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, von dem Schicksale des Kranken Nachricht einzuziehen. Dieser Zettel war der Mutter nur wegen des Anatomiehauses von Erheblichkeit. Der Wegweiser indess zeigte nicht geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege: der Käufer wollte unbekannt bleiben. – Durch treue Kur und Wartung genas der Kranke in drei Monaten, ist gesund wie ein fisch und in den Gütern des Käufers! – "Wie? dieser Unmensch kaufte sich einen Untertan? – erhandelte ihn so wohlfeil, weil er vielleicht sein Uebel besser kannte, um ihn und seine Nachkommen zu Sklaven zu erniedrigen?" – Gnädige Frau, der Jüngling bestand darauf, Untertan zu sein. Ich bin bezahlt, sagte er; und in der Tat, wenn je ein Mann Untertanen zu haben verdiente, so sind Sie es, sagte er zu seinem Käufer. Nichts! der Käufer schlug es ausund der junge Mensch arbeitet als Freier, und ist jetzt schon im stand, seine Mutter nicht nur zu unterstützen, sondern wird sie noch in diesem Jahre sammt ihrer Familie zu sich nehmen, sobald er durch seine Braut Louise Selbsteigentümer eines schönen Freigutes geworden ist!

Ihr habt mich bewegt, gutes Weib, sagte die Ritterin! Ich habe mich gröblich an dem edlen mann versündigt. – Das gewöhnliche los edler Männer, an denen man sich gemeiniglich versündigt, wenn dagegen Unedle die Kunst verstehen, ihre Handlungen auszustaffiren! – Nicht wahr, Mutter, der Kauf hat etwas Befremdendes? – Freilich, gnädige Frau, ist dem braven Herrn auch in unserer Gegend viel zu viel geschehen, besonders weil er es bei diesem Kauf nicht bewenden liess. – Nicht? – Er kaufte noch einem Dorfrichter einen Dieb für 100 Taler ab. – Dieser Unglückliche war in der Untersuchung, als der Käufer durchreiste. Der Dorfrichter hat die Meinung, dass ein Diebstahl, wenn er ersetzt ist, mit Strafe übersehen werden könne. Sehr unrecht! Ist der Diebstahl aber aus Not begangen, so mag es wohl so unrecht nicht sein. – Wer das Verbrechen hindert, sagte die Ritterin, tut dem land Gutes (und mir sei es erlaubt, hinzuzusetzen, dass ein J o h n H o w a r d , der in dieser Absicht reiset, noch zu wünschen ist). Es sei! Dieser Dieb hiess ein Umtreiber, weil er neun Meilen im Umkreise nicht zu haus gehörte. Der Käufer bezahlte 100 Taler, und dieser Dieb hat, heisst es, für seinen Vater gestohlen, um ihn aus dem Gefängnisse zu befreien, worin er dieser Schuld halber schmachtete. Der gütige Herr wollte, nachdem er die Umstände vernahm, den Dieb auf der Stelle entlassen; allein der Dieb war viel zu ehrlich, um sich mit diesem Lobspruche zu begnügen. Seine Absicht, es ganz abzuarbeiten, hat er nicht erfüllt. Seines Vaters Schwester ward durch den Käufer bequemt, sich ihres Bruders anzunehmen; und diese durch Missverständnisse entzweite Familie lebt jetzt einmütig bei einander; ein Lebensglück, wozu die guten Menschen nicht gekommen wären, wenn der Vater nicht im Gefängnisse geschmachtet, der Sohn nicht gestohlen, der Richter nicht verkauft und der edle Mann nicht gekauft hätte! – D e r b e g l ü c k t e M e n s c h e n k a u f u n d H a n d e l s m a n n wird jetzt von der ganzen Familie gesegnet. Wenn er doch alle Gefängnisse und alle Hospitäler abkaufte! – Wer es ist! Der Wegweiser zeigte nicht geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege; und wie viele Kreuz- und Querzüge müsst' ich machen, wenn ich in Gegenwart meiner Leser mir die Mühe geben wollte, ihm so nachzuspüren, wie die Ritterin, die hier ihr Herz im Spiegel sah! Mit einem Worte, es ist der Gastvetter!

Der Ritter hatte Tränen in den Augen; der Ritterin entfielen sie. Unser Held sah beide an. Er verstand zu fühlen, was diese Tränen bedeuteten; doch weinte er nicht.

Nach dieser Herzstärkung wollen wir die Vorlesung fortsetzen. Bei jener lasst uns wünschen: E r halt' uns Herr bei guter Tat! – Wahrlich es verlohnt, bei dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, des Gastvetters zu denken, der keine Handlung auf Subscription tat oder Lob sich pränumeriren liess. – Wer von Dankbarkeit leben wolltewürde der überhaupt nicht Hungers sterben?

Erhalt' uns Herr bei guter Tat!

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Finden sich irgendwo Spuren, dass die Jünger des Stifters des christentum und seine Apostel instrumental- und vocalmusikalisch gewesen sind? Schwerlich! Doch, ward nicht Geist Gottes über sie ausgegossen? wurden sie nicht begeistert? war ihr Pfingsttagsentschluss voll des heiligen Geistes prosaisch? Man vergesse nicht, dass es e i n e P o e s i e i m g ö t t l i c h h o h e n S i n n e gibt. Plinius in seiner Apologie des ersten christentum bekundet blindheidnisch, dass die Christen an gewissen Tagen Christo zu Ehren gesungen hätten! Zugegeben; allein warum? Um im Handeln ihm Ehre zu machen, und sich aufzufordern, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte.

Beispiele sind stärker als Worte; und gibt es nicht hohe poetische T h a t e n , denen das Feuer der Einbildungskraft so wenig entgegen ist, dass es vielmehr eine dergleichen Geistes- und Herzensstimmung bewirkt? Was ist blendender Wortglanz gegen edle Tat? Durch sie wird man erschüttert, überwältigt und