1793_Hippel_038_88.txt

nach Christi Geburt 17die fromme Besichtigung in Segen angefangen, nachdem er zuvor seinen Namen in das Buch w e i ss a u f s c h w a r z u n d im Glauben und Gehorsam gefangen genommen, seine fünf Sinne angestrengt, seine Einbildungskraft erhöht und die vornehmsten heiligen Oerter gesehen und empfunden; wonächst Vorzeiger während dieser heiligen Zeit an dem Pilgertische mit dem Stabe in der Hand gegessen und getrunken in Mässigkeit und Nüchternheit: nicht als die ihren Bauch vergöttlichen, die leben, um zu essen und zu trinken, sondern, die trinken und essen, um zu leben. entfernt, alles zu beurkunden, was unser Pilger reichlich und täglich erblickt und gehört, kann, ohne den folgsamen Leser aufzuhalten, ihm jedoch nicht verhalten werden, dass er an dem haus Simeons abgetreten, und nach gehöriger Meldung zu seiner Zelle gebracht worden, dass er das Haus Pilati, die verfluchte Erde, den Oelberg und vor allem das H.G. und den Stein, den der Engel von des Grabes Tür gewälzt hat, von Angesicht zu Angesicht gesehen. Wobei unsere Herzenswünsche sich in Bescheidenheit dahin begrenzen, diese Wallfahrt möge zu seiner armen Seele Nutz und Frommen gereichen, blühen und Früchte bringen in Geduld. Urkundlich ist demselben dieser offene Brief und Gezeugniss, welches bei jedermann so viel gelten soll, als wenn ihm das Kreuz ins Fleisch gebrannt wäre, auf sein bittliches Ansuchen bewilligt, nachdem selbiger mit vieler Rührung von diesen Sanctuarien Abschied genommen und sie gesegnet, auch zu Urkund dessen seinen Namen in das rote oder Wolkenbuch aufgezeichnet. Alles ohne Arglist und sonder Gefährde. So gegeben Jerusalem, den17

N.N. und Siegel.

Auf das Siegel ist gegraben die geschichte der Geistes- und Feuertaufe der Apostel, und das Fusswaschen des Herrn, mit der Beischrift: Sigillum magnum Guardiani sancta terrae et montis Sion.

Gott behüte vor Vettern und bringe uns Pilger ab und zu, die nicht sehen und doch glauben! Amen.

§. 46.

Ein Ordensmann

des heiligen Apollo, der zum Vater des Unglaubens gegen Fernei wallfahrtete, blieb, wie man sagt, Voltairen zu lange. Dieser Unart eine Art beizulegen, rühmte er das Voltaire'sche Schloss ohne ende' und Ziel, und das veranlasste Voltairen, dem Panegyristen zu erwiedern: Mein Herr, Don Quixote sah ein Wirtshaus für ein Schloss an, Sie scheinen ein Schloss für ein Wirtshaus anzusehen. – Darf ich den frommen Schlusswunsch noch hinzufügen: auch wende er Schmarotzer ab, denen der Mund immer nach gebratenen Tauben offen steht: Kyrie eleison!

§. 47.

ganze Einrichtung

das Ansehen gewinnt, als wenn der verstorbene H e r a l d i k u s sie aus alten und neuen Flicken zusammengebracht hätte, so waren doch die Glieder des hohen Rats sammt und sonders, nachdem sie diess Werk zu stand gebracht hatten, auf eine so einleuchtende Art begeistert, dass eins das andere fragte: wie gefällt es Ihnen beim Pontius Pilatus? – Gelt! in der adeligen Zelle Nr. 6 ist eine Aussicht, die einen Fürsten reizen könnte? Die bürgerliche Zelle Nr. 5 – ist die zu verachten? Alles stand so herrlich in der Einbildung, dass man auf dem Berge Zion war wie zu haus. Die Ritterin hatte in dem Schlafkabinet der Frau Pontius Pilatus schon viele und recht denkwürdige Träume gesammelt, und das Häuschen des heiligen Simeons gefiel dem Pfarrer so herzlich wohl, dass er oft die hände brach und zur Uebung einmal über das andere ausrief: Herr! nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren! – wobei er indess jederzeit wohlbedächtig hinzufügte: wenn Zeit und Stunde ist. Fürs erste gefiel es dem Diener in diesem Jammertale nicht übel; denn nach aufgehobener Session wartete seiner ein kostbares Mahl, welches nach so vielen chen fünf Sinne wirklich mit Wohlgefallen sättigte. Der Ritter übernahm es, dieses Jerusalem bei dem

§. 48.

Meister Hiram

zu bestellen, und obgleich dieser ehrliche Meister nichts im Zusammenhang begriff, so war er doch trunken durch den Gewinn, von dem er sich bei dieser Imaginationssache überzeugt hielt, so dass er dem Ritter hoch und teuer versicherte, alles auf ein Haar verstanden zu haben. Er zeichnete die Hauptingredienzien, wie der Meister sie nannte, in seine Schreibtafel, um aus diesen Geniestrichen zu haus Jerusalem näher auseinander zu setzen, und wenn Gott wollte, völlig auszubauen.

Schliesslich fiel es dem Schneiderssohn ein, dass bei dem ganzen so kostbaren Bau an kein Kreuz gedacht wäre; denn wenn gleich jeder Pilger sein Kreuz in natura mitbringen würde, selbst wenn er kreuzlahm sein sollte, so ist und bleibt doch das Kreuz ganz natürlich die Hauptlosung des gelobten Landes. Man erstaunte über diese Unterlassungssünde, welche Heraldicus junior aus heimlichem Mutwillen rügte. Bei dieser gelegenheit ward, wiewohl beiläufig erzählt: nachdem das Christus- und die beiden Schächerkreuze verlegen gewesen, das Kreuz Christi unter diesen dreien zu finden, bis endlich entweder eine ganz tote oder todkranke Frau alle drei angerührt habe, und bei der Berührung des Kreuzes Christi sogleich entweder gesund oder lebendig geworden sei. Man ermangelte nicht, hierbei den Wunsch zu äussern, dass der Ritter durch eine dergleichen Kreuzesberührung von seinen Hauptflüssen befreit werden möchte, – wofür der Ritter den ergebensten Dank nicht schuldig blieb. Das Resultat nach so manchen Kreuzzügen war: auf dem Rosentalschen Golgata bloss eine einzige Kreuzstelle auszuwählen, ohne sie in Silber, wie im gelobten land einzufassen; hiernächst auch nur Ein Kreuz in