der Hof goutierte, für das Grabmal zu entwerfen. Gustav war bloss heute zu weich, ihn heute zum ersten Male zu verachten. Wie ganz anders hörte die Residentin seiner Bitte und gedrängten stimme zu, ob er gleich kein Zeichen seines Schmerzes zu geben arbeitete! Wie teilnehmend – mit einer Miene, als legte sie leise eine Rose in des Toten Hand – schenkte sie dem letzten das Stückchen Erde zum Ankerplatz! Wie schön begleiteten ihre vollen Augen dieses Geschenk mit dem Geschenk aus ihrem weichen Herzen! Und als der fremde Kummer seinem eignen den Sieg wiedergab: mit welchem schönen Trost – nie ist die weibliche stimme schöner als im trösten – bestritt sie ihn! – Er fühlte hier den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe lebendig; und er gab ihr die erste ganz. Er war froh, den Gegenstand der letzten nicht da zu finden, weil er die Verlegenheit der ersten Blicke scheuete. Beata lag krank.
Er sperrte sich ein; er machte seine Brust jenem Schmerze auf, der nicht wohltätige blutende Wunden in sie schneidet, sondern ihr dumpfe Schläge gibt, jenem nämlich, der in dem Zwischenraum zwischen dem Todes- und dem Begräbnistage bei uns ist. Der letzte war am Sonntage, wo ich meinen Sektor betrübt bloss mit Ottomars Briefe ausfüllte und wo ich so traurig schloss. Ich tats gerade in der Stunde, wo der Entschlafne aus dem kleinen Sterbebette ins grosse Bette aller Menschen getragen wurde, wie die Mutter die auf Bänken entschlummerten Kinder in die grössere Ruhestätte legt. Sonntags floh Gustav aus dem schloss, wo die lärmenden Staatswägen und Bedienten gleichsam über sein Herz gingen, mit eingehüllten Sinnen hinaus. Er fühlte zum ersten Male, dass er auf der Erde nicht einheimisch sei, das Sonnenlicht schien ihm das in unsere Nacht gewebte Dämmerlicht eines grösseren Monds zu sein. Ob er gleich jetzt seinem weggerückten Freunde sich auf dieser Erde weder nähern noch entziehen konnte: so sagte sein Schmerz doch, es würde ihm, wenn er auch nicht den Leichnam, nicht den Sarg, sondern nur das Grabes-Beet umfasste, das auf diesen Samen einer schönern Erde drückte, es würde ihm Tröstung werden; und er stellte sich daher auf einen entfernten Hügel, um zu sehen, ob noch Leute auf dem Eremitenberge wären.
Sein Auge begegnete gerade dem grössten Jammer, den es an diesem Abend für ihn hienieden gab: der durch den Abend hindurch blinkende weisse Sarg wurde herausgehoben – eine entzweifallende Rose, eine durchlöcherte Puppe, ein sich ausspannender Schmetterling, der jene als Würmchen zernagt hatte, waren auf die Sargpuppe gemalet und kamen mit ihren beiden Urbildern unter die Erde – der kinderlose Vater stützte sich mit Hand und Kopf an die Pyramide und hörte hinter seinen verhüllten Augen jede Erdscholle wie den Flug eines niederbohrenden Pfeiles – der kalte Nachtwind kam vom Totenberg zu Gustav herüber – Zugvögel eilten wie schwarze Punkte über sein Haupt davon, und der Naturtrieb, nicht die Länderkunde führte sie durch kalte Wolken und Nächte zu einer wärmern Sonne – der Mond arbeitete sich aus einem Blutmeere von Dünsten ohne Strahlen herauf – endlich verliessen die Lebendigen den Berg und den Toten – bloss Gustav blieb auf dem andern Hügel bei ihm, die Nacht ruhte schwer hingestreckt um beide .... Genug!
Schenkt mir diese Totengräberszene! Ihr wisset nicht, welche herbstliche Erinnerungen dabei mein Blut so leichen-langsam machen wie meine Feder: ach in diese geschichte schreibe' ich ohnehin ein Blatt, ein Trauerblatt, dessen breiter schwarzer Rand kaum den Zügen und Klagen mit Tränen eine weisse enge Stelle lässt – ich schenk' euch diese Szene auch; denn ich weiss auch nicht, Leser mit dem schönern Herzen, wen ihr schon verloren habt, ich weiss nicht, welche liebe dahingegangne Gestalt, deren Grab schon so eingesunken ist als sie selber, ich gleich einem Traume wieder auf ihrer Grabplatte in die Höhe richte und eueren tränenden Augen von neuem zeige, und an wie viel Tote ein einziges Grab erinnere!
Verschwundner Amandus! in dem grossen breiten Heer, welches das Leben dem feindlichen Tod von Jahrhundert zu Jahrhundert entgegenschickt, gingest du wenige Schritte mit, er verwundete dich oft und bald; deine Kriegkameraden legten Erde auf deine grossen Wunden und auf dein Angesicht – sie kämpfen fort, sie werden dich von Jahr zu Jahr unter ihrem Kriege mehr vergessen – in ihre Augen werden Tränen kommen, aber um dich keine mehr, sondern um Tote, die erst begraben werden – und wenn deine Lilien-Mumie sich auseinander gebröckelt hat, so denkt man nicht mehr an dich; bloss der Traum lieset noch deine in den Erdball gemengte Pastell-Gestalt zusammen und schmücket mit ihr im graugewordnen kopf deines Gustavs seine hinter dem Leben ruhenden Jugend-Auen, die wie der Venusstern am Himmel des Leben-Morgens der Morgenstern und am Himmel des Leben-Abends der Abendstern sind und flimmern und zittern und die Sonne ersetzen .... Ich mag nicht zu deiner Seelen-Scheide, zum Leichnam, sagen: Amandus! liege sanft. Du lagst in ihr nicht sanft; o noch jetzt dauert mich dein unsterbliches Ich, dass es mehr in seinem knappen Nervengebäude als im weiten Weltgebäude leben musste, dass es den edlen blick nicht zu Sonnenkugeln aufheben, sondern auf seine quälenden Blutkügelchen einkrümmen und für die grosse Harmonie des Makrokosmus seltner Wallungen fühlen als für die Misslaute seines Mikrokosmus! – Die Kette der notwendigkeit schnitt tief in dich ein, nicht bloss ihr Zug, auch ihr Druck führte dich Narben zu .... So jämmerlich