Sohnes, den die Baronin unter ihrem Herzen trug, traf leider zu seiner Zeit baar und richtig ein, so wie man überhaupt die Erfahrung haben will, dass prophezeietes Unglück sich richtiger, als verkündigtes Glück, einstellen soll. Was die Zeichen der unzeitigen Neugierde betrifft, welche ein Drittteil der Nachkommenschaft, ohne Unterschied, ob fräulich oder männlich, am leib zu tragen verflucht ward, so ist auch dieser Fluch erfüllt bis auf den heutigen Tag. Da indess die Damen der Sichtbarkeit aller solcher Auswüchse mächtiglich zu widerstreben pflegen, so würde die höchste Rechenkammer in der Welt, die doch in Rücksicht der Auswüchse eine unverkennbare Stärke besitzt, das eine Drittteil aritmetisch herauszubringen Mühe haben. – Noch einen Fluch hauchte unser Taumaturge aus, der den auf das Altertum seiner Familie so stolzen Baron bei der Pusillanimität, die ihn wieder anwandelte, völlig zu Boden schlug. Sein Stamm nämlich sollte, nach hundert Jahren und sieben Tagen sein Ende erreichen. Die Baronin, welcher das Zeichen am leib und das Unglück ihres noch ungebornen Sohnes bis zum Verstummen nahe gingen, wollte den kleinen Gesandten bestechen und ihm e i n e P a t h e n s t e l l e antragen, zu welchem Ende sie sich seinen Vornamen erbat; indess er gab auf alle diese Höflichkeitserweisungen kein Wort, raunte dem Baron etwas ins Ohr (worüber die arme Frau in Puncto eines artigen jungen Herrn, der sie vor der Schwangerschaft sehr oft zu besuchen nicht ermangelte und jetzt, da sein Regiment – er war Fähnrich – ein entlegenes Standquartier erhalten hatte, nur schriftlich aufwarten konnte, sich allerlei Gedanken machte, ob es gleich nichts mehr und nichts weniger als die B i b l i o t h e k e n -geschichte war) – und nun verschwand er wie gewöhnlich – vor ihm Tag, hinter ihm Nacht. –
Das Säculum ist abgelaufen, ohne dass es diesem Familienzweige an Stammhaltern und Männern gebricht, die vor dem Riss stehen; woraus sich denn ergibt, dass die neueren Propheten unter diesem kleinen volk eben den schlechten Ruf verdienen, wie die bei uns, oder dass ihre Jahre eine andere Breite und Länge haben müssen, als die man auf der Oberwelt zu kennen das Vergnügen hat. Sind doch schon die Jahrwochen des Propheten Daniel aus einem ganz anderen Kalender zu berechnen! – Vielleicht interpretirt man ihre Orakel, so wie die unsrigen, mehr aus dem Erfolg, als aus der Anzeige! – Bei Gesetzen und Prophezeiungen tut immer, die Auslegung das beste. Vielleicht s c h i e n dieser Familienzweig auch nur zu leben, da er, genau genommen, längst lebendig tobt war. In der Tat vegetirte ein grosser teil der Familie bloss, und schon ein gemeiner Geistlicher wäre im stand gewesen, diese Weissagung bei so bewandten Umständen pünktlich erfüllt zu finden. – Was kümmert mich indess jenes Fingerlein-Säculum, da das unsrige, welches sein Haupt neigt, alle Säcula in der Ober- und Unterwelt zu Spott und Schanden macht! – Und wer kann das Wort Säculum ohne ein: S t e h , W a n d e r e r ! aussprechen? Nicht wahr? das beste ist, so lange in Sprichworten zu reden, bis unser Stündlein kommt – und sich in Legenden zu zerstreuen, bis die Morgenröte der Wahrheit aufgeht. – Wozu mich das Wort S ä c u l u m bringt? – Noch hab' ich zwei
Legenden:
Eine
vom ungebornen Unglücklichen;
und die andere
vom Gevatterstande.
Beide sind bestimmt, diesen Paragraphen, welcher der Form nach gewiss kein Fingerlein ist, noch näher zu erläutern.
Legende vom Gevatterstande.
Den Fingerlein geht es, wie der Gelehrsamkeit: beide haben die Gewohnheit, sich bei gewissen Familien einzuquartieren und mit dem zu begnügen, was da ist. So geschah es denn, dass die Fingerlein, nachdem sie jenes von Rosentalsche Schloss mit den kleinen rücken angesehen hatten, ihre wohnung in einem andern eben derselben Familie aufschlugen und durch die Fourierschützen das Quartier einrichten liessen. Je länger sie hier hauseten, je zufriedener wurden sie mit ihrem Wirte und seiner Gemahlin, so dass sie, wenn sie es gleich wollten, ihren inneren Hang, mit beiden sich näher zu verbinden, nicht bergen konnten. Zwar ging es so weit nicht, wie vor der betrübten Sündflut, wo die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren, und zu Weibern nahmen, welche sie wollten; indess brachen die Fingerlein oft die gelegenheit vom Zaun, um dem Herrn oder der Frau des Hauses einen Besuch abzulegen, der, ob er gleich durch keine Erfrischungen aufgeheitert ward, ungewöhnlich lange währte und dem guten Baron, noch mehr aber seiner Gemahlin, der mit keinem Fingerlein gedient war, lästig fiel. – Unsre beiden Eheleute wurden oft von dem schrecklichen Gedanken ergriffen, ob die Fingerlein nicht etwa eine Gegenvisite verlangen würden, welche ihnen einer Höllenfahrt nicht unähnlich schien; indess trösteten sie sich mit dem Umstande, dass ihre Gäste sich jederzeit ein Gewerbe bei diesen Visiten machten, so dass keine derselben zwecklos, leer und aus blossem Ceremoniell gemacht zu sein schien. Die Baronin befand, sich, mit Vorbewusst, gepflogenem Rat und angewandter Tat des Herrn Gemahls, in gesegneter Verfassung, und näherte sich ihrer Entbindung, so dass bereits eine von den berühmtesten Wehemüttern der Gegend sich gegen Wartgeld im haus aufhielt, und der Geistliche seit vier Wochen jeden Sonntag für Geld und gute Worte um eine glückliche Entbindung der