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Heraldicus junior nicht ohne Talente war; dass seine Burschenmanieren, sein ins Gemeine sinkender Anzug ihn, als er seine Hofmeisterstelle antrat, bei aller gelegenheit im Herzen fragten: Freund, wie bist du hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid? – Wird man sich noch über seinen Freiheitssinn und über seine Abneigung von aller persönlichen Convenienz wundern? Der Gastvetter hatte ihn hingerissen, allein nicht eingenommen. – Und warum nicht? Weil er kein Schneiderssohn war; weil, obgleich seine Seele einen Adel behauptete, den kein Diplom und keine Stammtafel verleihen kann, er doch so leicht das nicht hätte werden können, was er war wenn er nicht ein Edelmann gewesen wäre. So manches gute Wort, das der Ritter fallen liess, hatte indess gezündet, und obgleich Heraldicus junior sich allerdings überzeugte, dass Reichtum und Stand Zeugen und Beklatscher nötig haben, und dass dergleichen Zeugen und Beklatscher, wenn sie sich nicht von selbst melden, von den Reichen und Vornehmen mühsam aufgefordert und eingeladen werden: – verdient es Vorwurf, nicht nur sein Brod, sondern auch seinen Reichtum, mit andern zu brechen? Man zeigt seine Pokale; allein es sprudelt Champagner darin. Sehet! zuweilen erhebt Tokayer den Krystall! Man will mit seinem Silbergeschirr prahlen; allein es entält die geschmackvollsten, einladendsten speisen. Ist es denn nicht eine gute Seite der Menschen, dass sie nichts für sich allein behalten können? Newton und Copernicus würden nicht erfunden haben, wenn sie nicht in Gesellschaft gelebt hätten. Wie gut ist es, dass Edelgesteine nicht strahlen, wenn sie nicht von andern gesehen werden; dass Gold nicht leuchtet, wenn andere es nicht zu bemerken würdigen; dass der Stolze, der Reiche nichts für sich, sondern alles für andere tut, und dass selbst der reiche Schlemmer, dessen Bauch sein Gott ist, doch alles nur halb geniesst, wenn nicht andere teil daran nehmen! Hat der Eigentümer von seinem Stein- und Goldreichtum mehr als das Sehen? Ist es nicht eine Art von Mitteilung, sie andern zu zeigen? – Fliesst aus dem Satze: "Nur das hab' ich, was ich sehen lasse," nicht natürlich die Betrachtung: "Nur das ist dein, dessen du dich zu entäussern im stand bist?"

Diess und das brachte den Heraldicus junior aus der spinnbewebten Studirstube in die Welt, wo wir ihn fürs erste willkommen heissen wollen. Seine Freiheitsgrundsätze gab er darum im Ganzen nicht auf; er wusste nur aus- und einzubiegen, und, wenn beim fein raffinirten (er nannte es schön stylisirten) Diner oder Souper bonmotisirt wurde, seinen Gleichheitssinn auszusetzen. Oft sagte er dem Pastor, dass ihm manches seine Mahl wie ein Concert vorkäme, wo alle Töne sich freundschaftlich einander nähern und das Mannigfaltigste zum Entzücken zusammentrifft. Von seinen Gartengewächsen und von Baumfrüchten, die nur durch Gärtnernachhülfe zu erziehen sind, war er ein grosser Liebhaber, und diese durch die Kunst erhöhete natur machte ihm den Aristokratismus in Rosental so erträglich, dass er oft nicht wusste, wie er mit dem Demokratismus daran war! Der Mangel an bürgerlichem Ansehen und ein zu starkes Selbstgefühl veranlassen Revolutionäre, die den Drang, etwas vorzustellen, nicht besser als auf diesem Wege befriedigen können. Herrschsucht ist der Hang aller Menschen. Selbst das Christentum lehrt: wir wären geistliche Könige, Priester und Propheten. Warum nicht geistliche Bauern und Handwerker? – Wer wird der Tyrannei das Wort reden, da sie nicht anders ist, als die herrschaft des Eigendünkels, der in die Stelle der herrschaft der gesetz tritt? – Wer wird aber jenen Brauseköpfen beitreten, die immer von Gleichheit sprechen und alles zu beherrschen suchen? Nicht nur was v o r ihnen ist, sondern selbst was bescheiden n e b e n ihnen gehen will, hat in ihren Augen tyrannische Absichten. Alles soll h i n t e r ihnen sein! – Kann ein Tyrann anmassender verfahren? – Je länger man in der Welt lebt, desto unzufriedener ist man mit jedem Machtspruche und jeder Machttat; doch desto mehr überzeugt man sich auch, dass jugendliche Freiheitsherolde nur zu oft Schlösser bauen, die von aussen e r h a b e n und s c h ö n glänzen, indess nicht bewohnbar sind; pompvolle Schiffe, die nur den kleinen Fehler haben, dass sie nicht geschickt sind, im wasser Dienste zu tun. – So dachten Ritter und Ritterin; ob richtig oder unrichtig, kann im §. Heraldicus junior noch nicht die Frage sein.

Das Stück vom Prediger?

Gut! wenn man mich beim Worte hälthier ist es.

Und vom Heraldicus junior?

Wird es nicht zu viel werden?

Ich wette, man wird, die Kupferstiche Nro. 35 und 36 in der Hand, den Prediger so wenig, wie den Heraldicus junior in ihren arbeiten wieder erkennen; – oder ich wette nicht.

Zum Stück des Predigers in

§. 37.

Lebensgrösse,

oder besser in ganzer Figur. – – V o r b e r i c h t . Ein Gesetz ist ohne Vorbericht; eine Predigt kann sich nicht ohne ihn behelfen, und auch selbst ein Geistlicher selten. Hat jemand von meinen Lesern bemerkt, dass der Ritter kein Feind der katolischen Religion war, so darf i c h es nicht bemerken. Diess tat indess seiner evangelisch-luterischen Confession nicht den mindesten Abbruch. Ohne des Umstandes zu gedenken, dass der Reichsfreiherr, und dass die Originalritter und ersten Hospitaliten vom Orden des heil. Johannes in Jerusalem