die zusammenrinnenden Schatten von allen bereiften sie mit Silberfarbe. Ein magischer Abendschimmer wallete wie ein freudiges Erröten zwischen den Schattenufern und durch die Blumenstämme über die Flur, und Gustav fühlte, das sei der Abend der Ewigkeit und die Wonne der Ewigkeit. – Beglückte Seelen tauchten sich, weit von ihm und näher den weggleitenden Sonnen, in die zusammengehenden Abendstrahlen und ein gedämpftes Jauchzen stand verhallend wie eine Abendglocke über dem himmlischen Arkadien; – nur Gustav lag verlassen im Silberschatten der Blumen und sehnte sich unendlich, aber keine jauchzende Seele kam herüber. Endlich dufteten in der Luft zwei Leiber in eine dünne Abendwolke auseinander und das fallende Gewölk entblösste zwei Geister, Beata und Amandus – dieser wollte jene in Gustavs arme führen, aber er konnte nicht in den Silberschatten hinein – Gustav wollte ihr in die ihrigen entgegenfallen, aber er konnte nicht aus dem Silberschatten hinaus. – "Ach, du bist nur noch nicht gestorben," rief Amandus' Seele, "aber wenn die letzte Sonne hinunter ist: so wird dein Silberschatten über alles fliessen und deine Erde von dir flattern und du wirst an deine Freundin sinken" – eine Sonne um die andre zerging – Beata breitete ihre arme hernieder – die letzte Sonne versank – ein Orgelton, der Welten und ihre Särge zerzittern konnte, klang wie ein fliegender Himmel herüber und lösete durch sein weites Beben die Faser-Hülle von ihm ab und über den ausgebreiteten Silberschatten wehte ein Entzücken und hob ihn empor und er nahm – – die wahre Hand von Beata und sagte, indem er wachte und träumte und nicht sah, die Worte zu ihr: "O nimm mich ganz, glückliche Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot." Ihre Hand hielt er so fest wie der Gute die Tugend. Ihr versuchtes Loswinden zog ihn endlich aus seinem Eden und Traum; seine glücklichen Augen gingen auf und vertauschten die Himmel; vor ihnen stand erhaben der weisse, vom mond überschwemmte Grund und die Aue des Parks und die tausend zu Sternen verkleinerten Sonnen und die geliebte Seele, die er vor dem Untergange aller Sonnen nicht erreichen konnte. – Gustav musste denken, der Traum sei aus seinem Schlafe ins Leben übergezogen und er habe nicht geschlafen; sein Geist konnte die grossen steilen Ideen vor ihm nicht bewegen und nicht vereinigen. "In welcher Welt sind wir?" fragte er Beata, aber in einem erhabnen Tone, der beinahe die Frage beantwortete. Seine Hand war mit ihrer ziehenden fest verwachsen. "Sie sind noch im Traume", sagte sie sanft und bebend. Dieses Sie und die stimme stiess auf einmal seinen Traum in den Hintergrund aus der Gegenwart zurück; aber der Traum hatte ihm die Gestalt, die an seiner Hand kämpfte, lieber und vertrauter gemacht und die geträumte Unterredung wirkte in ihm wie eine wahre und sein Geist war noch eine erhaben-fortbebende Saite, in die ein Engel seine Entzückung gerissen – und da jetzt drüben im öden Tempel die Orgel durch neues Ertönen die Szene über den irdischen Boden erhob, wo beide Seelen noch waren; da Beatens Stellung schwankte, ihre Lippe zitterte, ihr Auge brach: – so war ihm wieder, als würde der Traum wahr, als zögen die grossen Töne ihn und sie aus der Erde weg ins Land der Umarmung hinauf, sein Wesen kam an alle seine Grenzen – "Beata", sagt' er zu der schönen, an bekämpfenden Empfindungen dahinsterbenden Gestalt, "Beata, wir sterben jetzt – und wenn wir tot sind, so sag' ich dir meine Liebe und umarme dich – der Tote neben uns ist mir im Traum erschienen und hat mir wieder deine Hand gegeben." ... Sie suchte auf das Grab desselben aufzusinken – aber er hielt den fallenden Engel in seinen Armen auf – er liess ihr entschlummertes Haupt unter seines fallen und unter ihrem stockenden Herzen glühten die Schläge des seinigen – es war eine erhabne Minute, als er, die arme um eine schlummernde Seligkeit gelegt, einsam ansah die auf der Erde schlafende Nacht, einsam anhörte die allein redende Orgel, einsam wachte im Kreise des Schlafs ....
Die erhabne Minute verging, die seligste fing an: Beata erhob ihr Haupt und zeigte Gustav und dem Himmel auf dem zurückgebognen Angesicht das irre überweinte Auge, die erschöpfte Seele, die verklärten Züge und alles, was die Liebe und die Tugend und die Schönheit in einen Himmel dieser Erde drängen können. – – Da kam der überirdische durch tausend Himmel auf die Erde fallende Augenblick hier unten an, der Augenblick, wo das menschliche Herz sich zur höchsten Liebe erhebt und für zwei Seelen und zwei Welten schlägt – der Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen, auf denen alle Erdenworte erloschen, die Herzen, die mit der schweren Wonne kämpften, die verwandten Seelen, die wie zwei hohe Flammen ineinanderschlugen ....
– Begehrt kein Landschaftstück der blühenden Welten von mir, über welche sie in jenem augenblicke hinzogen, den kaum die Empfindung, geschweige die Sprache fasset. Ich könnte ebensogut einen Schattenriss, von der Sonne geben. – Nach jenem Augenblicke suchte Beata, deren Körper schon unter einer grossen Träne wie ein Blümchen unter einem Gewittertropfen umsank, sich aufs Grab zu setzen; sie bog ihn sanft mit der einen Hand von sich, indem sie ihm die andre liess. Hier schloss er seine weite Seele auf und sagte ihr alles, seine geschichte und seinen Traum und seine Kämpfe. Nie war ein Mensch aufrichtiger