einen von den Ihrigen begraben lassen, nicht zu haus sind.
Auf einmal legte sich der Doktor auf das Pult des Beichtstuhls nieder und bedeckte das Gesicht; er stand wieder auf und sah mit einem Auge, das er nicht abtrocknen konnte, nach dem aufgedeckten Leichnam hin und suchte vergeblich zu sehen. Gustav schaute auch hin, und die Gestalt war ihm bekannt, aber kein Name, um welchen er vergeblich den sprachlosen Doktor fragte – endlich nennte der Leichenredner den Namen. Ich brauch' es nicht erst in Doppelfraktur zu sagen, dass der Tote, auf dem jetzt so viele harte Augen und ein Paar trostlose ruhten, so aussah wie der Schauspieler Reinecke, dessen edle Bildung nun auch der schwere Grabstein auseinanderdrückt – ich hab' es nicht nötig, dem Pastor den Namen Ottomar nachzusprechen. Der arme Doktor schien seit einiger Zeit bestimmt zu sein, dass der Schmerz seine Nerven zu einem Nerven-Präparat herauslösete und sich daran übte. sonderbar war es, dass Gustav nicht am gestorbenen, sondern bloss am traurenden Freunde Anteil nahm.
Der gute Medizinalrat knüllte das Gesangbuch, das unter seiner Hand lag, gewaltsam zusammen; er hörte nicht das Abreiten des Fürsten, der nur drei Minuten dagewesen, um sich den Totenschein zu holen, aber jedes Wort des Pastors vernahm er, um von der neuesten Krankheitgeschichte seines Freundes etwas zu erfahren; allein er erfuhr nichts als seine Todesart (hitziges Fieber). Endlich war alles vorbei, und er ging stumm und zwischen die Trauerkerzen hineinstarrend auf die Bahre zu, schob, ohne blick und laut, was ihn hindern konnte, weg mit der linken Hand und zuckte hin nach des Schläfers seiner mit der rechten. Als er endlich die Hand, welche Alpen und Jahre von seiner abgerissen hatten, wieder damit umschlossen hielt, ohne doch dem näher zu sein, nach dem er sich so lange gesehnet, und ohne die Freude des Wiederfindens: so war sein Schmerz noch dicht, dunkel und warf sich schwer über seine ganze Seele her, ohne eine Gestalt zu haben. – Aber als er in jener Hand zwei Warzen wiederfand, die er sonst bei ihrem Druck so oft gefühlet hatte: so nahm der Schmerz die Schleiergestalt der Vergangenheit an; Mailand ging mit den Blüten seiner Weinberge und mit den Gipfeln seiner Kastanien und mit den schönen Tagen unter beiden vorüber und sah traurig die zwei Menschen an, die nichts mehr hatten – Hier wär' er mit den zwei giessenden Augen auf die zwei ewig trocknen gefallen, wenn nicht der Leichenmarschall gesagt hätte: "Das tut man nicht gern, es ist nicht gut." Bloss eine Locke gab ihm das Grab vom ganzen geraubten Freunde zurück, eine Locke, die für das Auge so wenig und für den fühlenden Finger so viel ist. Er schlichtete die Hand, die den letzten Brief so traurig geschlossen, sanft wieder über die unberührte und verliess seinen Ottomar auf lange.
Er hatte nicht bemerkt, dass des Verstorbnen Spitzhund und zwei tonsurierte fremde Menschen da waren, wovon der eine sechs Finger hatte. – Ausser der Kirche auf dem Wege, dessen eine Richtung nach dem Ottomarschen Schloss und dessen andre um den Eremitenberg lief, sahen Gustav und Fenk einander mit einer stummen trostlosen Frage an – sie antworteten einander durch den Abschied. Der Doktor kehrte um und setzte seine Reise fort – Gustav ging in den Park und dachte unten am fuss des Eremitenberges dem Schicksale – nicht seines Freundes noch seinem eignen, sondern dem – aller Menschen nach ....
Und wann schreibe' ich dies? Heute, am 16. November, wo der Namentag des eingesargten Ottomars ist. –
Fussnoten
1 Die drei Kuren, die ich oben im Texte gegen meine Lungensucht gebrauche, hab' ich von drei Völkern: das Nachspazieren in frisch gepflügten Furchen raten die Engländer – das Stärken durch eine Hunde-Schlafgenossenschaft rät ein Franzos (de la Richebaudière) – das Atmen der Luft in Vieh-Ställen wird schwedischen Hektikern vorgeschrieben.
Dreiunddreissigster oder XXV. Trinitatis-Sektor
Grosse Aloe-Blüten der Liebe: oder das Grab – der
Traum – die Orgel nebst meinem Schlagfluss,
Pelzstiefel und Eis-Liripipium
In Gustav rückten die höchsten Lichter aus des Freundes Bild langsam in das der Geliebten über. Jetzt trat erst ihr Gesicht, das am Totenbette ewige Strahlen in ihn geworfen hatte, aus dem Zypressen-Schatten vor. Die einsame Pyramide stand erhaben als Wach-Engel neben dem Begrabnen. Er trug sich hinauf, mit Schmerzen, aber mit sanftern; er hatte nun doch den unbeschreiblich süssen Trost, den Menschen in der Erde nie gekränkt, und ihm oft verziehen zu haben; er wünschte, Amandus hätte seine Verzeihung noch öfter veranlasset; sogar dies deckte seinen wunden Busen mit warmem Troste zu, dass er jetzt ihn so liebe, so betrauere, ungesehen, unbelohnet.
Oben trat er noch in einige Leidens-Dornen, worüber man laut aufschreiet; aber bald flogen seine Augen sehnend auf der Licht-brücke, die von einer Lampe aus Beatens Zimmer über den Garten zum Berg hinüberlief, gleich andern Phalänen ihren hellen Fenstern nach. Er sah nichts als bald das Licht, bald einen Kopf, der es verbauete; aber diesen Kopf Frau den ihrigen. Er legte und lehnte sich, halb kniend und halb stehend, mit dem blick gegen den langen Lichtstrom zugewandt, an das Postement der Pyramide an. Müdigkeit und schlaflose Nächte hatten seine Tränen-Drüsen mit jenen drückenden und doch reizenden Tränen gefüllet, die