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der erste, der nach dem tod so bald ins Elysium" (hier sah er schmeichelhaft an den Landschaftstücken der Tapeten herum) "und zu den Göttern käme." Das war bloss satirische Bosheit. Bekanntlich ist es schon ein bewährter Paragraph in der Ästetik aller Elegants, dass sieund ist mein Bruder in Lyon anders? – den Schmeicheleien, die sie den Weibern sagen müssen, den Ton und die Miene der Aufrichtigkeit völlig zu benehmen haben, womit die antiken Stutzer sonst ihre Fleuretten versahen. In diese SpottSchmeicheleien kleidete er seinen Unmut über Weiber und Höfe. Die Weiber brachten ihn auf, weil siewie er glaubtein der Liebe nichts suchten als die Liebe1, indes der Mann damit noch höhere, religiöse, ehrgeizige Empfindungen zu verschmelzen wisseweil ihre Regungen nur Eilboten und jede weibliche Hitze nur eine fliegende wäre und weil sie, wenn Christus selber vor ihnen dozierte, mitten aus den grössten Rührungen auf seine Weste und seine Strümpfe gucken würden. Die Höfe erzürnten ihn durch ihre Gefühllosigkeit, durch seinen Bruder, durch den Volkdruck, dessen Anblick ihn mit unüberwindlichen Schmerzen erfüllte. Daher war seine Reisebeschreibung anderer Länder eine Satire seines eignen, und wie die französischen Schriftsteller unter den Sultanen und Bonzen des Orients einige Zeit die des Okzidents abmalten und abstraften: so war in seinen Erzählungen der Süden der Lehnträger und Pasquino des Nordens. Die sanfte Menschen-Duldung, die er sich in seinem letzten Briefe vorgesetzt, hielt er nicht länger, als bis er ihn gestippt und gesiegelt hatteoder solang' er spazieren gingoder während der sanften Nerven-Herabschraubung nach einem Weinrausch. Auch war ihm wenig daran gelegen, von denen geachtet zu werden, die er selber nicht achtete; mitten unter grossen philosophischen, republikanischen Ideen oder Idealen wurden ihm die Kleinigkeiten der Gegenwart unsichtbar und verächtlich, jetzt zumal, wo die künftige Welt oder die künftigen Welten die dünne verfinsterte, auf der er nach jenen hinsah, wie man durch das geschwärzte Sehrohr keinen Gegenstand erblickt als die Sonne. So brachte er z.B. fünf groteske Minuten bei der Residentin damit zu, dass erda den eigentlichen Körper der Seele nur Gehirn und Rückenmark und Nerven ausmachenden vernünftigsten Hofdamen und den schönsten Hofherrn die Haut abschund in Gedanken, ihnen ferner die Knochen herauszog und das wenige Fleisch und Gedärm, was sie umlag, wegdachte, bis nichts mehr auf der Ottomane sass als ein Mark-Schwanz mit einem Gehirn-Knauf oben dran. Darauf liess er diese umgekehrten Klöppel oder aufgerichteten Schwänze gegeneinander anlaufen und agieren und Fleuretten sagen und lachte innerlich über die gescheitesten Leute von Geburt, die er selber skalpiert und abgeschuppet hatte. Das nennen viele das philosophische Pasquill.

Aus dem neuen Schloss eilt' er ins alte zu Gustav, der ihn zu fliehen schien. Aber auf welche Art er mit Gustav schon längst bekannt geworden, wie er ihm den ersten Brief geben können, warum er wie Gustav (noch jetzt) sich an einen unbekannten Ort regelmässig verfügte, warum er von ihm geflohen wurde, und was sie miteinander im alten schloss für ein dreistündiges Gespräch gehalten, das sich mit der wärmsten Liebe in beiden Herzen schlossdarüber deckt sich noch ein langer Schleier, den meine Mutmassungen nicht aufheben können; denn ich habe allerdings verschiedene, aber sie klingen so ausserordentlich, dass ichs nicht wage, sie dem Publikum eher vorzulegen, als bis ich sie besser rechtfertigen kann. Jede Ader, jeder Gedanke und Herz und Auge wurden in Gustav weiter und vergrösserten sich für eine neue Welt, da er mit dem genialen Menschen sprach. O was sind die Stunden der seelenverwandtesten Lektüre, selbst die Stunden der einsamen Emporhebung, gegen eine Stunde, wo eine grosse Seele lebendig auf dich wirkt und durch ihre Gegenwart deine Seele und deine Ideale verdoppelt und deine Gedanken verkörpert? –

Gustav nahm sich vor, sich aus dem schloss zu Ottomar zu begeben, um es zu vergessen, wer noch weiter darin fehle. Es war ein stummer ausgewölkter Abend, ein Schatte nicht des schon weit weggezognen Sommers, sondern des Nachsommers, als Gustav aufbrach, nachdem er vergeblich auf die Rückkehr und Gesellschaft des Doktors gewartet hatte. In der leeren Luft, durch die keine gefiederte Töne, keine klopfende Herzen mehr flogen, zeigte sich nichts Lebendiges als die ewige Sonne, die kein Erdenherbst bleicht und fället und die ewig offen unsern Erdball immerfort ansieht, indes unter ihr tausend Augen sich öffnen und tausend sich schliessen. An einem solchen Abend springt der Verband von alten Wunden auf, die wir in uns tragen. Gustav kam still im dorf an; am Eingange des Gartens, der das Ottomarsche Schloss halb umlief, stand ein Knabe, der die erhabene Melodie eines erhabenen Lieds2 auf einer Drehorgel dem Gehör eines Kanarienvogels vordrehte, der sie singen lernen sollte. "Ich krieg' schon viel, wenn er es pfeifen kann", sagte der winzige Organist. An einen Baum gelehnt stand Ottomar der weiten Abendröte und diesen Abendtönen gegenüber; die Sonne ausser ihm ging, hinter einer bleifarbenen grossen Wolke in ihm, unter. Gustav musste, eh' er ihn erreichte, vor einer dichten Nische und einem alten Gärtner darin vorbei, an welchem ihn zweierlei wunderte, dass er ihm erstlich mit keinem Worte für seinen Gutenabend dankte, und zweitens, dass so ein alter vernünftiger Mann ein Kindergärtchen auf dem Schosse hatte und besah. Durch die Laube nahm er an einer Sonnenuhr eine Erhöhung wie ein Kindergrab und einen Regenbogen