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singen werden:

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort!

Amen! –

§. 39.

Garrick

sagte zu einem französischen Schauspieler: Sie haben die Rolle eines Trunkenen mit viel Wahrheit und Anstand gespielt, nur Schade! dass Ihr rechter Fuss nüchtern war. So praeter propter fiel die Kritik des Ritters in Rücksicht der Ehrenrettung des Liedes: E r h a l t ' u n s , H e r r , b e i d e i n e m W o r t , aus; nur dass es dem Ritter nicht gegeben war, sie mit der Garrick'schen Wendung auszustatten. Der türkische Ausfall des Predigers gegen den Krieg hatte dem Ritter nicht missfallen, und noch weniger das gute Zutrauen, dass der Ritter dem Mahomet in der Hölle und in der Qual ein Glas wasser, und noch lieber Wein reichen würde! In der Tat, er hätte ihm beides gereicht! – Unter der Erde war ihm Eldorado; und ist es wo anders? Indess gab es auch manchen nüchternen Fuss in der Abhandlung! – D e r M e n s c h e n h a n d e l d e s G a s t v e t t e r s tat diesem stattlichen Werk allerdings Schaden! Doch war es gut gemeint, und in einem geschenkten Gaulmuss man nicht den Pegasus suchen. – Es ward im hohen Rat eine Dankadresse decretirt, die, weil man ihr ein Goldgeschenk beifügte, dem Pastor sehr willkommen war. Der HofStande gekommen, unterrichtet, wollte aus einem höhern Chore singen, und hatte Hand an das b e f r e i t e J e r u s a l e m des T o r q u a t o T a s s o gelegt; indess war der Ritter so gesättigt, dass er diese Ausarbeitung als wirklich genossen quittirte. Unser Schneiderssohn verlor also wie, jener Schuster, oleum et operam. Da der Ritter auch ohne die Abhandlung über das befreite Jerusalem von seinem Poesievorurteil sich notdürftig befreien liess, und den freiwilligen Entschluss fasste, so wie überhaupt den Gesang, so insbesondere das Lied aller Lieder: E r h a l t ' u n s , H e r r , b e i d e i n e m W o r t , welches von stunde' an bei der Nottaufe den Namen T ü r k e n l i e d empfing, in der Kirche nicht mehr, wie bis jetzt, mit dem rücken anzuhören; so fand sich der Hofmeister in sein Poetenschicksal, und entschloss sich, den Junker mit seiner Arbeit zu bestrahlen. "Mit den verdammten Dedicationen!" sagte der Schneiderssohn. – Sind sie mehr als eine Krücke, ein Arm im Bande, ein hölzernes Bein oder dess etwas? – War indess das dem Junker beigebrachte Säftchen etwas anders, als Krükke, Arm im Bande und hölzernes Bein? Der Junker setzte sein Licht nicht unter den Scheffel, sondern liess es leuchten vor der gnädigen Mama, die das Wort J e r u s a l e m in ein feines gutes Herz auffasste und die Dedicationsgebühren nicht schuldig blieb, wenn gleich keine Dankadresse erfolgte. Jerusalem war das Centralwort. Doch sollte die Sache nicht ewig in Worten (wären sie auch unvorgreifliche Vorschläge) schlummern. Die Ritterin war überhaupt nicht dafür, dass Worte Taten den Preis abgewönnen; vielmehr sehnte sie sich, von der Projectwürde entbunden zu werdne und Jerusalem in Tat und in Wahrheit zu befreien.

§. 40.

Der Bau

ward dringend in Anregung gebracht. Es ist bereits §. 31 in Stein gehauen, wie die Ritterin zuerst den erhabenen Gedanken fasste, die heiligen Oerter in Rosental anzupflanzen, damit sie von Pilgern und Einheimischen besucht werden möchten. Das Geld bleibt bei dieser Jerusalems-Einrichtung im land und mehrt sich durch auswärtige Gästewar, unter vielen wichtigen Gründen, ihr F i n a n z g r u n d , der gemeiniglich der schwächste von allen ist. – Das Finanzfach verdient überhaupt fast in allen Staaten, mehr als das Kabinet und die Hofhaltung, die Donnerworte Tue Rechnung von deiner Haushaltung, du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein. – Ob man sich nun gleich mit diesen heiligen Jerusalems-Copien in Rosental nicht übereilen wollte, vielmehr in aller vollführen beschloss, ob man gleich ferner, nach §. 33, unsern Ritter, der bloss auf Jerusalem bestand, mit Betlehem und den Dorfhirten in die Enge trieb; und obgleich endlich verschiedene Trauerspiele von Jerusalem am X. Sonntage nach Trinitatis und in Sessionen des hohen Rats aufgeführt wurden, als wodurch dieser haupteilige Ort wirklich schon geistig aufgebaut stand: – so schien jedoch niemand anders, als die Ritterin, die Anfängerin dieses guten Werkes, bestimmt, es zu vollenden. Nicht in pleno (ob sie gleich nach diesem Vorschlage sass, wo Männer sassen, und in dieser Gemeinde nicht schweigen durfte, vielmehr das Privilegium der Zungenlösung förmlich erhalten hatte), selbst nicht an der Tafel, wo ein weibliches gutes Wort fast jederzeit auch eine gute männliche Stätte findet, sondern unter vier Augen fragte sie ihren ritterlichen Eheherrn in aller Unschuld und gewiss ohne Endabsicht: ob er der König David oder der König Salomo, oder Vater und Sohn zusammen in Einer person sein würde? Gern gönn' ich, fing sie an, unserem Sohne die Salomonische Ehre, nach dem Riffe zu bauen, den sein Vater ihm nachlässt. – Weiter liess