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lebendig überzeugt. Der Mut und der Trost der notwendigkeit, welcher Seelen von Inhalt und Nachdruck eigen istwas hat der nicht ausgerichtet, wie viele bewunderungswürdige Märtyrer gezogen! Nicht immer, nicht von jedem werden diese Tatenepopeen gefordert! – Doch kommt es im neuen Bunde durchaus auf moralische Sinnesveränderung an; und wenn gleich diese allerdings durch kalt vorgetragene Grundsätze angefangen wird, so gibt es doch Fälle, wo wir die Nachhülfe der Einbildungskraft und Glaubensstärkung bedürfen, um sie zu vollenden und sie in Werken darzustellen. Man sage nicht, Dichtkunst sei Heuchelei. Heisst, sich gut ankleiden, heucheln? und ist Dichtkunst mehr oder weniger, als Versinnlichung, als Menschwerdung der Grundsätze der Seele? mehr als Darstellung des inneren Menschendes Geistes, der in uns ist, ohne welchen keine Handlung verstanden und beurteilt werden kann? Ein reines Herz und reine Gesinnungen adeln unser Tun, und weisen ihm seine Klasse an; – – und kommt man durch Gesang und durch die Verbindung des Tons, des Textes und der Melodie nicht zu jener christlichen Harmonie, zu jener Bruder- und Schwesterliebe, vermittelst deren man nur Ein Herz und Eine Seele ist? Gott helfe uns zu seinem Reiche, wo alles uns gefällt, ohne dass wir wie jetzt durch verderbliche Lottos entkräftet werden, und auch beim höchsten Loose, wegen der vorigen vielen Verluste, arm bleiben! – Torheit vereinigt oft die, welche durch Gesinnungen getrennt waren; der Gesang stimmt Menschen zu einerlei Gesinnungen. – Was in der Krankheit frische Luft bewirkt, das leistet der sanfte Hauch der edelsten Empfindungen bei verstimmten Gemütern. – Recht und Gerechtigkeit übt man hier nicht nach Anleitung des finstern abschrekkenden Gesetzbuches, sondern nach dem Evangelio der Vorstellung, dass kein Mensch ganz böse sei, ob er gleich auch nicht ganz gut zu sein die Ehre hat. Was Billigkeit ist, diess grosse Problem lässt sich, scheint es mir, nur durch Poesie auflösen. – Gesang sollte bloss negativen Vorteil bringen, und den nicht befriedigen, der auf etwas Positives ausgeht? Mit nichten! – S p r i c h , und du bist mein M i t m e n s c h . S i n g e , und wir sind B r ü d e r u n d Schwestern!

Ob der Gastvetter Gesang liebt, fragte die Ritterin den Ritter. Ich glaube nicht, erwiderte dieser. Wer handelt, singt nicht. – Nicht doch, guter Ritter, singen die Neufranken nicht eben so viel, wie die alten? Freilich andere Lieder!

Das wäre ein Wort ins Kreuz; jetzt noch eins in die Quer.

Der Gesang, sagt ein grosses Kirchenlicht, der Gesang macht mit den Engeln Allianz; der Teufel, der Drache, die Schlange weicht, wenn gesungen wird. Ein Lied hilft arbeiten, und ist die beste Gesellschaft in der Einsamkeit; es versöhnt unsern Schutzgeist, wenn wir ihn durch eine Torheit böse machten, und wenn er schon den Hut genommen hat, um wegzugehen, bleibt er doch, und setzt sich wohl gar nieder. Der Gesang ist der Schwur der Bruderliebe, des Menschenhundes; – ist Opfersprache; – man hört nur Eine stimme, wenn Takt gehalten wird. – Er ist eine Morgen- und Abenddämmerung, wo es weder zu hell, noch zu dunkel ist. – Man wird durch den Inhalt eines Liedes allmählich b e s p o n n e n , würde' ich sagen, wenn man nicht hierbei an die Spinne denken müsste. So geht es mit den besten Vergleichungen! sie sind mutigen Pferden ähnlich, die, ehe man's denkt, den stolzirenden Reiter zu Gottes Erdboden werfen. – Ein Lied bringt Tränen und trocknet sie. – Es ist ein Rauchwerk, das die Wolken teilt und zum Herrn dringt ungemeldet. – Die meisten Gedanken der Menschensind sie nicht in dunkle Farben gekleidet? Wir Geistlichen ziehen ihnen nicht selten eine Reverende, einen langen schwarzen Rock an, wo nur ein kleiner weisser Flick angebracht ist. – Spendet die Poesie nicht die besten, schönsten, angemessensten Kleider? – Geistig sind sie, und weit leichter, als die Gewänder, welche die Alten ihren Göttinnen umwarfen. – Will man wissen, wie der Dichter sich vom Matematiker und Philosophen unterscheide? Zu dienen. Der Matematiker ist ein Götzendiener; gleich hat er eine Figur, die er sieht und anbetet: – ein goldenes Kalb, würden Spötter sagen; was sagen aber die nicht alles! Nichtspötter würden erwägen, dass ein Matematiker seiner Figuren halber beneidet zu werden verdient, weil er vermittelst ihrer selten vergisst was er einmal weiss. Er hat sein Geländer, woran er sich hält. Körperlich ist er, der Dichter geistig; – er sieht Geister, er schafft sich Heerschaaren. – Selbst wer ihn liest, wird begeistert, obgleich freilich nicht aus jedem Holze seiner Leser ein Merkur und aus jedem Golde seiner Leserinnen ein Trauring Luters wird. Der eigentliche Philosoph hält sich weder an Körper noch an Geister, hört und sieht nichts als sich selbst und ist gemeiniglich so verraten und verkauft, so verlassen wie ein Einsiedler, der nicht von einer Stelle kommt, der sich selbst schlägt, sich mit sich selbst verträgtund hinten und vorn, im Audienz-, im Wohn- und Schlafstübchen überall nichts als ein vervielfältigtes I c h hat. Der Philosoph teilt seinem System seinen Namen mit, und tauft seine Glocke; der Dichter tut Verzicht auf diese eigene Ehre