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der edle Ritter die edle Ritterin sich nicht auslassen; er griff das Wort n a c h l ä ss t fast unfreundlich und beim Kopf, und schwur: so lieb ihm sein Sohn sei, ihm doch den Salomonischen Bau nicht abtreten zu wollen, vielmehr sich morgen am Tage als David und Salomo in Einer person zu zeigen (versteht sich, die Davidsche Kebsliebe und die etlichen hundert Salomonischen Weiber abgerechnet). So wahr ich Ritter bin, fügte er hinzu, – und die Ritterin sprach A m e n zu diesem hohen Schwur. – Vom Sinnlichen zum Abstrakten ist der Richtsteig, den wir zu wandeln haben, und wir fangen vom Abstrakten an, um zum Sinnlichen zu gelangensagte der Ritter mit mehr Kälte, und nahm sich die Freiheit, seine Amazonin in puncto der Salomonischen Kebsweiberei zu fragen: ob dieselbe nicht etwa fremde unweise Gedanken gewesen wären, die auch dem Weisesten unter den Weisen den Weg der Weisheit vertreten? Ein liebevoller Kuss, den sie anfing, beschloss diese Scene. Den dritten Tag war

§. 41.

Session.

Da der hohe Rat zuvor bei jedem Schritt und Tritt unbehauene Steine des Anstosses gefunden hatte, so war jetzt alles behauen und so passend, dass nur wenige leere Fugen blieben, wo der Kalk seine guten Dienste tat, wenn er gleich nur da Haltung hat, wo Steine mitwirken; so wie das Genie ohne Kenntniss bei trockenem Wetter auch abfällt. Man hatte sich anfänglich, obgleich im hohen Rat niemand des ZeichOerter abzuzeichnen; jetzt, da alles aut aut ging, begnügte man sich, bloss eine geistige Zeichnung anzulegen, und die leibliche dem Hiram aus dem nächsten Flecken gegen Geld und gute Worte anheimzustellen. – Die Schwierigkeitsfässer waren geleert und die Zweifel hatten im Fingerhut der Ritterin gemächlichen Platz. Die ganze Centnerlast von Bedenklichkeiten konnte der Ritter mit seinem Ohrfinger heben. – Er hatte lange und sehr wohlgebildete Finger.

Ist denn wohl, fing der Prediger an, um die Ritterin zu gewinnen, alles im gelobten land an Stell' und Ort? und kommt es denn bei Reliquien und Sanctuarien auf etwas mehr als auf den heiligen elektrischen Schlag an, den man bei dieser gelegenheit ans Herz erhält? Jener Weise des Altertums, welcher der Ateisterei beschuldiget ward, sagte: Ich biete meine Lehren mit der rechten Hand dar, und meine Zuhörer nehmen sie mit der linken. Muss man denn nicht an Conterfeie der Maler glauben? und was glaubt nicht alles der am reinsten denkende und abstrakteste Philosoph, was muss er nicht glauben, wenn er nicht verzweifeln und verzagen will? Dergleichen

§. 42.

Glaubensübungen

kann man in dieser ruchlosen bösen Welt nicht zu viel haben. Ist es nicht auch in diesem Sinn ein wahres Wort: Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde, ist Ueberspannung? So fing der Prediger eine patetische Rede an, die er fortsetzte, wie folgt:

Des Menschen Verstand unter dem mond ist ein Glaubens-Verstand. Nun gibt es freilich Dinge, die mit der linken Hand gegeben werden, und diese muss man denn mit der rechten nehmen. Z.B. die andächtige Helena (der Prediger bückte sich tief gegen die Ritterin) soll, als sie von Jerusalem zurückkam, beim grossen Sturme dem adriatischen Meer einen Nagel aus dem Kreuze Christi an den Kopf geworfen haben, und das Meer von dieser Zeit ab weit gefälliger und sittsamer geworden sein. Der erste christliche Kaiser, Constantin der Grosse, hat zwei Nägel des Kreuzes Christi in seinen Privatnutzen verwandt, und den einen an seines Pferdes Zaum, den andern an sein Schwert gelegt, um den Feind zu schlagen und im Fall der Not auszureissen Nach menschlichem Dafürhalten wäre also, geliebts Gott! der Nägel Zahl zu Ende; indess werden deren noch so viele gezeigt, dass Ew. tel ganz bequem daran hängen könnten, ohne dass deren eins sich über die Nagelfestigkeit zu beschweren im stand sein würde. An diese Nagelgeschichte ward noch ein Verzeichniss von vielen Reliquien gehängt, die der Rede wert waren. Schon ist einiger derselben rühmlichst gedacht. Der Prediger nahm nach einigen Gesprächen, die nicht verdienen Reliquien zu werden, wieder das Wort. Werden, sagte er, nicht wenigstens drei Schweisstücher gezeigt, die Veronika Christo gereicht, um sich den Schweiss abzutrocknen, und in welches er sein Angesicht abgedrückt hat? Der Stein, der eben zum Schreien den Mund auftatnachdem er nämlich zuvor den Mund ex officio erhalten, bei gelegenheit der Worte: wo diese (scilicet) Kinder schweigen, so werden die Steine schreienist gewiss keine Alltagsreliquie. Allerdings, sagte der Ritter, wird im gelobten und in so manchem ungelobten land so manches und mancherlei gezeigt, wobei: wer Lust und Liebe zu glauben hat, schon seine N u ss finden kannsein H e i l zu versuchen im stand ist, beschloss der Preidger, indem er die Nuss veredelte. Warum soll man sich aber solche Glaubensgelegenheiten nicht näher legen? warum nicht lieber mit Händen und Augen greifen, als mit Imagination? Im gemeinen Leben sagt man von dem, was man nicht behalten will, man lasse es durch ein Ohr hinein, und durch das andere hinaus, wie unkeusche Weiber ihre Liebhaber respektive durch Vorderund Hintertüren.

Am Ende kommt es freilich auf die Absicht an, beschloss der Prediger; und wenn der Gruss der heiligen Jungfrau Elisabet, Christi Seufzer, der Schlaf der Jünger Christi, das Krähen des Hahns bei Petri Verräterei, der Traum der