52.
Kreuzkabinet
beschlossen, fürs erste im schloss, zu seiner Zeit in der Kapelle. Zu seiner Zeit! – Der Maurermeister sollte peremtorisch aufgefordert werden. Der arme Heraldicus junior! Er, der die Kreuzunterlassungssünde rügte, er, der Busse und Bekehrung bewirkte, erhielt, anstatt des wohlverdienten Dankes, eine derbe Weisung. Unverschuldet? Wie man will. Durch seinen heimlichen Mutwillen hatte er sie doppelt verdient. Er gebrauchte den Ausdruck: Es ist keinen K r e u z e r wert. Der Ritter, dessen Gehör entweder durch beides, zuweilen litt, ward durch den Schall des Wortes verführt, und verband einen ganz fremden Sinn mit dem was Heraldicus junior sagte. – Sobald er seinen Irrtum eingesehen hatte, ward auf der Stelle ein für allemal verfügt, dass das Wort Kreuz nicht weiter so enteiligt und bis zur Scheidemünze herabgewürdigt werden sollte. In der Selbstverteidigung ist der arme Junge, wie wir wissen, nicht glücklich. Wollte er sich entschuldigen, oder seine Gelehrsamkeit beweisen – ich weiss es nicht, kurz, er fiel tiefer, indem er bemerkte, dass auch die ärzte und Apoteker sich des Kreuzes als eines Zeichen bedienten, und, wie er nicht anders wisse, † Essig, und wenn in jedem Winkel ein Punkt stände, abgezogenen Essig bedeute. – Essig! rief der Ritter voll heiligen Eifers. Ha! Mörder! mit Essig und Galle tränkt ihr den Sterbenden. Wisst! – und nun legten sich seine stolzen Wellen, da er sich wohlbedächtig erinnerte, dass er den Aerzten und Apotekern so wenig zu befehlen hätte, dass vielmehr regierende Herren den Recepten oder Rescripten ihrer Leibärzte und Hofapoteker unterworfen wären. (Eine andere Art von Schulmeistern und Nachtwächtern!) Heraldicus junior, dem seine Apotekerrechnung von Vorwürfen diesesmal mehr als sonst zu Herzen ging, machte von stunde an einen Bund, mit dem Ehrenworte "K r e u z " säuberlich zu verfahren und es nicht unnützlich zu führen. Uebertreibung, denkt der Kunstrichter. Warum aber so arges in deinem Herzen? Woher, warum
§. 53.
Uebertreibung?
Lerne die Menschen näher kennen, und du wirst finden, dass auch die gelehrtesten und geschicktesten unter ihnen – ad certum objectum – übertreiben. Und ist diese Uebertreibung nicht unschädlicher, als Stekkenpferdezucht, auf die sich fast jeder legt, um zu wettrennen? – Nebendinge zum Wesentlichen erheben, sich als Pastetenbäcker werden lassen und doch ein Hofpoet sein: ist das nicht so ziemlich sich höher anschlagen, als man wiegt – und andere über die Hälfte und oft den Staat mit seiner werten person anführen? – Siehe dich um, Lieber! Ist übertreiben und mit Ernst treiben nicht fast ein und dasselbe Ding auf Erden? Diensteifer ist übertriebene Diensttreue; und wer ist mit Diensttreue befriedigt? wer geht nicht auf Diensteifer aus? Ich weiss, mit keinem Z u ist zu prahlen; allzuviel ist ungesund. Ist zu v i e l indess nicht erträglicher, als zu w e n i g ? – Sieh den Soldaten, den Staatsmann, den Gelehrten! Nimm, um etwas Nagelneues vom Jahre zu haben, die jetzige Königsfeindschaft in Frankreich. Heute, den 6. Oktober Nancy das Wort K ö n i g an der Bildsäule des Stanislaus vertilgt. – Auch nach dem tod wird dieser arme König enttront! – Man verwandelt die Könige im Kartenspiel in Freiheitspiken; man will den Namen Ludwig ändern und den Heiligen dieses Namens aus dem Kalender verweisen. König David hat von Glück zu sagen, dass er, ausser der Königs-, auch noch die Prophetenwürde bekleidet, sonst ging' es ihm kein Haar besser, als dem Stanislaus! Und wie wird es mit dem lieben Gott bleiben, welcher der K ö n i g aller K ö n i g e und der H e r r aller H e r r e n genannt wird? Klippern gehört zum Handwerk, Sporen zum Reiter, Ordensband zum Helden und Minister. – Jeder Gegenstand hat seinen ihm angemessenen Styl: wer in einen benachbarten fällt, ist ein Pedant; wer alle durch die Bank übertreibt, ein Genie. – Das Kreuzzimmer bedurfte keines Hirams, keiner Risse und keiner langen Vorbereitung. – Der Ritter s p r a c h , und e s w a r d e i n e S a m m l u n g aller Kreuzarten, wiewohl nur in efsigie, und dergestalt, dass das Johanniter-Malteser-Kreuz seinen Platz in der Mitte nahm. O, der Sonne an diesem Kreuzhimmel! sagte der Ritter, und hob gefaltete hände zum Mittelpunkt aller dieser Kreuze. Es war ein herrlicher Tag, da eben diess Zimmer, Jerusalemschem Gebrauche nach, mit einer Session und nachherigem Mahl feierlichst inaugurirt werden sollte, als eine
§. 54.
Commission
die Session, nicht aber, wie die Folge lehren wird, die Mahlzeit verdarb. Es wurden nämlich, da eben der Pfarrer einige nicht unwichtige Vorschläge zur künftigen Verklärung und Vollendung dieses Kreuzzimmers tat, und mitten im Worte: E n t z ü c k e n , war, zwei Consistorialräte angemeldet, die im Vorzimmer wären, und die erlaubnis verlangten, Sr. Hochwürden vorgestellt zu werden. Der Ritter, der einesteils sich über dergleichen hochehrwürdige Lichtputzen von ganzer Seele wegzusetzen kein Bedenken trug, andernteils in Consistorialräten eine Art von Handlangern in seinem Kanaanschen Weinberge zu finden glauben mochte, oder sich wirklich übereilte – befahl in der vollsten Reinheit seiner Seele kurz und gut, sie gerade