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durch diese jene herzubereden und beide zu bringen. – Fenk wusste, dass in seiner ganzen Krankheit kein Abschlagen etwas verfingdass er, wenn er ihn am letzten vergeblichen Wunsche gestorben sähe, den Gedanken nicht tragen könne, dem Leichnam die Todesminuten, die er noch ausschlürfte, verbittert zu habenund dass Mutter und Tochter zu gut wären, um nicht gegen seinen Sohn zu handeln wie er: kurz er fuhr.

Als der Vater hinaus war, sah der Kranke unsern und seinen Freund mit einem solchen Strom von lächelnd versprechender Liebe an, dass Gustav von der treuen müden Seele, deren Scheiden so nahe war, den längsten Abschied dieses Lebens nehmen wollte: "Meine Lippen", dachte' er, "sollen nur noch einmal gedrückt auf seinen liegen und meine Brust auf seinernur noch einmal will ich den warmen Leichnam umschliessen, da noch eine Seele darin mein Umfassen fühltnur noch einmal will ich seinem wegziehenden geist, da ich ihn noch erreiche, nachrufen, wie ich ihn geliebt habe und lieben werde." Unter diesen Wünschen heiligte das schönste Weihwasser des Menschen sein Auge. Aber er unterliess dennoch alles, weil er besorgte, unter diesem Sturm des letzten Liebens liessen die gerissenen Bande des Körpers die bewegte Seele los und an seinem mund stürbe der Schwache ....

Diese Zärtlichkeit, die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle des Herzens tritt, gefällt mir mehr als ein belletristischer und teatralischer Final-Orkan, wo man empfindet, um es zu weisen, um eine Tränen- und Dinten-Fistel zu haben wie andre, um von seinen Empfindungen, wie vom Schnupftuch, womit man sie trocknet, einen Zipfel aus der tasche herauszuhenken.

Der Doktor, von dem man in Maussenbach noch kein betrübtes Gesicht gesehen, gewann schon durch seine überflorte Heiterkeit seine traurige Bitte. Mein Gerichterr, der sein angebornes Mitleid allezeit gewaltsam dämmte, weil es gleich einem Papagei sein Geld wegtrug, überliess alles dem fremden wohltätigen Tränenstrom hier desto williger, weil er ihm nichts davonführte alsauf eine Stunde Frau und Tochter. Der schlimmere Mensch hat eine grössere Freude über eine sich abgerungene gute Tat als der bessere. Röper schrieb selber an die Tochter seinen Befehl, mitzufahren, und brachte die besten Gründe dafür aus der natürlichen und der teologischen Moral kurz bei. Aber der beste Grund, welchen der Doktor Beaten ins neue Schloss mitbrachte, war ihre Mutter: ohne sie hätte sie ihre scheuen, politischen und weiblichen Besorgnisse schwerlich überwältigt.

Sie kamen unter Gebeten in dem Sterbezimmer an, dieser Sakristei eines unbekannten Tempels, der nicht auf dieser Erde steht. Ich fahre fort, obgleich hier so manches meinem Herzen und meiner Sprache zu gross wird .... Als der Kranke die Geliebte seines sterbenden Herzens sah: so schimmerten seine untergegangnen Jugendtage mit ihren goldnen Hoffnungen tief unter dem Horizont hinauf wie das Abendrot der Juniussonne gegen Mitternacht, er drückte dem schönen Leben noch einmal die Hand, vom Hauch der letzten Freude glimmten noch einmal seine blassen Wangen an, und der Engel der Freude liess ihn am Seile der Liebe langsam ins Grab hinab. – Ein Sterbender sieht die Menschen und ihr Tun schon in einer tiefen Entfernung verkleinert; ihm sind unsre kleinen Höflichkeitregeln wenig mehralles ist ihm ja nichts mehr. Er bat, ihn mit Gustav und Beata allein zu lassen; seine Seele hielt noch den sich niederbeugenden Körper; mit einer abgebrochnen, aber genesenen stimme redete er das bebende Mädchen an: "Beata, ich werde sterben, vielleicht heute Nachtin meinen schönern Tagen hab' ich dich geliebt, du hast es nicht gewusstich gehe mit meiner Liebe in die Ewigkeit – O Gute! reiche mir deine Hand" (sie tats) "und weine nicht, sondern spreche, ich habe dich so lange nicht gesehen und nicht gehörtAber weinet ihr beide nur; euere Tränen machen mich nicht mehr weich, in meine heissen Augen kamen, solang ich liege, keine – o weinet sehr bei mir: wenn man träumt, man wein' auf einen Toten, so bedeutet es Gewinn. – – Ja, ihr zwei schönen Seelen, ihr findet niemand, der euch gleichen, der euere Liebe verdienen kann, ihr seid allein – O Beata, auch Gustav liebt dich und sagt es nichtWenn du dein schönes Herz noch hast, so gib es ihm, auf der ganzen Erde verdient nur er es, gib es ihmdu machest ihn und mich glücklich, aber gib mir kein Zeichen, wenn du ihn nicht lieben kannst." Jetzt ergriff er noch die Hand Gustavs, dessen Gefühle gegeneinander wehende Stürme waren, und sagte mit aufgerichteten Augen der beglückenden Tugend: "Du unendliches gütiges Wesen! das mich zu sich nimmt, schenke diesen zwei Herzen alle schöne Tage, die mir vielleicht hier beschieden warenja nimm sie aus meinem künftigen Leben, wenn ich etwa in diesem keine mehr zu erwarten hatte." Hier zog der fallende Körper die fliegende Seele zurück; ein Tropfen in seinem Auge verkündigte die schwere Erinnerung an seine zertrümmerten Tage; drei Herzen bewegten sich heftig; drei Zungen erstarrten; diese Minute war zu erhaben für den Gedanken der Liebebloss die Gefühle der Freundschaft und der andern Welt waren gross genug für die grosse Minute ....

Ich bin jetzt nicht imstande, von den Folgen der letzten und von jemand anders zu reden als vom Sterbenden. Seine zurückgespannten Nerven bebten in