1793_Hippel_038_89.txt

Lebensgrösse in die Kapelle zur Erbauung hinzulegen, dem frommen Schächer dagegen dieses Andenken um so mehr rund abzuschlagen, da die Illusion sonst zu sehr gestört werden würde. – Der Pfarrer machte bei dieser gelegenheit auf Kosten des Papstes eine gallenbittere Anmerkung, wogegen er dem Patriarchen ein feines Compliment unterschob. Es ist bekannten Rechtens, da den Päpsten ein dreifaches Kreuz, den Patriarchen aber ein doppeltes bei Processionen vorgetragen wird, und so war Pastor loci des wiewohl übereilten Dafürhaltens, als wäre dieses Kreuz ein Spiegel, Regel und Riegel, indem der Patriarch sich das Christus- und das Paradiesschächerkreuz, der Papst aber auch zugleich das Kreuz des verstockten Schächers vortragen lasse, als obIndess ward dieser Ausfall vom Ritter so wenig gebilligt, dass man bei dieser gelegenheit, wenn man gewollt, aufs neue den Nebenhang des Ritters zur päpstlichen Kirche hätte bemerken können. Der

§. 49.

Schulmeister

pflegt sonst ein Schatten des Pastoris loci zu sehen, ein Spiegel, worin Se. Wohlerwürden sich wieder sehen; ein Ruhebett, auf das er sich hinstrecken kann; ein Fusswasser, um sich die Flüsse nach unten zu ziehen; ein Sprachrohr, um den Bauern bekannt zu machen, dass so rein er Gottes Wort predige, ebenso rein auch sein Calendegetreide sein müsse; ein Vergrösserungsglas, um ja jede Sünde des Kirchspiels zu entdecken; Ohrbaumwolle, um ihm alle Dorfneuigkeiten einzuflüstern: – unser Schulmeister und Organist in Einer person, nicht also. Dass er bei gelegenheit der Nottaufe schon so manches geheime Wort gegen den Gevatter Nachtwächter fallen lassen, und dass er von den Abendandachten in R o s e n t h a l sagte, sie wären ohne Schmalz und Salz, ist uns ohne Zweifel noch in frischem Andenken. gelegenheit macht Diebe. Der Schulmeister, welcher als der eigentliche Nottäufer von Gott- und Rechtswegen bei der Taufe unseres Helden und auch nach der Zeit bei vielen andern Gelegenheiten so schnöde übergangen worden war, ging recht geflissentlich nach gelegenheit auf die Jagd, um Rache zu üben, die so süss ist. Die Frau ters, der ihr vergnügter wohlbelohnter Herzensfreund, vor der Welt aber ein leidtragender Wittwer war) zu den geheimen Unterredungen zugezogen; und nun währte es auch nicht lange, dass diese in der Asche glimmenden Funken aufschlugen und in ein wirkliches Denunciationsfeuer ausbrachen. Der Hauptdenunciationspunkt war, dass Kirchenpatron und Pfarrer in heimlichem Verständniss mit dem Antichrist lebten und die arme Gemeinde in aller Stille zum katolischen Glauben verleiten wollten. Die Nottaufe ward nur durch einen Streifschuss berührt, da der Denunciant es nicht in Abrede stellen konnte, dass der Pfarrer selbst dagegen öffentlich seine stimme wie eine Posaune erhoben; indess hätte er jetzt, sagte der Schulmeister, den Katolicismus wie Demas die Welt lieb gewonnen, und wäre nun so tief in diess Babel versunken, dass wenn nicht das hochehrwürdige Consistorium die gestrenge christliche Liebe hätte, ihm und dem Kirchenpatron ein Tintenfass, wie ehemals der Glaubensvater Luter dem Satan an den Kopf zu werfen, die arme Gemeinde mit Leib und Seele zur Hölle fahren müsste, welches traurig anzusehen sein würde.

Zu den Hauptbeweisen seiner Denunciation gehör

te:

1) der Gevatterstand des Papstes. Dieser unväterli

che Vater hat sich nicht gescheut, um sein Reich zu vermehren, sich in ein luterisches Kirchenbuch eintragen zu lassen, als welches Buch, obgleich der Pfarrer es wie sein Auge im kopf verwahrt, mir doch nicht hatte können verborgen bleiben.

2) Der Reliquienkasten, der von 24 Mann nach Rosental als eine antichristliche Bundeslade und offenbare Religionscontrebande eingeführt worden. Der Pfarrer hätte Eid und Pflicht bedenken und diesen Raritätenkasten confisciren sollen.

a) Die Pferde waren nota bene lauter Schimmel.

b) Als dieser abgöttische Kasten die Kirche vorbeizog, ward mit allen Glocken geläutet.

c) Der Pfarrer trat zum Aergerniss der ganzen Gemeinde vor diesem Greuel der Verwüstung ins Gewehr und er hätte, wenn der Herr Generalwender (B r a t e n war ausgestrichen; sollte G e n e r a l s u p e r i n t e n d e n t heissen) gekommen wäre, ihn nicht ehrerbietiger in Empfang nehmen können. Es fehlte nur noch, dass der Pfarrer, der nach der Pfeife des hochfreiherrlichen Hofes zu tanzen gewohnt ist, vor dieser Lade, wie weiland der König David vor der Lade des Bundes ein Solo tanzte.

d) Es ist allerlei Baalsdienst, ohne Zuziehung des Pfarrers mit und um diesen Kasten getrieben worden, wobei

e) der Frau von Rosental Gnaden und des Junkers Hochwohlgeboren, wie es geheissen, noch einmal die heilige Taufe mit wohlriechendem wasser erhalten.

f) Der Pfarrer nimmt jetzt an aller dieser Abgötterei Leibes- und Seelenanteil und setzt aus strafbarem Appetit zu Egyptens Fleischtöpfen seiner Gemeinde Seel' und Seligkeit aufs Spiel. Ende schlecht, alles schlecht. Sollte ein Geistlicher sich nicht Mut und Kraft von oben erflehen, um dem Saus und Braus und dem Rauch aus Schüsseln und Pokalen stattlichen Widerstand zu tun? – Schlägt es ihm an? Mit nichten; ich wiege zwei Steine mehr als er.

g) Der Kasten ward so geheim gehalten, dass, da ich aus angebornem Triebe zur Hermetik (sollte H e r m e n e u t i k heissen) hinter die Schliche desselben zu kommen Tag und Nacht punktirte, ich wiewohl nur so viel heraussubtrahiren konnte, dass der Frau Baronin Gnaden eine Feuerprobe ihrer Jungferschaft ausstehen müssen, als welches ich in diesen jungferletzten und jungferbetrübten zeiten ganz gern mit dem Mantel der Liebe bedeckt hätte