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d und dem S t a n d e d e r S ü n d e n in Rücksicht der Sing- und Dichtkunst aus. – Singen heisst: mit der Zunge dichten; und Instrumentalmusik heisst: Gesang lebloser Geschöpfe, welchen der Mensch die Singstimme gelöset hat. W a s d e n S t a n d d e r G n a d e n i m a l t e n B u n d e anbetrifft, dem Se. Hochwürden in Gnaden gewogen sind, so war er nichts weiter, als eine Silhouette; dessen ungeachtet gab es in diesem Silhouetten-Gnadenstandeganz vortreffliche Gesänge, z.B. den Lobgesang Mosis, das Lied, welches der Prophet Jesaias seinem Vetter von seinem Weinberge sang, den Lobgesang des Königs Hiskiä, als er wieder gesund geworden war. – Und was soll ich von dem Erzsänger, dem königlichen Propheten David, sagen, der, wenn gleich ahnenarm, doch sehr liederreich war! Auch wusste er wohl, was sich für einen singenden König schickt; keinem andern, als dem König aller Könige, dedicirte er seine Lieber. Er erlaubte sich kein anakreontisches verfängliches Stück, selbst nicht auf die Batseba. Basilius meint, der heilige Geist habe sich Mühe gegeben, die ganze Bibel in Verse zu bringen, da er dem David die Psalmen diktirte. Was. den n e u e n B u n d betrifft, so will es anscheinen, dass es darin eigentlich keine Dichtkunst, sondern Geist und Wahrheit gebe. In dem mund des Stifters der christlichen Religion ist kein Betrug und selbst keine Dichtkunst (ein erlaubter Seelenbetrug) zu finden; und wenn er gleich kurz vor seinem letzten Leiden den Lobgesang, wohl zu merken, s p r a c h , so war doch diess ein Stück vom Osterlamm, das unser Herr ass, weil es Sitte im land war. Wer hat unter tausend und abermaltausend Behauptungen von seiner person und Lehre die Angabe gewagt, dass er Dichter und Dichtershelfershelfer, Musikus gewesen sei? Einwendungen? Gut! sie mögen sich hören, aber auch widerlegen lassen. Gibt es nicht Poesie en gros und en détail? Der starke Glaube, den der Stifter des christentum an Gott, und das Zutrauen, das er zu seinem Werke hatte, welches er im Namen Gottes begannwaren das nicht Beweise einer erhabenen Einbildungskraft, die seinen Geist stärkte und heiligte? Sein Kopf und sein Herz arbeiteten in grossen massen; so ins Grosse ging kein Weiser vor ihm. – Welche Menschenfreundlichkeit! Zu den Aufschlüssen, die er uns gab, ist ein blosser Prosaist nicht im stand. Seht! in Gott d e m H e r r n zeigte er uns mit Fingern d e n V a t e r . – Väter sind nicht für Hymnen, und nirgends sind Hymnen Kindern Gottes zur Pflicht gemacht: – das Gebet zwar, welches freilich eine Art von Poesie ist; doch beteten Menschen v o r seiner Zeit. Und nimmt man Poesie in g ö t t l i c h h o h e m S i n n – ist es dann der höchsten Vernunft selbst eine Schande, sich mit Poesie zu verbinden? Kann es der ganzen christlichen Lehre zum Vorwurf gereichen, wenn sie die D i c h t k u n s t d e r V e r n u n f t genannt wird? Diese Bemerkungen eröffnen von selbst ein Feld zur schönen Nutzanwendung. Alles in der natur, ausser dem Menschen, geht müssig, es sei denn, dass der Mensch es anstrengt; und dann arbeiten Ochse, Pferd und Esel nicht für sich, sondern für den Menschen; der Mensch allein ist der Arbeiter im Weinberge der natur und der Sittlichkeit. An ihm kann man sehen, was Königen obliegt, wenn sie diesen Namen verdienen. – Der König der Erde, der Mensch, hat gewiss nicht Zeit, wenn er treu ist in seinem Berufe, sich mit brodlosen Künsten abzugeben, sich für Spottgeld, für Schandbote zu verkaufen, und über Klingklang seine Regierungsgeschäfte zu versäumen. Wer verlangt aber auch von ihm, dass er das D i c h t e r h a n d w e r k treibe? Es ist genug, dass er D i l e t t a n t sei. – Bei diesem Wegweiser wird der Mensch gerade so viel wie die Dichtkunst gewinnen. Allerdings bleibt der Mensch der Nachschöpfer auf Gottes Erdboden; und wohl ihm, wenn er fleissig ist, in guten Werken zu trachten nach dem ewigen Leben! – Sein diesseitiges Leben soll nicht künstliche Irrungen, nicht unvorgesehene begebenheiten, nicht verschlungene gordische Knoten und kunstreiche Auflösungen, selbst nicht pompreiche, mit Philosophie stark gewürzte Sentenzen, nicht Lippengrundsätze entalten; eine lange einfache Handlung ist sein Wandel, der sicher und fest zum Ziele fortschreitet. – Das sind Werke in der moralischen Welt, in der unsichtbaren Kirche, in Jerusalem, welches, mit Ew. Hochwürden erlaubnis, nicht von Menschenhänden gemacht ist. Wer kann zum moralischen Erdenchaos s p r e c h e n : Es werde Licht! – Vorbehalten ist es dem Menschen, vermittelst des Lichtes der Vernunft die sechs Tagwerke a l l m ä h l i g hervorzubringen, bis der Sabbat einbricht, der Tag der Ruhe! Das tausendjährige Reichder Zustand, da Engel und Menschen sich wechselweise besuchen werden. Eva, wären wir da! Seelenweide! Herzensfreude! Himmlisch