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nämliche Merkwürdigkeit und Kälte bloss bei der Vereinigung des mineralischen Laugensalzes und der Salpetersäure, und Herr de Morveau sagt aus Einfalt, es fall' auf. – –

Da Beata sich so sehr sehnte, ihren und meinen Helden zu sehen: soging sie, um ihren Wunsch zu verfehlen, einige Tage nach Maussenbach zu ihrer Mutter. Ich will ihr Schirmvogt sein und für sie reden. Sie tat es, weil sie ihm niemals anders aufstossen wollte als von ungefähr; bei der Residentin aber wärs' allemal mit Absicht gewesen. Sie tat es, weil sie sich gern selber kränkte und wie Sokrates den Becher der Freude erst weggoss, eh' sie ihn ansetzte. Sie tat es, weswegen es selten eine täteum ihrer Mutter um den Hals zu fallen und ihr alles zu sagen. Endlich tat sie es auch, um zu haus das Porträt Gustavs, das der Alte versteigert hatte, aufzusuchen.

Ich erfuhr alles schon am Tage ihrer Rückreise, da ich in Maussenbach als eine ganze adlige Rota anlangte, um eine arme Wirtin weniger zu bestrafen als zu befragen, weil siewie man in der Pariser Oper für wichtige Rollen die Spieler doppelt und dreifach in Bereitschaft hältdie erhebliche Rolle ihres Ehemannes anstatt mit einem Double sogar mit zwölf Leuten aus der Gegend vorsichtig besetzt hatte, damit fortgespielet würde, sooft er selber nicht da wäre. Und hier war es, wo ich abnehmen konnte, wie wenig mein Herr Gerichtprinzipal zum Ehebruch geneigt sei, sondern vielmehr zur Tugend; er war ordentlich froh, dass das ganze Flöz von eingepfarrten Ehebrechern gerade vor seinem Ufer vorbeikam und dass er das Werkzeug wurde, womit die Gerechtigkeit diese geheime Gesellschaft heimsuchte und auswichste. Daher suchte er in der Wirtin wie in Jöchers Gelehrten-Lexikon mit Lust nach den Namen wichtiger Autoren, und sie war seinem tugendhaften Ohr ein Homer, der die verwundeten Helden sämtlich bei Namen absingt; daher schenkte er ihr aus Mitleiden, weil sie gar nichts hatte, seine Geldstrafe ganz; aber die ehebrechende Union und truppe wurde unter die Stampfmühle und in die Kelter gebracht, oder ihr Saugwerke und Pumpenstiefel angelegt. –

Also in Maussenbach beim Auspressen des ehebrechenden Personale erzählte mir die Gerichtprinzipalin, was ihr die Tochter erzähletum mich zu bitten, dass ich als voriger Mentor des Liebhabers das Paar auseinanderlenken sollte, weil ihr Mann die Liebe nicht litte. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich über der Biographie vom Paare und ihrer eignen wäre und dass die Liebe das Heftpflaster und der Tischlerleim sei, der die ganze Lebensbeschreibung und das Paar verkittete, und ohne welchen mein ganzes Buch in Stükken zerfiele, dass ich also die Jenaer Rezensenten beleidigen würde, wenn ich ihm seine Liebe nehmen wollte. – Aber so viel konnte' ich ihr wohl sagen, es sei unmöglich, denn die Liebe eines solchen Paars sei feuerfest und wasserdicht. Ich kam ihr mit meinem Gefühl ein wenig einfältig vor; denn sie dachte an ihre eigne Erfahrung. Ich fügte verschlagnerweise hinzu: "das Falkenbergische Haus hebe sich seit einigen Jahren und tue hübsche Kapitalien aus." Sie antwortete mir bloss darauf: "zum Glück erfahr' es ihr Mann nie" (denn eine Menge Geheimnisse sagte sie allen Menschen, aber nicht ihrem mann) – "denn der habe ihrer Beata schon eine ganz andre Partie zugedacht." Mehr konnte' ich nicht erforschen.

Aber eine hübsche Suppe wird da für den Helden nicht bloss, sondern auch für den Lebensbeschreiber eingebrockt; denn letzter hat am Ende doch das meiste wegen der Schilderung heftiger Auftritte auszubaden und muss oft an solchen Sturm-Sektoren ganze Wochen verhusten. Ich wills dem Leser nur aufrichtig vorausgestehen: ein solcher Schwaden und Sturmwind ist schon am vorigen Freitag über das neue Schloss gesauset und am Sonnabend durch Auental und meine stube gefahren, wo Gustav zerstöret zu mir kam und bei mir Nachricht einzog, ob die Rittmeisterin von Falkenberg, die mit ihrer Mitteltinten-Katze meinen ersten Sektor einnimmt und die bekanntlich Gustavs Mutter ist, ob diesie wirklich sei .... Inzwischen wird doch mutig fortgeschritten; denn ich weiss auch, dass, wenn ich mein biographisches Eskurial und Louvre ausgebauet und endlich auf dem dach mit der Baurede sitze, ich etwas in die Bücherschränke geliefert habe, dergleichen die Welt nicht oft habhaft wird und was freilich vorübergehende Rezensenten reizen muss, zu sagen: "Tag und Nacht, Sommer und Winter, auch an Werkeltagen sollte ein solcher Mann schreiben; wer kann aber wissen, obs keine Dame ist?"

Nun fället also auf allen nächsten Blättern das Wetterglas von einem Grad zum andern, eh' der gedrohte Sturmwind emporfährt. Wie Gustav die abwesende Beata liebte, errät jeder, der empfunden hat, wie die Liebe nie zärtlicher, nie uneigennütziger ist, als während der Abwesenheit des Gegenstandes. Täglich ging er zum grab des Freundes wie zum heiligen grab, an den Geburtort seines Glücks, mit einem seligen Beben aller Fibern; täglich tat er es um eine halbe Stunde später, weil der Mond, das einzige offne Auge bei seiner Seelen-Vermählung, täglich um eine halbe später kam. Der Mond war und wird ewig die Sonne der Liebenden sein, dieser sanfte Dekorationmaler ihrer Szenen: er schwellet ihre Empfindungen wie die Meere an und hebt auch in ihren Augen eine Flut. – Herr von Oefel warf den blick des Beobachters auf Gustav und sagte: "Die Residentin hat aus Ihnen gemacht, was ich aus dem fräulein von