1793_Jean_Paul_048_116.txt

man höhere Sterne oder gar die Planeten und ihre Tochterländer zu Blumenkübeln macht, in die uns der Tod steckt, wie etwa der Amerikaner nach dem tod nach Europa zu fahren hofft. Die Europäer würden seinen Wahn erwidern und Amerika für die Walhalla der Abgeschiednen halten, wenn nur unsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen etwa 60000, wie die bekannte des Mondes, entfernt von uns hinge. O mein Geist begehrt etwas anders als eine aufgewärmte, neu aufgelegte Erde, eine andre Sättigung, als auf irgendeinem Kot- oder FeuerKlumpen des himmels wächset, ein längeres Leben, als ein zerbröckelnder Wandelstern trägt; aber ich begreife nichts davon ....

Komm nur recht bald zu meinem kopf, dem du die eine Locke genommen: solange ich lebe, soll die Seite, an der du den Lockenraub begangen, zum Andenken, was ich war und werde, ohne Zierde bleiben. etc.

Ottomar."

*

Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks, später aber Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden, mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem ebnen ab, der die natur bloss verdoppelt, indem er sie malt. So werden die handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern der Tugend grössere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden. Ottomar wird einmal die übertreffen, die ihn jetzt tadeln können. übrigens werde' ich ihn im Verfolge dieser Viel-Lebensbeschreibung nicht schelmisch behandeln, sondern ehrlich, ob er es gleich nicht heissen Brennpunkt seiner Fehler geriet, zerfielen wir ein wenig miteinander: – seitdem glaubt er, ich hass' ihn von Herzen; allein ich glaube, ich lieb' ihn von Herzen, hab' aber, wie hundert andre, eine besondre Freude an meiner verheimlichten leidenden Liebe.

Fünfunddreissigster oder Andreas-Sektor

Tage der LiebeOefels LiebeOttomars Schloss

und die Wachsfiguren

Ich tunke heute schon wieder in mein biographisches Dintenfass, weil ich nunmehr mit meinem Gebäude bald an die Gegenwart stosseam heiligen Weihnachtfeste hoff' ich nach zu sein –; ferner weil heute Andreastag ist und weil mein Hausherr unter dem Geschrei seiner Kinder einen Birkenbaum in die stube und in einen alten Topf eingestellt hat, damit er zu Weihnachten die silbernen Früchte trage, die man ihm anbindet. Über so etwas vergess' ich Gerichttage und Termine.

Gustav wachte am Morgen nach der Liebeerklärung, nicht aus seinem Schlafedenn darein konnte nach diesem Königschuss im Menschenleben nur ein menschlicher Dachs oder eine Dächsin fallen –, sondern aus seinem brausenden Freuden-Ohrenklingen auf. Entzückungen zogen im Ringeltanz um sein inneres Auge, und sein Bewusstsein langte kaum zu seinem Geniessen zu; welcher Morgen! In einem solchen Brautschmuck trat die Erde nie vor ihn. Es gefiel ihm alles, sogar Oefel, sogar das Oefelsche Prahlen mit Beatens Liebe. Das Schicksal hatte heuteden Verkeinen eiternden Splitter, den er nicht gleichgültig in seine von der ganzen Seligkeit bewohnte und gespannte Brust eingelassen hätte. So ersetzt oft die höchste Wärme die höchste Kälte oder Apatie; und unter der Täucherglocke einer heftigen ideesei es eine fixe oder eine leidenschaftliche oder eine wissenschaftlichestecken wir beschirmt vor dem ganzen äussern Ozean.

Beaten gings ebenso. Diese sanfte fortvibrierende Freude war ein zweites Herz, das ihre Adern füllte, ihre Nerven beseelte und ihre Wangen übermalte. Denn die Liebe stehtindes andre Leidenschaften nur wie Erdstösse, wie Blitze an uns fahrenwie ein stiller durchsichtiger Nachsommertag mit ihrem ganzen Himmel in der Seele unverrückt. Sie gibt uns einen Vorschmack von der Seligkeit des Dichters, dessen Brust ein fortblühendes, tönendes, schimmerndes Paradies umfängt und der hineinsteigen kann, indes sein äusserer Körper das Eden und sich über polnischen Kot, holländischen Sumpf und siberische Steppen trägt. –

O ihr Wollüstlinge in Residenzstädten! wo reicht euch die Gegenwart nur eine solche Minute, als hier die Vergangenheit meinem Paare ganze Tage vorsetzt; euch, deren harte Herzen vom höchsten Feuer der Liebe, wie der Demant vom Brennspiegel, nur verflüchtigt, aber nicht geschmolzen werden?

Aber wie Abendrot am Himmel so umherfliesset, dass es die Wolken des Morgenrots besäumt: so war auf Beatens Wangen neben dem Rot der Freude auch das der Schamhaftigkeitwiewohl nicht länger, als bis des Geliebten Gestalt, wie ein Engel, durch ihren Himmel flog. – Beide sehnten sich, einander zu sehen; beide fürchteten sich, von der Residentin gesehen zu werden; die Entdeckung und noch mehr die Beurteilung ihrer Empfindungen hätten sie gern gemieden. Es gibt einen gewissen stechenden blick, der weiche Empfindungen (wie der Sonnenblick das Alpen-Tierchen Sure) zersetzt und umbringt; die schönste Liebe schlägt ihre Blumenblätter zusammen vor dem gegenstand selber; wie sollte sie den sengenden Hofblick ausdauern?

Mit Einsicht ergreift hier der Lebensbeschreiber diese gelegenheit, die Ehen der Grossen mit zwei Worten zu loben; denn er kann sie mit den unschuldigen Blumen vergleichen. Wie Florens bunte Kinder bedecken Grosse ihre Liebe mit nichtswie sie gatten sie sich, ohne sich zu kennen oder zu liebenwie Blumen sorgen sie für ihre Kinder nichtsondern brüten ihre Nachkommen mit der Teilnahme aus, womit es ein Brütofen in Ägypten tut. Ihre Liebe ist sogar eine dem Fenster angefrorne Blume, die in der Wärme zerrinnt. Unter allen chymischen und physiologischen Vereinigungen hat also bloss eine unter Grossen das Gute, dass die Personen, die miteinander aufbrausen und Ringe wechseln, eine entsetzliche Kälte verbreiten: so findet man die