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in das Sessionszimmer zu führen. Dagegen wollten der Prediger und Heraldicus junior, die auf das Wort C o n s i s t o r i a l r ä t h e gelähmt waren, mit Hand und Fuss protestiren; allein sie konnten keins von allen ihren Gliedern regen und bewegen. In das Sessionszimmer? – Was denn mehr? Wenn keine Session isttut das Zimmer etwas zur Sache? die Scheide etwas zum Schwert? – Wer die Auftritte Schuld, wozu ihn sein Gewissen auf eine schreckliche Art verurteilt, berichtigen möchte, aber nun nicht mehr reden kann: nur der ist im stand, sich von der Lage dieser beiden hohen Räte, des Pfarrers und des Hofmeisters, einen Begriff zu machen. Beide waren im Sterben, als diese Consistorialvögel, der eine im Predigerhabit, der andere als Saecularis in weltlicher, wiewohl mit schwarzem Band eingefasster Kleidung hereinflogenes konnte nicht schneller sein. – Der Ritter, der diesesmal bei der Session im langen Johanniter- Ordensmantel sass, und sich patetisch von dem Präsidentenstuhle erhob, den ein Ordenskreuz von nicht gemeiner Grösse zierte, gab, so wie der Sessionstisch, welcher schwarz mit weissen Kreuzen behängt war, der hohen Commission so viele Blössen, dass jeder sich selbst gelassene Zuschauer Schrecken und Erstaunen, als den Anfang des vom Schulmeister vorher verkündigten Heulens und Zähnklapperns auf den fetten Kapaunengesichtern der Herren Commissarien, wo Schrecken und Erstaunen sehr leicht sichtbar werden, bemerkt haben würde. Der undefangene Ritter bemerkte nichtsdie Ritterin dessgleichenund unser Held war mit B l i t z - , K n a l l - und T h ü r v o r f ä l l e n zu bekannt, um an etwas Arges zu denken in seinem Herzen. – – Beide Commissarien, die durch diesen Anblick geblendet wurden, hätten hier das schrecklichste von allem, das Gelübde der Keuschheit, vermutet, wenn nicht ein Frauenzimmer, und, wie gar lieblich anzusehen, ein so reizendes, in der Mitte dieses Synedriums Sitz und, wie zu vermuten war, auch stimme gehabt hätte. Der hochwürdige Präsident, seine Gemahlin und sein Sohn, die sich nichts Böses bewusst waren, wünschten den Knoten des glücklichen Zufalls zu lösen, der ihnen das Vergnügen dieses schwarzen und in Schwarz gefassten Besuches zuzog. Und da der Ritter alles, was bei weitem noch nicht einmal zu Papier gebracht war, in Lebensgrösse sah, so fügte er die zweite Frage hinzu: ob sie etwa als Pilger eine Zelle zu beziehen gesonnen wären? wobei er sich aber nicht entbrechen konnte, zu bemerken, dass sie in Zukunft vor dem haus des alten Simeons angehalten werden würden, weil man sie ungemeldet nicht in Frieden lassen könnte. Es blieb ein

§. 55.

Glück

für den Pastor und Heraldicus junior, dass sie nicht Augen- und Ohrenzeugen dieser Vorgänge sein mussten. Die Angst ihres Herzens war jetzt schon so hoch gestiegen, dass, wenn sie diese ritterliche Unvorsichtigkeit noch hätten hören und sehen sollen, sie sicher Beide hatten sich zugleich, da sie die Consistorialvögel (wahrlich nicht Tauben, am wenigsten gebratene) einfliegen sahen, aus dem Staube gemacht; nicht, um nach der Verräterei zu weinen bitterlich, sondern sich gegen jede böse Anwandlung zu einer Verräterei in bester Form zu waffnen. Wessen Geist erniedrigt ist, dessen Herz ist auch verderbt, sagten sie sich einander. Wer etwas gegen sein Gewissen bekennen oder läugnen kann, begeht eine Sünde wider den heiligen Geistüber dessen Vergebung, setzte der Pastor nach einer Minute hinzuzu urteilen ich mich nicht unterstehe. – Ein Schmeichler, der, nach dem Ausdruck eines witzigen Dichters, als ein Ohrgehenk seinen Gönnern Nichtswürdigkeiten, sie mögen nun in gewürzten Stadtneuigkeiten oder in candirten Lobund Preisküchlein bestehen, zuflüstert, nimmt sich selten Zeit, von dem haus, worin es ihm so wohl ging, Abschied zu nehmen, wenn der gönner ohne Legat für den Schmarotzer stirbt, und der rechtmässige Erbe seine Ohrlappen zu lieb hat, um sie für ein dergleichen Ohrgehenk durchstechen zu lassen. Unsere beiden Männer, die um frische Luft verlegen waren, hatten sich an Jerusalem so gewöhnt, dass sie Anteil, freilich der eine mehr als der andere, an seinen Vorhöfen (weiter war der Bau nicht gekommen) nahmen, obgleich die Unvorsichtigkeit des Ritters sich mit nichts entschuldigen, viel weniger rechtfertigen liess. Ihr E n t s c h l u ss , den sie in frischer Luft fassten, war, Glück und Unglück über sich ergehen zu lassen und Märtyrer in der heiligen Stadt zu werden, die schon mehrmals die Propheten getödtet und seine Boten gesteinigt hatte. Wir sind nicht die ersten, versicherte einer den andern, die in Jerusalem überantwortet werden. – Nachdem sie auf diese Weise sich wechselsweise aufgerichtet hatten, kehrten sie mit einer Art M u t h oder besser T r o s t zurück, womit es eben die Bewandtniss hat, wie mit dem Glauben der Teufel, die zwar glauben, indess glaubensvoll zittern. – Was ist der Glaube mehr, als Trost und Mut? – Fasst euch! euer Gewissen ist euer Verteidiger! Ihr werdet nicht sterben, sondern leben. Wohlbedächtig blieben sie an der Tür stehen, und erst nach dem unablässigen Verlangen des undesorgten Ritters traten sie näher. – Und was war es, was ihr Herz ängstigte? was ihren Kopf trübte? Die ganze Welt und, was mehr sagen will, kein Concilium würde hier eine Heterodoxie gefunden haben