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Spitz waren mit dabei; aber bloss der erste ging wieder fort. Ich lag vielleicht die halbe Nacht, bis das Leben durch mich zuckte. Mein erster Gedanke riss die Seele immer auseinander. Von ungefähr trat der Hund auf mein Gesicht; plötzlich senkte sich eine Beklemmung, wie wenn eine Riesenhand meine Brust böge, tief auf mich herein, und ein Sargdeckel schien mir wie ein aufgehobnes Rad über mir zu stehen .... Schon die Beschreibung schmerzt mich, weil die Möglichkeit der Wiederholung mich ängstigt .... Ich stieg aus der sechseckigen Brutzelle des zweiten Lebens, der Tod streckte sich vor mir weit hin mit seinen tausend Gliedern, den Köpfen und Knochen. Ich schien mir unten im chaotischen Abgrund zu stehen, und oben weit über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen. Mich ekelte Leben und Tod. Auf das, was neben mir lag, sogar auf meine Mutter sah ich starr und kalt wie das Auge des Todes, wenn er ein Leben zerblickt. Ein rundes Eisengitter in der Kirchenmauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts heraus als die schimmernde zerbrochne Scheibe des Mondes, der als ein himmlisches Sarglicht auf den Sarg, der die Erde heisst, herunterhing. Die öde Kirche, dieser vorige Markt des redenden Gewimmels, stand ausgestorben und untergraben von Toten dadie langen Kirchenfenster legten sich, vom Mond abgeschattet, über die Gitterstühle hinüberan der Sakristei richtete sich das schwarze Toten-Kreuz auf, das Ordenkreuz des Todesdie Degen und Sporen der Ritter erinnerten an die zerbröckelten Glieder, die sie und sich nicht mehr bewegten, und der Totenkranz des Säuglings mit falschen Blumen hatte den armen Säugling hieher begleitet, dem der Tod die Hand abgebrochen, eh' sie wahre pflücken konntesteinerne Mönche und Ritter machten das längst verstummte Gebet an der Mauer mit verwitternden Händen nachnichts Lebendiges sprach in der Kirche als der eiserne gang des Perpendikels der Turmuhr, und mir war, als hört' ich, wie die Zeit mit schweren Füssen über die Welt schritt und Gräber austrat als Fussstapfen ...

Ich setzte mich auf eine Altarstufe, um mich lag das Mondlicht mit trübenden eilenden Wolkenschatten; mein Geist stand hoch: ich redete das Ich an, das ich noch war: 'Was bist du? was sitzt hier und erinnert sich und hat Qual? – Du, ich, etwaswo ist denn das hin, das gefärbte Gewölk, das seit dreissig Jahren an diesem Ich vorüberzog und das ich Kindheit, Jugend, Leben hiess? – Mein Ich zog durch diesen bemalten Nebel hindurchich konnte' ihn aber nicht erfassenweit von mir schien er etwas Festes, an mir versickernde Dufttropfen oder sogenannte augenblickeLeben heisst also von einem Augenblick (diesem Dunstkügelchen der Zeit) in den andern tropfen .... Wenn ich nun wäre tot geblieben: so wär' also das, was ich jetzt bin, der Zweck gewesen, weswegen ich für diese lichtervolle Erde und sie für mich gebauet war? – Das wäre das Ende der Szenen? – und über dem Ende hinaus? – Freude ist vielleicht dorthier ist keine, weil eine vergangne keine ist, und unsre Augenblicke verdünnen jede gegenwärtige in tausend vergangneTugend ist eher hier; sie ist über die ZeitUnter mir schläft alles; aber ich werde' es auch tun, und wenn ich mir noch dreissig Jahre weismache, dass ich lebe, dann legen sie mich doch wieder hieherdie heutige Nacht kommt wiederich bleibe aber in meinem Sarg: und dann? ... Wenn ich nun drei Augenblicke hätte, einen zur Geburt, einen zum Leben, einen zum Sterben: zu was hätt' ich sie denn? würde' ich sagenAlles aber, was zwischen der Zukunft und Vergangenheit steht, ist ein Augenblickwir haben alle nur drei.' ... Grosses Urwesenfing ich an und wollte beten – – du hast die Ewigkeit, ... aber unter dem Gedanken an den, der nichts als Gegenwart ist, erhält sich kein menschlicher Geist aufrecht, sondern beugt sich an seine Erde wieder, – 'O ihr abgeschiedenen Lieben,' dachte' ich, 'ihr wäret mir nicht zu gross, erscheinet mir, hebt das Gefühl der Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigt mir die ewige Brust, die ich lieben, die mich wärmen kann.' Von ungefähr sah ich meinen armen Hund, der mich anschauete; und dieser rührte mich mit seinem noch kürzern, noch dumpfern Leben so, dass ich bis zu Tränen weich wurde und mich nach etwas sehnte, womit ich sie vermehrte und stillte.

Das war die Orgel über mir. Ich ging zu ihr wie zu einer löschenden Quelle hinauf. Und als ich mit ihren grossen Tönen die nächtliche Kirche und die tauben Toten erschütterte und als der alte Staub um mich flog, der auf ihren stummen Lippen bisher gelegen war: so zogen alle vergängliche Menschen, die ich geliebt hatte, nebst ihren vergänglichen Szenen vorüber, du kamest und Mailand und das stille Land; ich erzählte ihnen mit Orgeltönen, was zu einer blossen Erzählung geworden war, ich liebte sie alle im Fluge des Lebens noch einmal und wollte vor Liebe an ihnen sterben und in ihre Hand meine Seele drückenaber nur Holztasten waren unter meiner drückenden Hand. – Ich schlug immer wenigere Töne an, die um mich wie ein ziehender Strudel gingenendlich legt'