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spielenden Empfindungen treibt auseinander, widereinander und ineinander ein Fingerhut voll Puder am besagten Mann zu viel oder zu wenigeine Beugung seines Oberleibsein zu tief abgeschnittener Fingernageleine sich abschälende schurfichte Unterlippeder PuderAnschrot und Spielraum des Zopfs hinten auf dem Rockein langer Backenbartalles. Aus hundert Gründen schlag' ich hier vor den Augen des indiskreten Lesers Ernestinens Brief an eine ausgediente Hofdame in der Residenzstadt Scheerau auseinander: sie musste jede Woche an sie schreiben, weil man sie zu beerben gedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihr und in der Stadt gewesen war, dass sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konntedrei Wochen nämlich.

"Die vorige Woche hatte' ich Ihnen wirklich nichts zu schreiben als das alte Lied. Unser Gespiele ennuyiert mich unendlich, und es dauert mich nur der Rittmeister; es hilft aber bei meinem Vater kein Reden, sobald er nur jemand haben kann, den er spielen sieht. Wär's nicht besser, der gute Rittmeister liesse seinen Kutscher, der den ganzen Tag in unserer Domestikenstube schnarcht, aufwecken und anspannen und führ' ab? Seit dem Sonntage martern wir uns nun an einer Partie herum, und ich habe mir schon den Ellenbogen wund gestütztabends soll sie zu Ende.

Abends um 12 Uhr. Er verlierts allemal mit seinen Springern und durch meine Königin. Wenn er einmal geheiratet hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und meine Kunstgriffe zeigen. Ich bin recht verdrüsslich, gnädige Tante.

Den 16. Jun. In vier Tagen bin ich von meinem Spieler und Schachbrett los, und ich will dieses nicht zusiegeln, bis ich Ihnen schreiben kann, wie er sich gegen seine müde und unschuldige Korbflechterin benommen. Heute spielten wir oben im sinesischen Häuschen. Da die Abendröte, die gerade in sein Gesicht hineinfiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter Zeigefinger dauerte, der von einem Säbelhiebe eine rote Linie hat und der auf der Schachbande auf lag: so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Königin, und das abscheuliche Kindtaufgeläute des sinesischen Glockenspiels liess mir fast kein Desseinzum Glück kam mein Vater wieder und half mir ein wenig ein. Ich führte ihn nachher in unsern neuen Anlagen im Wäldchen herum, und er erzählte mir, glaube' ich, die Historie seines linierten Fingers; er ist gegen seinesgleichen sehr wild, aber dabei ungemein verbindlich gegen Frauenzimmer.

Den 18. Jun. Seit gestern sind wir alle etwas lustiger. Abends brachten zwei Unteroffiziere fünf Rekruten, und da man sagte, es wär' ein Mensch darunter, der eine ganze geschlagene Armee zum lachen brächte, gingen wir alle mit hinunter. Unten erzählte der Mensch gerade halblaut einem andern Rekruten ins Ohr, er habe ein eingesetztes Gebiss von lauter falschen Schneidezähnen, und sie fielen alle bis auf einen Eckzahn heraus, wenn er eine Patrone anbisse; er habe aber bloss das Handgeld wegkapern wollen. Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab, aber eine weisse Mütze, die sich bis über die Augenbraunen hereinsenkte, zerrete er noch tiefer nieder: 'zög' er sie ab,' sagt' er, 'so käm' er in seinem Leben nicht zum Regiment.' Der eine Unteroffizier fing an zu lachen und sagte: 'Er tuts bloss, weil er drei abscheuliche Muttermäler darunter hat, weiter nichts' – und ein Kamerad streifte ihm heimlich die Mütze von hinten herunter. Kaum war zu unserem Erstaunen ein Kopf daraus vorgesprungen, der an beiden Schläfen zwei brennende Muttermäler wies, eine Silhouette mit einem natürlichen Haarzopf und gegenüber zwei IltisSchwänzchen: so fasste zu unserm noch grösseren Erstaunen der Rittmeister den bemalten Kopf an und küsste ihn so heftig wie seinen leiblichen Bruder und wollte sich totlachen und totfreuen. 'Du bist und bleibst doch der Doktor Fenk!' sagt' er. Er muss sehr vertraut mit dem Rittmeister sein und kommt unmittelbar von Oberscheerau. kennen Sie ihn nicht? Der Fürst lässt ihn als Botaniker und Gesellschafter mit seinem natürlichen Sohn, dem Kapitän von Ottomar, nach der Schweiz und Italien reisen, wie Sie schon wissen werden. Er setzt tolle Streiche durch, wenn es wahr ist, was er schwört, dass dieses seine 21te Verkleidung sei und dass er ebenso viele Jahre habe. Er sieht übel aus; er sagt selber, sein breites Kinn stülpe sich wie ein Biberschwanz empor und der Bader rasier' ihm im grund die halbe Wüste gratis, so viel wie zwei Bärteseine Lippen sind bis zu den Stockzähnen aufgeschnitten, und seine kleinen Augen funkeln den ganzen Tag. Er spasset auch für Leute, die nicht seinesgleichen sind, viel zu frei." – –

Ernestine silhouettiert hier den äussern Menschen des Doktors, der wie viele indische Bäume unter äussern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare Frucht des menschenfreundlichsten Herzens verstekkte. Ich werde' ihn aber ebenso gut zeichnen können wie die Briefstellerin. Da Humoristen wie er selten schön sindweibliche Humoristinnen noch wenigerund da der Geist sich und das Gesicht zugleich travestiert: so würde ja, sagt' er, seine schönste Kleidung keinem Menschen etwas nützenihm selber und den Schönen am wenigstenals bloss den Schnittändlern. Daher waren seine Montierstücke in zwei Fächer gesondert, in kostbare (damit die Leute sähen, dass er die elenden nicht aus Armut trüge) und in eben diese elenden, die er meistens mit jenen zugleich anhatte. Stachen nicht die Klappen-Segel der schönsten gestickten Weste