hin und schmeisset uns das ganze Spiel um und da sitzen wir! Stellen Sie sich vor! Ich halb froh, dass ihm diese Mittelsperson die Beschämung des förmlichen Korbes abnimmt – er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn – mein Vater mit einem voll Verlegenheit und Zorn – und der Doktor, der in der stube mit den zehn Fingern herumschnalzet und schwört: 'der Rittmeister hätt' es gewonnen, so gewiss wie Amen!' Kein Mensch wich mit seiner Fusssohle von der Stelle, der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in einem Entusiasmus, den unsre verlegne Stille immer mehr erhob, vor einer weissen Amorbüste, vor einem Miniaturporträt meines Vaters und vor seinem eignen Bilde im Spiegel auf die Knie hin und betete: 'Heiliger Herr von Knör! heiliger Amor! heiliger Fenk! bittet für den Rittmeister und schlagt die Katze tot! Ach würdet ihr drei Bilder lebendig: so würde Amor gewiss die Gestalt des Doktor Fenks annehmen, und der lebendig gewordene Amor würde die Hand des lebendig gewordenen Knörs ergreifen und ihr die der Spielerin geben – seine gäbe ihre dann vielleicht weiter. Ihr Heiligen! bittet doch für den Rittmeister, der gewonnen hätte!' – Das ist aber nicht wahr, und zum Unglück war nur der Termin zu einem neuen Spiele zu kurz." ...
Da nun der Iltis-Doktor (ich selber erzähle als Autor wieder) aufstand und wirklich die Hand von Knör in Ernestinens ihre legte und sagte, er sei der Amor – da überhaupt durch die Versicherungen des Doktors und durch die Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen, von Menschen und Katzen geneckten Spielers ebensoviel zu verlieren hatte als die Liebe desselben – da ich in einem ganzen Sektor zeige, dass Falkenberg vom ältesten Adel im ganzen land war – und da zum Glück im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen Erziehung (wie bei mehren Landedelleuten) halb unter dem Firnis der Sitten seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Möbel unter modischen: so ging der elektrische Entusiasmus des Doktors in grossen Funken in des Vaters Busen über, und Knör legte hingerissen die Hand Ernestinens, die zum Scheine erstaunte, in des Rittmeisters seine, ders im Ernste tat – und der Bräutigam drängte und warf sich in einem Sturm von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen Schwiegervaters, eh' er, weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte, etwas kälter die geschickte Hand nachküsste, welche ihm bisher diesen doppelten Triumph entzogen. – – –
Dies verdachte ihm die Inhaberin der Hand; aber ich verdenk' es wieder ihr; mit welchem Grund will sie dem mann, der gar keine Seele, seine eigne kaum und eine weibliche nie erriet, ansinnen, dass er seine Weisheitzähne und seinen Philosophen-Bart soll so ausserordentlich lang gewachsen tragen, wie der geneigte Leser beide trägt, dem es freilich nicht erst hier vorgedruckt zu werden braucht – er merkte alles schon vor drei guten Stunden –, dass hinter der Kopulierkatze etwas stak und steckte, Ernestine nämlich selber.
Es war so ... Ich brauch' es aber dem Leser kaum zu berichten, da er es schon längst gewusst, dass Ernestine die Kitt- und Heftkatze vier Abende vorher täglich privatissime auf den Tisch stellte und sie abrichtete, auf die Finger loszufahren, wenn sie trillerten – und ich freue mich, dass der Scharfsinn des Lesers kein gewöhnlicher ist, weil er weiter mutmasset; denn sie liess also auch am letzten Abend das Kleisterälchen von Katze als Leimrute nachschleichen, versenkte es bis um 111/2 Uhr in ihren Schoss und hob endlich mit dem Knie diesen Katzen-terminus medius aus dem Schosse auf den Spieltisch, und der terminus tat nachher das Seinige. – Armer Rittmeister!
Nachdenklich ist es aber. Denn wenn auf diese Art Weiber Anordnung für Zufall und Zufall für Anordnung auszumünzen wissen – wenn sie schon vor den Verlöbnissen (folglich nachher noch mehr) in die erste Linie gegen die Männer, wie Kambyses gegen die Ägypter2, Bundeskatzen stellen, die wie Untergötter ex machina das männliche Spiel umwerfen und das weibliche aufstellen – wenn unter hundert Menschen nur fünf Männer sind, welchen tierische Katzen oder gar menschliche ausstehlich sind, und nur zehn Weiber, denen sie es nicht sind – wenn also ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Bündel Männergarn unter den Armen halten, Hasengarne, Steckgarne, Spiegelgarne, Nacht- und Hänggarne: was soll da das Einbein3 machen, das am nämlichen Tag, wo es einen Roman zu schreiben anfing, zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem Doppelklavier nebeneinander zu Ende führen wollte? Am vernünftigsten, sehe' ich, mach' ich, wenn meine Frau den ganzen Tag am