1793_Jean_Paul_048_113.txt

Haben denn solche Autoren so wenig Rechtschaffenheit, dass sie bei einer Szene, nach der die Leser schon im voraus geblättert haben, z.B. bei einem Todesfall, auf den alle, Eltern und Kinder, lauern wie auf einen Lehnfall oder Hängtag, vom Sessel aufspringen und sagen: das macht selber? Es ist so, als wenn die Schikanedrische truppe vor den verzerrendsten Auftritten des Lears an die Teater-Küste ginge und das Publikum ersuchte, es möchte sich Lears Gesicht nur denken, sie ihres Orts könnte es unmöglich nachmachen. – Wahrhaftig was der Leser denken kann, das kann ja der Autorbeim vollen Puls aller seiner Kräftesich noch leichter denken und es mitin schildern; auch wird des Lesers Phantasie, in deren Speichen einmal die vorhergehenden Auftritte eingegriffen und die sie in Bewegung gesetzt, leicht in die stärkste durch jede Beschreibung des letzten Auftritts hineinzureissen seinausser durch die jämmerliche nicht, dass er nicht zu beschreiben sei.

Von mir hingegen sei man versichert, ich mache mich an alles. Ich redete es daher schon auf der Ostermesse mit meinem Verleger ab, er sollte sich um einige Pfund Gedankenstriche, um ein Pfund Frage- und Ausrufungszeichen mehr umtun, damit die heftigsten Szenen zu setzen wären, weil ich dabei um meinen apoplektischen Kopf mich so viel wie nichts bekümmern würde.

Fussnoten

1 Ausgehöhltes Eis wird bekanntlich auf den Kopf gelegt, wenn Kopfschmerzen, Schwindel, Tollheit darin sind.

Vierunddreissigster oder I. Advent-Sektor

OttomarKircheOrgel

Am andern Morgen war ein Lärm im schloss über eine Sache, die der Doktor Fenk um eine Woche später durch einen Brief vonOttomar erfuhr.

Nie hab' ich einen Sektor oder Sonntag so traurig angefangen als heute; mein vergehender Körper und der folgende Brief an Fenk hängen wie ein Hutflor an mir. Ich wollt', ich verstände den Brief nichtach es wäre dann eine unvergessliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten, die, nachdem so viele andre Stunden bei mir vorübergegangen, bei mir stehen bleibt und mich immerfort ansieht. – Dunkle Stunde! du streckest deinen Schatten über ganze Jahre aus, du stellest dich so vor mich, dass ich den phosphoreszierenden Nimbus der Erde hinter dir nicht flimmern und rauchen sehen kann, die 80 menschlichen Jahre sehen in deinem Schatten wie der Ruck des Sekundenweisers ausach nimm mir nicht so viel! ... Ottomar hatte dieselbe Stunde nach seinem Begräbnis und beschreibt sie dem Doktor so:

*

"Ich bin seitdem lebendig begraben worden. Ich habe mit dem tod geredet, und er hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn. – Als ich aus meinem Sarg heraus war, so hat er die ganze Erde dafür hineingelegt und mein bisschen Freude oben darauf .... Ach guter Fenk! wie bin ich verändert! Komm nur bald zurück! Seitdem stehen vor mir alle Stunden wie leere Gräber hin, die mich oder meine Freunde auffangen! Ich hab' es wohl gehört, wer meine Hand noch einmal am Sarge gedrückt .... komm recht bald, Teurer!

Weisst du nicht mehr, wie ich mich von jeher vor dem lebendigen Begräbnis gefürchtet? Mitten im Einschlafen fuhr ich oft auf, weil mir einfiel, ich könnte ohnmächtig und so beerdigt werden und meine aufwollenden arme triebe dann der Sargdeckel nieder. Auf Reisen drohte ich überall, wo ich kränklich wurde, ich wollte ihnen, wenn sie mich innerhalb acht Tagen beisetzten, als Gespenst erscheinen und auflasten. Diese Furcht war mein Glück: sonst hätte mich mein Sarg getötet.

Vor Wochen kam meine alte Krankheit wieder zu mir, das hitzige Fieber. Ich eilte mit ihr nach meinem Ruhestatt, und mein erstes Wort zu meinem Hausverwalterda ich dich nicht haben konntewar, mich sogleich, als ich ohne Leben wäre, zu beerdigen, weil die Gewölbluft leichter erweckt, aber nichts zuzusperren, weder Sarg noch Erbgruftdie einsame Kirche am Park steht ohnehin offen. Auch sagt' ich ihm, meinen Spitzhund, der nicht von mir bleibt, überall mitzulassen. Noch in der Nacht nahm das Fieber zu; aber beim Blutlassen bricht meine Zurückerinnerung ab. Ich weiss bloss noch, dass ich das Blut mit einigem Schauder um meinen Arm sich krümmen sah; und dass ich dachte: 'Das ist das Menschenblut, das uns heilig ist, welches das Kartenhaus und das Sparrwerk unsers Ichs ausküttet und in welchem die unsichtbaren Räder unsers Lebens und unserer Triebe gehen.' Dieses Blut sprützte nachher an alle Phantasien meiner Fiebernächte; das eingetauchte All stieg blutrot daraus herauf, und alle Menschen schienen mir an einem langen Ufer einen Strom zusammenzubluten, der über die Erde hinaus in eine saufende Tiefe hinabsprangGedanken, hässliche Gedanken rückten vor mir grinsend vorüber, die kein Gesunder kennt, keiner nachschafft, keiner erträgt, und die bloss liegende Krankenseelen anbellen. Wäre kein Schöpfer: so müsst' ich vor den verborgnen Angst-saiten erzittern, die im Menschen aufgezogen sind und an denen ein feindseliges Wesen reissen könnte. Aber nein! du allgütiges Wesen! du hältst deine Hand über unsre Anlage zur Qual und legest das Erden-Herz, worüber diese saiten aufgewunden sind, auseinander, wenn sie zu heftig beben! ...

Der Kampf meiner natur wurde endlich zu einem ohnmächtigen Schlummer, aus dem so viele bloss erwachen, um unter der Erde zu sterben. Darin trug man mich in die einsam stehende Kirche. Der Fürst und mein