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. Denn die ausgenommen, die ihm ähnlich war, ritzten und beizten die andern alle, die es nicht waren, sein Inneres so sehr mit ihren Tischreden, dass er nie in grösserer Beklemmung war als heute. Ich will das fliegende Tischgespräch, das die Tugend betraf, in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen, weil mehre Köpfe daran sprachen, wie am Bauern-Tischgebet die ganze Familie antiphonierend betet.

"Man hat keine Tugend, sondern nur TugendenDie Weiber haben sie, die Männer bekriegen sieTugend ist nichts als eine ungewöhnliche HöflichkeitTugend ist un peu de pavillon joint à beaucoup de culasse1; mais le moyen de n'être que l'un ou que l'autre? – Sie ist, wie die Schönheit, überall anders; die Köpfe sind hier spitz, dort breit; so ist es mit den Herzen, die darunter sindSchönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein Paar Schwestern, und doch geben sie einander ihren Putz (bezog sich) – Man denkt nie so gern an die Tugend, als wenn man die Rosenmädchen in Salency siehtSie wird auch an andern Orten gekrönt (bezog sich wieder) u.s.w."

Kurz jeder Ton und blick erwies nicht, sondern setzte es schon voraus, dass Tugend nichts wäreals der Ökonomus des Magens, die Konviktoristin der Sinne, die Offiziantin und Tochter des Körpers. Der Liebe gings wie der Tugend. "Die Julie des Jean Jaques" (sagte einer) "ist wie tausend Julien oder wie Jean Jaques selber: sie beginnt mit Schwärmen, endigt mit Betenaber das Fallen ist zwischen beiden."

Niemand, als wer einmal in Gustavs Lage war, wer einmal das verheerende Bestürmen seiner tiefsten Überzeugung von der Möglichkeit und Göttlichkeit der Tugend in einem Kreise witziger und entscheidender Leute von stand erlitt; wen unter solchen Erschütterungen, deren jede ein Riss in die Seele ist, sein eigenes Unvermögen kränkte, solche Tugend- und Heiligen-Stürmer zu beschämen, geschweige zu bekehren; wen unter diesen Herodes-Beschimpfungen seiner Heilandin nicht einmal der Stolz aufrichtete, der zwar gern mit uns auf unserm besonderen Zimmer isset, aber an der table d'hôte aus unserem inneren eilt – – bloss also wer in solchen Lagen keuchte, kann sich Gustavs Alpdrücken in der seinigen denken.

Selbst Beatens Angesicht, das die Partei der Tugend und der Liebe nahm, konnte' ihn nicht gegen jene persiflierenden Frostgesichter decken, aus denen, wie aus Gletscher-Spalten bei wechselnder Witterung, schneidende Winde bliesen und die das Herz zerphilosophierten und das Gefühl des eignen Werts zerrissen. In Gustavs Alter machen die Gustave zwei grundfalsche Schlüssesie suchen erstlich unter jeder tugendhaften Zunge ein tugendhaftes Herz, zweitens aber auch unter jeder schlimmen ein schlimmes.

Gustav würde wenig darnach gefragt haben, dass er nicht viel antworten, geschweige fragen konnte, wären ihm nicht zwei Ohren gegenüber gesessen, die etwas Bessers wert waren, als was sie zu hören bekamen. Er glitschte allemal neben der rechten Taste hinaus und griff Konsonanzen, wo Dissonanzen in der Partitur geschrieben standen, und umgekehrt. Bald erstaunte er über die fremden freimütigen Lizenzen, bald erstaunten seine Nachbarn über seine; und Witz wär' ihm leichter gewesen, als einen Ton zu treffen, der ihm bald zu kühn, bald zu feig vorkam. – Das war es aber nicht eigentlich: sondern sein wichtiger Fehler, der wie ein Fussblock seine Füsse hielt, war,

dass er logisch richtig dachte. –

Den Fehler haben viele; und ich selber musste mich viele Vormittage üben und mit der Seele voltigieren, eh' ich einigermassen unzusammenhängend und hüpfend denken konnte nur wie ein halber Narr. Ich hätt' es am Ende doch zu nichts gebracht, wenn ich mich nicht zu Weibern in die Schule und auf die Schulbank gesetzet hätte. Diese denken weit weniger logisch, und wer bei ihnen den guten Ton nicht erlernt, aus dem ist nichts zu machenals ein deutscher Metaphysiker. Antworten sie wohl jemals Ja oder Nein, statt dessen, was nicht zur Sache gehöret? Drücken sie sich über das Wichtigste bedachtsam und mit prozessualischen Weitläuftigkeiten aus oder über das Frivolste frivol? hören und üben sie Persiflieren ungern, oder legen sieBallköniginnen und Gouvernanten der bureaux d'esprit freilich ausgenommenwohl je den geringsten Akzent, Accent und Wert auf ihre Tisch-, Nachttisch-, Spiegel- und andre Reden? Oder legen sie einen auf Wahrheiten? Zum Glück nimmt diese Feinheit des Tons, die das Fakultätsiegel und der Handwerkgruss der Weiber ist, mit der Feinheit der Stoffe zu, die eine umhat. Ein paar kleine deutsche Städte, etwa Unterscheerau u.a., müssen sich mir nicht entgegenwerfen, wo freilich die dasigen Weiber, die sich lieber Damen nennen hören, mit nichts Laute von sich geben als mit dem artikulierten Fächer und Schlepprock, den Insekten gleich, deren stimme nicht aus dem mund, sondern aus dem schwirrenden Flugwerk und Bauchtrommelfell hervorsauset.

Viele muten mir zu, diese Ähnlichkeit des weiblichen und des Hoftons gar hinaus zu beweisen: ich habe ja die Feder in der Hand und brauche bloss einzutunken. Ein Sopranist im guten Ton (ich werde des Wohlklangs wegen "Hof- und guter Ton" abwechselnd gebrauchen) wird stets den Blitz der Wahrheit durch Pointen so zuzuleiten und zu entkräften wissen, wie den elektrischen durch Spitzen. Der wirkliche Sopranist schneidet aus dem ewigen Zirkel der Wahrheit bunte Segmente und Bogen