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Raketen steigen in die Höhe, und lärmen und prasseln; allein ihr Ende ist Gestank. Hinter dem Berge wohnen auch Leute. – Bete und arbeite! – Wer wird sterben, ehe man gelebt hat! Am dritten Tage wird den Pilgrimen ein schwarzes Buch mit einem weissen Kreuze vorgelegt, in welches sie Namen und Tag der Ankunft schreiben. Jetzt nimmt die Ceremonie mit einem Glockenschall den Anfang. Zuerst wird der Pilger auf den Oelberg geführt. Se. Hochwürden gehen in RitterPontificalibus voraus. Ist der Pilger Ritter, so muss er seine Ritterkleidung anlegen; die andern Pilger hängen bloss lange schwarze Mäntel um, welche der Koch liefert. Schwarz schmutzt nicht. Hier werden die zwölf Bogen zu Ehren der zwölf Apostel gewiesen, die Helena erbauet, weil sie hier das Symbolum apostolicum verfertigt (man wusste nicht, ob, ehe sie in alle Welt gingen, oder ob sie zu diesem Geschäfte aus aller Welt zusammengekommen waren), und alsdann wird diess Symbolum, wiewohl deutsch, gesprochen.

P e t r u s fängt an: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer himmels und der Erden u.s.w.

M a t t h ä u s : eine heilige christliche Kirche und eine Gemeinschaft der Heiligen;

S i m o n : Vergebung der Sünden;

T h a d d ä u s : Auferstehung des Fleisches;

M a t t h i a s : und ein ewiges Leben. Amen.

Zu diesen Zwölfen werden die Vornehmsten im neuen Jerusalem gewählt. Der Ritter macht den Petrus; auch nimmt er, mit erlaubnis des Mattias, das Amen über sich.

Will der Pilger noch mehr sehen; wohl ihm! nur dass er die Augen seiner Einbildungskraft auftue. Beim Bache Kidron wird ihm ein Becher kaltes wasser angeboten, und apostolisch gewünscht, dass er alle Leiden seines Lebens durch diesen Letetrunk vergessen möge! Kann er weinen, so lässt er drei Tränen in diesen Becher fallen. Hat die natur ihm dieses Hausmittel versagt, so hat es nichts zu bedeuten. Ein edler Mann weiss im Märzschein den Mai zu fühlen; allein er schämt sich einer Träne nicht. Con feratur der zehnte Sonntag nach Trinitatis.

In P i l a t i haus kann das Schlafkabinet keinem vermietet werden. Bei den übrigen heiligen Stellen ist nach Umständen dem Pilger ein Schlag ans Herz zu geben. Hat er kein Herz, so greife man den Kopf an! – Es müssen durchaus Kopf- und Herzstellen in Jerusalem angelegt werden; wo Eins von beiden fehlt, ist nicht viel auszurichten. Der Blutacker ist ein Haupterzplatz.

Nach und nach können mehrere Reliquien kopirt werden.

Jeder Anfang ist schwer: – Raphael malte Teller, ehe er zu dem Ruhme stieg, den ihm jetzt niemand streitig machen wird. – Altes und Neues ist hier zu vermischen: – Reliquien und ein Stück von gestern und ehegestern. Die Einbildungskraft muss beständig in Atem gehalten werden. Seelenhektisch ist jeder, dessen Einbildungskraft auf schwachen Füssen geht: – die Phantasie ist die Lunge der Seele. – Leute, die nicht Vernunft haben, um richtig, und Imagination, um angenehm zu urteilen; Leute, die ohne Urteil sind, werden hier nicht verraten und verkauft werden. – Man halte für sie die Zeitungen. Mit dem lieben Urteilen! Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Urteilen nicht viele, weil es so Mode ist; weil sie nicht urteilen können; weil sie das Urteil anderer hören wollen; weil sie sich nicht aus der Uebung bringen mögen, falsch zu urteilen; weil sie eine schöne Schwester haben; weil ihre Frau, ihre Nichte Hofdame waren; weil sie bezahlt werden; weil sie keinen Kopf oder kein Gewissen besitzen; weil sie schläfrig sind; oder weil es noch zu früh ist zu Bett zu gehen? – Menschen schenken lieber, als dass sie bezahlen; überall betteln sie um Gnade, weil sie nicht bestehen können vor der Gerechtigkeit. – Spielschulden sind ihnen wichtiger als Wechselschuld. Ihre Logik sitzt ihnen im Unterleibe und ihre Moral im Magen.

Es werden zwei Bücher gehalten, in welche der Pilger seinen Namen aufzeichnet. Das eine heisse: w e i ss auf schwarz und schwarz auf weiss; und hierin zeichnet der Ankömmling, nach abgelegter heiliger Quarantaine, seinen Namen ein, wenn ihm die Sacrarien gezeigt werden. Das andere Buch heisse r o t h , und deute die Vollendung, die Sonne, die Himmelfahrt an. Darin schreibt er seinen Namen ein, am Tage seines Heimganges. – Eine glückliche Reise!

§. 45.

Das Attestatum,

oder die Kundschaft, wird auf geziemendes Ansuchen gegeben, wie folgt:

Wir Caspar Sebastian von Gottes Gnaden des heiligen römischen Reichs Freiherr von Rosental, Ritter des heiligen Johanniterordens, Grund- und Erbherr der Rosentalschen Güter, des protestantischen gelobten Landes und aller hier befindlichen Sacrarien.

Entbieten einem jeden Leser der drei Klassen, adeligen, geistlichen und bürgerlichen Standes, Heil, Gnade und Frieden, vom Anfgange bis zum Niedergange, von Betlehem bis zum Joseph Arimatiaschen grab. Amen! Amen! Amen!

Tun kund und zu wissen einem jeden, der sich kund und zu wissen tun lassen will und nicht will, welchergestalt N.N., protestantischer Confession, den – – in beliebter Stille zu uns gegen Rosental gediehen, um seine Gelübde der Andacht bei den hier, christlich gesinnten Herzen zum Heil und Frommen, eingerichteten Sacrarien zu erfüllen. Es ist im Jahre