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aus, die auf nichts hängen und ruhen, wie die farbigen herausgeschnittenen Fragmente des Regenbogens. Er ist es, von dem man fordert, dass er wie Spiegelquecksilber alles, was vor ihm vorüberrennt, fremde Charaktere und eigne Meinungen, abfärbend abschatte und alles Äussere zeige und alles Innere berge. Wird es für einen Weltmann genug seines reiche immer für einen Gelehrten zu –, wenn er ein Feld ist, das satirische Dornen umstecken, und müssen diese nicht vielmehr statt des Raines alle Furchen erfüllen und mehr die Frucht als der Zaun des Ackers sein? Und wer anders als er und die Schwefelleberdie sich aber nur auf Metalle einschränktmuss alle Heilige und alle Teufel schwarz zu präzipitieren wissen? – Allein Leute, die so hohe Forderungen zu machen wagen, bedenken nicht immer, dass nur ein Latitudinarier und Indifferentist aller Wahrheiten sie befriedigen könne, d.h. ein Mann, der gänzlich sich über den Kateder-Eiländer erhebt, welcher vielleicht jahrelang die nämlichen Meinungen und Hosen behält. Nichts verengert den Tanzplatz des Witzes so sehr, als wenn eigne Meinungen und Wahrheitliebe darin als feste dicke Säulen stehen. – –

Dieses sind eben die Mittel, wodurch Weltleute sowohl andre als sich selber im feinsten lächerlichen Lichte darzustellen wissen. Der Hofmann kann allerdings den deutschen Komödienstellern vorwerfen, dass sie das attische Salz und das feine Komische, das er stets an seiner person zu haben weiss, unter ihren Schwielen-Händen meistens verfliegen lassen. Er, der Hofmann, macht sich stets auf eine feine, nie niedrige Weise lächerlich und würzet mit einem echten hohen Komischen, das seinem hohen stand anpasst, seine person leicht; aber er kann fragen: "Studieren mich die deutschen Tröpfe, oder salzet Terenz, den sie studieren, seine Charaktere so delikat wie ich meinen eigenen?" ...

Ich denke, durch meine Verirrungen hab' ich den Umstand in meiner geschichte zureichend motiviert, dass Gustav am Ende, weil er niederlag unter so schnell witzigen Damen und unter dem zu bescheidnen Gefühle fremder Talente und etwa, weil von ihm die Residentin durch ihre Gesellschaft und Beata durch ihren Herrn Vater abgezogen wurdesich gar fortmachte. Aber draussen richtete sich unter dem kühlenden Nachttau die hängende Blume erfrischt wieder auf; im stillen land ging er vor dem viereckigen Schimmer, den die Wandleuchter ins Gras herunter warfen, ohne Sehnen vorüber und drehte sich rund umher, um alle Wände des weiten schwarzgemalten Ballhauses, wo das Schicksal den Sonnen-Ball in grosse und den Erdball in kleine Kreise wirft, ins Auge zu nehmen. Als er hier den grossen Schattenriss des Tages, die Nacht, wie den einer weggegangnen Freundin, kühlend und tröstend an seinem Busen hatte: so dachte er, aber ohne Stolz: "O zu dir, grosse natur, will ich allzeit kommen, wenn ich mich unter den Menschen betrübe; du bist meine älteste Freundin und meine treueste, und du sollst mich trösten, bis ich aus deinen Armen vor deine Füsse falle und keinen Trost mehr brauche." ....

"Können Sie mich nicht berichten, wo hier der junge Herr von Falkenberg logiert?" redete ein Nachtbote ihn an. Er überbrachte ihm einen Brief, den er eilig im Fixsternlicht der fernen Wandleuchter durchlief. Aber sie schienen heute lauter trübe Auftritte beleuchten zu sollen. Amandus hatte ihm darin auf dem Deckbette seines Krankenlagers so geschrieben:

Fussnoten

1 Bekanntlich heisst an einer Doublette der in der Fassung versteckte Kiesel oder Bergkristall culasse, und der darauf blühende Demant pavillon. Einunddreissigster oder XXIIII. Trinitatis-Sektor

Das Krankenlagerdie Mondfinsternisdie

Pyramide

"Wenn du wieder mein Freund geworden bist: so gehe zu deinem, der bald sterben wird. Söhne dich aus mit mir, eh' ich in das ewig stille Land ziehe, wie wir das letztemal taten, eh' wir in das irdische stille Land hinausgingen. Ach unaussprechlich Geliebter! ich habe dich zwar oft beleidigt, aber allezeit geliebt! O komm, lasse nicht den kurzen Atem meiner brechenden Brust, der auf dieser Erde aus lauter unerfüllten Seufzern bestand, mit dem letzten vergeblichen Seufzer nach dir versiegen. Du sahest mich das erste Mal, als meine Augen blind waren; sieh mich zum letzten Male, wenn sie es wieder werden!" –

Dieses Blatt riss ihn in dieser Stunde, wo ihm die Liebe eines Menschen so wohl tat, aus dem schloss fort, aber die Stellen des Herzens, an denen es ihn anfasste, bluteten. Ein solcher gang durch die Nacht beugt die Seele nieder, und seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben. Bei jedem Vogel, den sie aus dem Bette jagten, dachte' er: wie wirst du im Finstern dein Ästchen wiederfinden? – bei jedem zerfliessenden Licht, das weit von Seufzern, welchen sauern Schritten wird es jetzt den langweiligen Steig beleuchten? und es war ihm, als säh' er das menschliche Leben gehen. Es machte ihn nicht fröhlicher, als er einige Sonnenwagen, von einem Sonnenhof aus fackeln umlegt, die unnützen Gäste des Souper, das sie wie er verliessen, so fliegend heimrollen sah, als führen sie einem sterbenden Freunde entgegen. Endlich wickelte sich die schlummernde Stadt aus den Schatten heraus; das Pharuslicht des Türmers und einige weit auseinander gesäete Lichter, die wahrscheinlich die lange Nacht eines Kranken trübe und ungeputzt abmassen, fielen auf den Trauer-Grund seines inneren.

Leise pochte er am Krankenhause, leise