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oft ohne Anlass und so bitter und so süss kurz vor Krankheiten oder nach Ermattungen ausströmen. – Dieselben Ursachen breiteten zwischen ihn und die äussere Welt gleichsam einen dunkeln Nebeltag oder Heerrauch; seine innere Welt hingegen wurde aus einer Federzeichnung ohne seine Anstrengung ein gleissendes Ölgemälde, dann ein musivisches, endlich eines in erhobner ArbeitWelten und Szenen bewegten sich vor ihm auf und abendlich schloss der Traum die ganze nächtliche Aussenwelt mit seinen Augenlidern zu und machte hinter ihnen eine neu geschaffne paradiesische auf; gleich einem Toten lag sein schlummernder Körper neben einem Grabmal und sein Geist in einer über den ganzen Abgrund hinüberreichenden Himmel-Au. Ich werde den Traum und sein Ende sogleich erzählen, wenn ich dem Leser die person gezeigt habe, die den Traum zugleich verlängerte und endigte.

Nämlich Beatakam. Sie konnte weder seine Wiederkunft noch seine letzte Station wissen. Die Nähe des Ottomarschen Leichenbegängnisses, die Entfernung Gustavs, dessen Bild seit dem letzten Auftritt tief in und gleichsam durch ihr Herz gepresset war, und die Entfernung des Sommers, der sein buntes blühendes Gemälde täglich um einige Zoll wieder zusammenrollte, alles das hatte sich in Beatens Brust zu einem drückenden Seufzer gesammelt, den das laute Jagdschloss mit seinen Dunstkreisen einklemmte und mit dem sie reinere Äterkreise suchte, um ihn an einem grab auszuhauchen und aus ihm den Stoff zu neuen einzuatmen. – Schwärmerisches Herz! du treibest mit deinen fieberhaften Schlägen freilich dein Blut zu reissend um und spülest mit deinen Güssen Ufer, Blumen und Leben fort; aber dein Fehler ist doch schöner, als wenn du mit phlegmatischem Getriebe aus dem stehenden wasser des Blutes blossen Fett-Schlamm anlegtest!

Die Nachtwandlerin fuhr zusammen, da sie den schönen Schläfer sah; sie hatte im ganzen Garten, den sie in diesen stillen Minuten durchstrichen hatte, niemand vermutet und gefunden. Er lag auf einem Knie sanft zusammengesunken; sein blasses Gesicht wurde von einem schönen Traum, vom aufgehenden mond und von Beatens Auge angestrahlt. Ihr fiel nicht ein, dass er sich vielleicht nur schlafend stelle; sie zitterte also um einen halben Schritt näher, um erstlich gewiss zu sein, wers wäre, und um zweitens mit vollem Auge auf der Gestalt zu ruhen, vor der sie bisher nur vorüberstreichen durfte. Unter dem Anschauen wusste sie nicht recht, wann sie es eigentlich endigen sollte. Endlich wandte sie ihrem Paradiese den rücken, nachdem sie noch einmal ganz an ihn getreten war; aber unter dem trägen Rückwärtsgehen fiel ihr (ohne Schrecken) ein: "Er wird doch nicht gar tot sein?" Sie kehrte also wieder um und behorchte seine wachsenden Atemzüge. Neben ihm lagen zwei spitze Steinchen, so gross wie mein Dintenfass; sie bückte sich zweimal neben ihm nieder (sie wollt' es nicht auf einmal oder auch mit dem fuss tun), um sie wegzunehmen, damit er nicht in ihre Spitzen hineinfiele ....

Wahrhaftig ein Alphabet oder 23 Bogen sollt' ich mit diesem Auftritt vollzumachen haben; zum Glück geht er erst recht an, wenn er erwacht, und der Leser ist heute der glücklichste Mann ....

Sie war nun schon wie ein Veteran vertrauter mit der Gefahr und war so gewiss, er würde nicht erwachen, dass sie aufhörte, es zu befürchten, und beinahe anfing, es zu wünschen. Denn es fiel ihr ein: "die Nachtluft könnt' ihm schädlich sein." – Es fiel ihr ferner ein, wie beide Freunde so erhaben nebeneinander ruhten; und ihr blaues Auge befreiete sich von einem Tautropfen, von welchem ich nicht weiss, ging er für das ausser der Erde pochende oder für das in ihr stillstehende Herz herab. Endlich machte sie ernstafte Anstalten abzugehen, um überhaupt in der Entfernung ihn durch ein Geräusch zu wecken und um ihren Rührungen ohne Furcht seines Erwachens nachzuhängen. Sie wollte bloss noch bei ihm vorbeigehen (denn 41/2 Schritte stand sie ab), weil sie auf der andern Seite des berges hinunter musste (sie hätte denn umkehren wollen). Sein Lächeln verkündigte immer grössere Entzückungen, und sie war freilich begierig, wie es noch auf seinem gesicht ablaufen würde, aber sie musste den lächelnden Träumer verlassen. Da sie also zwei zögernde Schritte sich ihm genähert hatte, um sich mehre von ihm zu entfernen: so fing auf einmal die Orgel der einsamen Kirche von Ruhestatt, wo heute Ottomar begraben worden, mitten in der Nacht so ernst und klagend zu gehen an, als wenn der Tod sie spielte; und Gustavs Angesicht wurde plötzlich vom Widerschein eines inneren Elysiums verklärt; und er richtete sich mit zugeschlossnen Augen auf, erhaschte schnell die Hand der erstarrenden Beata und sagte schlaftrunken zu ihr: "O nimm mich ganz, glückliche Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot."

Der Traum, der mit diesen Worten ausging, war der gewesen: Er sank in eine unabsehliche Aue nieder, die über schöne, aneinander gestellte Erden hinüberlief. Ein Regenbogen von Sonnen, die wie zu einer Perlenschnur aneinander gereihet waren, fasste die Erden ein und drehte sich um sie. Der Sonnenkreis sank untergehend dem Horizonte zu und auf dem rand der grossen runden Flur stand ein Brillanten-Gürtel von tausend roten Sonnen und tierliebende Himmel hatte tausend milde Augen aufgetan. – Haine und Alleen von Riesen-Blumen, die so hoch wie Bäume waren, durchzogen im durchsichtigen Zickzack die Aue; die hochstämmige Rose bewarf diese mit einem goldroten Schatten, die Hyazinte mit einem blauen, und