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, seinen Zorn über seinen Feind auszuschütten und Feuer und Schwefel über die regnen zu lassen, die ihm angeblich übel wollen! – wohl recht, angeblich! – Kein Wort in der Welt wird so gemissbraucht, wie das teure, werte Wort: K a t h o l i s c h von den römischen und andern Christen, und ihr seid nicht wert, dass ich es euch erkläre! – Seid ihr Schäker denn vom bilderreichen oder ernstaft gründlichen Vortrage gerührt? war es nicht ratsamer, euch durch sichtbare Sinnlichkeit zu erschüttern? Bildet erst euer Auge, ehe ihr an das Ohr denkt, um von ihm zu Herz und Verstand zu gelangen! Habt ihr Pisang, Paradiesfeigen, Ananas, Datteln, Pfirsiche, Aprikosen und andere dergleichen Lekkerbissen gekostet? Versteht ihr die hohe Andacht, die Stillschweigen bewirkt, die sich fürchtet, auch mit einem Seufzer den zu stören, der sie erregt? Ihr Vivatoch- und Pereat-tief-Rufer! Ein Ochse kennt seinen Herrn, ein Esel kennt die Krippe seines Herrn; und ihr! – seid ihr nicht fast weniger als sie? Schämt euch! – Den Meinungen ruhiger Denker begegne man durch Untersuchungen und sehe mehr auf ihre Lebenspflichten als auf ihre Glaubenslehren! Kann man nicht durch Erziehungsregeln, wenn sie den rechten Weg verfehlen, ungezogen werden und durch argwöhnische Altklugheit zum Kinderspott? Eifer und Einsicht sind selten gute Freunde, und der Neid liegt immerwährend an der Gelbsucht schwach und krank danieder. – Behutsamkeit im Urteil kleidet jedermann, besonders den Untergebenen, der selbst in wunderliche Herren sich schicken lernen muss. Ihr hattet einen äusserst gütigen Herrn, und ich wüsste nicht ein Haus im land, wo für beide Facultäten der Seele, die untere und die obere, so gesorgt wäre wie hier. – Die Vernunft hat sich hier in Empfindung gekleidet, leicht und schön! Ein frischer Hauch der edelsten Empfindung geht in Rosental durch alles, was man sieht und hört. Wenn ihr euch gewöhnt hättet, überall etwas Gutes zu sehen und zu hören, – würdet ihr es nicht auch hier gesehen und gehört haben hundertfältig?

Hier griff der Unlateiner ein und bat, die Edelsteine von Gedanken (die so ordentlich wie ein Traum eines Kranken waren) liegen zu lassen und deutsch mit diesem Triumvirat zu sprechen. Hierauf nahm Caput commissionis sich zusammen und schritt zum Grundstein. Das Konsistorium, versicherte er, könne zwar kein Blut sehen und woll' es auch nicht; doch hätte es andere Mittel und Wege, den Menschen ans Herz zu treten: F a s t e n u n d b e t e n ; und so sollten sie denn bei wasser und Brod im Ehebrecherpranger unweit der Kirche drei Wochen stehen, der Gemeinde von der Kanzel als Aufrührer zu drei verschiedenen Malen vorgestellt und die heilige Communion ihnen ein Jahr lang rechtskräftig entzogen werden. Indess wäre es Christenpflicht, für sie in jedem monat des Excommunicationsjahres namentlich und öffentlich zu beten. Diese schreckliche Drohung brachte natürlich alle drei dahin, dass sie zu Kreuze krochen und auf Knien um Gnade flehten. Der Nachtwächter wollte sich weiss brennen; indess da er sah, dass Consistorialrecht für Gnade erging, so war er klug genug, es mit der Frau Schulmeisterin nicht zu verderben. Die Ritterin, welche die Seelenangst der Excommunicirten nicht ansehen konnte, eignete sich das Begnadigungsrecht zu, und so ward durch ihre Vermittelung die Sache durch Abbitte beigelegt.

Ich will abbrechen. Diess par nobile fratrum liess es sich noch drei Tage in Jerusalem bene sein, wie es im Consistorialstyl hiess, ohne sich weiter um diese Sache zu bemühen. Nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche Consistorialrat hatte sich ebenso gut wie Pastor und Heraldicus junior in die Rosentalsche Weise einstudirt. – Uns, die wir nicht an diesem Commissionsgeschäfte teil haben, wird es indess nicht gleichgültig sein zu wissen, dass der Maurermeister nach einiger Zeit wegen Schwermut in dem Irrenhause untergebracht werden musste, welches er aber für das Haus des Pontius Pilatus ansah, so dass er caeteris paribus dem Ritter in der Schwärmerei sich näherte. Der Schulmeister, dem die Prostitution die Seele durchbohrt hatte, folgte in kurzem dem Heraldicus senior und starb am Rosentalschen Jerusalem. Der Nachtwächter heiratete die Schulmeisterin und war am unglücklichsten, da ihm der neue Schulmeister dieselbe Ehre erwies, die er seinem Ehevorgänger nach allen Kräften erzeigt hatte. Er besass nicht wie sein Ehevorfahr ein Traumstübchen; denn er wusste wohl, dass er ehemals mit der Frau Schulmeisterin bei seinen Besuchen kein V a t e r U n s e r gebetet hatte.

Der Ritter befahl, den Commissarien zur probe ein C e r t i f i c a t sonder Arglist und Gefährde auszufertigen, und das grosse Siegel daran zu hängen, wodurch zu erweisen wäre, dass sie in Jerusalem gewesen; indess wusste der politische Pfarrer es krebsgängig zu machen, so dass diese lettres patentes in ihrer Geburt erstickten.

Anytus und Melitus, sagte Sokrates, können mich zwar tödten, allein schaden können sie mir nicht; und der Pfarrer gewann durch diesen Vorfall, der mit einer Lähmung anfing. Heraldicus junior, in der Voraussetzung, dass er über kurz oder lang sich zum examine rigoroso vor dem Consistorium zu stellen verpflichtet sein würde, wünschte umgekehrt, was man sich in Rücksicht der ärzte zu wünschen pflegt. Man besucht den Hippokrates gern; nur sieht man es ungern, wenn Hippokrates zu uns kommt. Und wer, als ein Consistorialrat, sollte wohl bei der heiligen Nottaufe auf