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ich das Choralbuch auf einen tiefen Ton und zog die Bälge in einem fort, um nicht den stummen Zwischenraum zwischen den Tönen auszustehenein summender Ton strömte fort, wie wenn er hinter den Flügeln der Zeit nachginge, er trug alle meine Erinnerungen und Hoffnungen und in seinen Wellen schwamm mein schlagendes Herz .... Von jeher machte ein fortbebender Ton mich traurig.

Ich verliess meine Auferstehungstätte und sah nach der weissen Pyramide des Eremitenberges, wo nichts auferstand und wo das Leben fester schlief; die Pyramide stand in Mondschimmer getaucht, und mit mir wandelte ein langer Wolkenschatten. Blätter und Bäume krümmte der Herbst; über die stachlichten Wiesenstoppeln wiegte sich die Blume nicht mehr, die im Maule des Viehs verging; die Schnecke sargte sich in ihr Haus und Bett mit Geifer ein; und als am Morgen sich die Erde mit vollgebluteten fleckigen Wolken gegen die matte Sonne drehte: so fühlt' ich, dass ich meine vorige frohe Erde nicht mehr hatte, sondern dass ich sie auf immer in der Gruft gelassen, und die Menschen, die ich wiederfand, schienen mir Leichname, die der Tod hergeliehen und die das Leben aufrichtet und schiebt, um mit diesen Figuren zu agieren in Europa, Asia, Afrika und Amerika ....

So denke' ich noch. Ich werde auch zeitlebens den Trauer-Eindruck von dieser Gewissheit herumtragen, dass ich sterben muss. Denn das weiss ich erst seit acht Tagen; ob ich mir gleich vorher recht viel auf meine Empfindsamkeit an Sterbebetten, an Teatern und Leichenkanzeln einbildete. Das Kind begreift keinen Tod, jede Minute seines spielenden Daseins stellet sich mit ihrem Flimmern vor sein kleines Grab. Geschäft- und Freuden-Menschen begreifen ihn ebensowenig, und es ist unbegreiflich, mit welcher Kälte tausend Menschen sagen können: das Leben ist kurz. Es ist unbegreiflich, dass man dem betäubten Haufen, dessen Reden artikuliertes Schnarchen ist, das dicke Augenlid nicht aufziehen kann, wenn man von ihm verlangt: sieh doch durch deine paar Lebenjahre hindurch bis ans Bett, worin du erliegstsieh dich mit der hängenden plumpen Toten-Hand, mit dem bergigen Kranken-Gesicht, mit dem weissen Marmor-Auge, höre in deine jetzige Stunde die zankenden Phantasien der letzten Nacht herüberdiese grosse Nacht, die immer auf dich zuschreitet und die in jeder Stunde eine Stunde zurücklegt und dich Ephemere, du magst dich nun im Strahl der Abendsonne oder in dem der Abend-Dämmerung herumschwingen, gewiss niederschlägt. Aber die beiden Ewigkeiten türmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde in die Höhe, und wir kriechen und graben in unserem tiefen Hohlweg fort, dumm, blind, taub, käuend, zappelnd, ohne einen grösseren gang zu sehen, als den wir mit Käferköpfen in unsern Kot ackern.

Aber seitdem ist es auch mit meinen Planen ein Ende: man kann hienieden nichts vollenden. Das Leben ist mir so wenig, dass es fast das Kleinste ist, was ich für ein Vaterland hingeben kann; ich treffe und steige bloss mit einem grösseren oder kleinern Gefolge von Jahren in den Gottesacker ein. Mit der Freude ist es aber auch vorbei; meine starre Hand, die einmal den Tod wie einen Zitteraal berührt hat, reibet den bunten Schmetterlingstaub zu leicht von ihren vier Flügeln, und ich lasse sie bloss um mich flattern, ohne sie zu greifen. Bloss Unglück und Arbeit sind undurchsichtig genug, dass sie die Zukunft verbauen; und ihr sollt mir willkommen in meinem haus sein, zumal wenn ihr aus einem andern ausziehet, wo der Mieterr die Freude lieber hineinhat. – O euch, ihr armen bleichen, aus Erdfarben gemachten Bilder, ihr Menschen, lieb' und duld' ich nun doppelt; denn wer anders als die Liebe zieht uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeit wieder aus der Todesasche heraus? Wer sollt' euch euere zwei Dezembertage, die ihr 80 Jahre nennt, noch kälter und kürzer machen? Ach wir sind nur zitternde Schatten! Und doch will ein Schatten den andern zerreissen? –

jetzt begreif' ich, warum ein Mensch, ein König in seinen alten Tagen ins Kloster geht: was will er an einem hof oder auf einer Börse machen, wenn die Sinnenwelt vor ihm zurückweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter grosser Flor, indes bloss die höhere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz hereinhängt? So leget der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergen besieht, sein Blau ab und wird schwarz, weil jenes nicht seine, sondern unsrer Atmosphäre Farbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese Nacht gedrückt und flammt fort ....

Ich schaute gerade zum Sternenhimmel auf; aber er erhellet meine Seele nicht mehr wie sonst: seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die, worein ich zerfalle. Ob eine Minute den Maden-Zahn, oder ein Jahrtausend den Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch. Nicht bloss diese Erde ist eitel, sondern alles, das neben ihr durch den Himmel flieht und das sich nur in der Grösse von ihr trennt. Und du holde Sonne selber, die du wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nacht nimmt, uns so zärtlich ansiehest, wenn uns die Erde wegträgt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten zieht, auch du fällest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine Sonne, um Strahlen zu haben! –

Es ist also sonderbar, dass