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ist der Lebendige! Wie können von ihm die Toten ein Andenken verlangen, da er schon, indem er darüber redet, ermattet ....

Als nun Gustav zu haus war, setzte er einen Brief an den Doktor auf; der ringende Kummer, worin dieser sich an die Pyramide gelehnt und gehalten hatte, bewegte ihn unaussprechlich; und er fiel im Briefe ihm an diese zersplitterte wunde Brust und mehrte ihre Schmerzen durch seinen Liebedruck, indem er ihn bat, ihn zum Sohne anzunehmen und sein väterlicher Freund zu werden.

Mit der hohen Flut der Traurigkeit entschuldige man es, dass Gustav, der bisher immer die Paroxysmen seiner Empfindungen zum Besten des andern versteckte, sie hier auf Kosten eines andern hervorbrechen liess. Sein Schmerz ging so weit, dass er vom Vater den Alltagrock und Hut des Seligen statt seines Kniestückes begehrte; er fühlte wie ich, dass Alltagkleider die besten Schattenrisse, Gipsabgüsse und Pasten eines Menschen sind, den man lieb gehabt und der aus ihnen und dem Körper heraus ist. – Die Antwort des Doktors lautet so: "Ich habe mich oft an die Polster meines medizinischen Wagens gelehnt und mir vorgestellt und vorgenommen, wenn ich einmal graue Augenbraunen und Kopfhaare oder gar keine mehr habewenn mir alle Jahrzeiten immer kürzer und alle Nächte darin immer länger vorkommen, welches vor der Annäherung der längsten vorausgehtwenn ich dann in den ersten Frühlingtagen ins stille Land hinausgehe, um meinen kalten interpolierten Körper zu sonnenwenn ich dann aussen die klebenden treibenden Knospen sehe, unter denen ein ganzer Sommer steckt, und in mir innen das ewige Abblättern und Umbeugen, das kein Erdenfrühling heiltwenn ich mich dann doch an meine eigne Jugend erinnere, an meine Spazier-Gallopaden um Scheerau, an die in Pavia und an die Leute, die mit mir gingenwenn ich mich dann natürlicherweise nach denen umsehe, die mir vom gefallnen Tempel meiner Jugend noch als hohe Ruinen stehen gebliebenund wenn mich dann, weil ich mich umdrehe, um zu schauen, ob keiner aus Wäldern, über Wiesen, von Bergen an einem so schönen Tage zu mir gegangen kommt, der Gedanke wie Herzklopfen anfällt, dass nach allen vier Welt-Ecken, wohin ich mich gedrehet, Gottesäcker und Kirchen liegen, in denen die, die mich jetzt trösten und begleiten sollen, unter der undurchsichtigen Erdrinde und ihrem Blumenwerk mit geraden Armen versteckt und gefangen liegen, und dass bloss ich allein aussen geblieben und den Herbst in meiner Brust hier im Frühling herumtrage: so werde' ich gar nicht ins stille Land gehen, sondern einsam nach haus gehen und mich einschliessen und meinen Kopf auf den Arm mit den Augen legen und wünschen, dass mir das Herz breche, so gut wie meinen Bekannten; ich werde sagen, ich wollt', es wäre vorbei. Dann, geliebter Sohn, geliebter Freund (der du als der Jüngste meiner Freunde mich schon überleben wirst), wird deine Gestalt vor meine satten müden Augen treten, dann werde ich sie auswischen und mich an alles erinnern, und deine Hand wird mich doch ins stille Land hinausführen, ich werde den Frühling der Erde so lange geniessen, als ich ihn besehen kann, und ich werde dir mit drückender Hand ins Gesicht sagen: es tut mir heute recht wohl, dass ich dich vor vielen Jahren zum Sohne angenommen ....

Morgen will ich kommen, um meinen Freund zu einer Reise auf die nächsten Tage mitzunehmen, damit wir den vergangnen aus dem Wege gehen." – Am andern Morgen geschahs.

Zweiunddreissigster oder 16. November-Sektor

SchwindsuchtLeichenrede in der Kirche des stillen

LandesOttomar

Es wäre mir vielleicht auch besser, ich suchte beiden weniger mit der Feder nachzukommen als zu Fuss. Die Lesewelt kann jetzt an meinen Sachen kosten und naschen, indes ich der Ostermesse entgegenhuste, weil ich mir an jenen Sachen und am Schreibtisch, woran ich mich niederkrümme, eine hübsche vollständige Hektik in die zwei Lungenflügel geschrieben. Das sämtliche Publikum sagt nicht "hab Dank" zu mir, dass ich mich um meinen gesunden Atem und um meine sedes gedacht und empfunden: es ist fast alles an mir zu, und es kann wegen der doppelten Sperrordnung nach entgegengesetzten Richtungen wenig durch mich passieren. Ich wandele daher hinter den Pflugscharen aller Auentaler, um den Broden der Furchenwie die besten britischen Hektiker tun1einzuziehen als Mittel gegen meine Luftsperre und andere Sperre. Gleichwohl würde mich das einfältige Publikum, in dessen Dienst ich mich so elend gemacht, auslachen, wenn es mich den Pflug-Ochsen wie eine Krähe nachschreiten sähe. Ist das Rechtschaffenheit? – Muss ich nicht ohnehin alle Nacht zwimit meiner Lungensucht anstecken will, wie ein Ehemann von stand? Bin ich aber dann, wenn ich die zwei Beischläfer durch Nacht- und Morgengabe mit meinem Übel dotiert habe, des Malums selber los, oder sagt nicht vielmehr Herr Nadan de la Richebaudière, neue Hunde müsst' ich kaufen und infizieren, weil eine halbe Hunde-Menagerie zum Auslader eines einzigen Menschen nötig ist? So kann ich mein Honorar bloss in Hunden vertun. Ich will den Schaden sogar verschmerzen, den meine Rechtschaffenheit dabei leidet, weil ich mich gegen die armen einsaugenden Hunde, deren Lungenflügel ich lähmen und beschneiden will, so freundlich wie Grosse gegen die Opfer ihrer Rettung stellen muss.

Inzwischen ist doch das noch das verdrüsslichste Skandal, dass ich gegenwärtig imViehstall schreibe; denn dieser soll auch (nach neuern schwedischen Büchern)