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von den toten, dem Pastori loci zu Ehren, einen Besuch unter den Lebendigen machen? War er doch keiner von den sieben Brüdern des reichen Mannes, dem Abraham mit Recht die gefälligkeit abschlug! – Gern hätte er seinen Kirchhof in ein Elysium umgeschaffen, wo abgeschiedene Geister selige Schatten geleiten! – Die Veranstaltung, dass Rosental zum gelobten land geadelt werden sollte, lag nicht ausserhalb der Grenzen seines Zweckes; es war ihm vielmehr ein Richtsteig. Die alten Ritterorden und andere noch florirende, auf Geheimnisse sich gründende Orden hielt er für Depositairs einiger höheren Aufschlüsse. – Ueberall fand er für seine Schwärmerei im Rosental'schen Kanaan Nahrung, die ihm, meinte er, wenn nicht von Rittern, so doch von einigen Pilgrimen, geliebt's Gott! geleistet werden würde. Simeon konnte nicht inbrünstiger auf den Trost Israels warten, als unser Geistliche auf eine Geistererscheinung. – Ob er doch je etwas sehen wird? Verschweigen wird er es gewiss nicht! – Dass seine Grundsätze unvermerkt auch auf die Ritterin gewirkt hattendarf ich das erst anführen? – Diese Kreuzseherin war geneigt, sich in eine S e h e r i n verwandeln zu lassen; doch alles medice und modice. – Es heisst vom Geistlichen: ich will dir des H i m m e l r e i c h s Schlüssel geben; doch hat er ihn auch von der E r d e und zum Kopf und Herzen derer, die mit ihm umgehen. Die Geistlichen taufen, sie confirmiren, sie copuliren; – sie finden die Menschen, wenn ihr Herz und ihre Seele offen und jedes Eindrukkes fähig sind. Und in der Tat, die Ritterin kam zuweilen dem Pastor auf halbem Wege entgegen. – Secunda war ihm eine wahre Promotion. – Was hab' ich zu verlieren? Nichts. Was zu gewinnen? Viel. – Freilich viel! Wenn ihm auch niemand von den sieben Brüdern des reichen Mannes erscheinen sollte, was ging ihm ab? Wer ist nicht gern im gelobten land, wo Milch und Honig fliesst? – Der Umgang im ritterlichen haus entschädigte ihn für so manchen Lebenskummer; er gewann bei seiner Gemeinde durch die achtung, die ihm bei hof erwiesen ward, und so trieb er unvermerkt diese Schwärmerei als Bedürfnis, zu der er zwar allerdings schon von natur geneigt war, zu der er sich indess doch anfänglich in Hinsicht der Manier, aus gefälligkeit und Lebensart, bequemen mochte. Der Ritter ging nicht auf Geistersehen aus; doch leistete er, ohne es zu wissen, dem sehlustigen Pastor loci Vorschub. – Schwärmerei und Empfindelei sind Geschwisterkind, und unserm mann Gottes wurden die obern Seelenkräfte je länger je entfremdeter, wogegen er es sich bei den untern herrlich schmecken liess. Ein ächter Secundaner!

§. 36.

Heraldicus junior

hat einen unauslöschlichen Trieb zu Gleichheit und Freiheit, wozu nun freilich sein Vater (den blauen Montag etwa ausgenommen, den er jedoch in reiferen Jahren aufgab) keine gelegenheit gegeben hatte. Von der Akademie war ihm diese Sinnesart beigebracht; und nun wollte er mit dem kopf durch die Wand! – Selbst im ritterlichen haus glaubte er dieses Evangelium nicht ohne Segen v e r k ü n d i g e n z u k ö n n e n ; allein siehe da! die Ritterin lenkte ihn ein. Und da er bei allem Freiheitssinn oder Unsinn nur zu deutlich einsah, dass es ihm an der runden Tafel besser ginge als an der Marschalls- und an der BediententaWeiber wären, als das schöne Gesindel, das er in seiner Jugend zu verehren gelegenheit gehabt hatte, so sprach er von Freiheit und Gleichheit, wie Freund J o h a n n J a k o b – so dass sich alle beide, R o u s s e a u und E r , im Umgange mit Weibern, deren Gestalt Engel ohne Bedenken annehmen können, und mit Männern, die, wenn sie nicht unsere Glückseligkeit, so doch unser Glück zu machen im stand sind, die schon durch ihren B e s s e r s c h e i n das Herz erheben, die Seele anfeuern und das Leben menschenwürdiger machen, gar nicht übel befanden. – Nie konnte Heraldicus junior die Art vergessen, die, wie er sagte, über alle Art ging, womit die Ritterin ihm ein Geschenk machte. War es doch so, sagte er, als ob ich gab, und als ob sie nahm! Wo ihr Auge nur hinreicht, verbreitet sie Heil und Segen, und das alles so in der heiligsten Stille, wie das göttliche Wesenoder wie jener herrliche Bach im Lustwäldchen, der, ohne einen laut von sich zu geben, Menschen, Vieh, Blumen und Kräuter erquickt. Stolz zerstört jede Schönheit, macht alles unsymmetrisch und verdirbt unsere Gesichtszüge und Lineamente noch ärger, als die Blattern. Edelmut übertrifft die drei Grazien und die neun Musen. Heraldicus junior konnte nicht umhin, seiner Schwester zu versichern, dass sich sein voriger und sein jetziger Umgang verhielten wie ungeschmierte Türangel- gegen Lautentöne. – Freilich sind oft die Dürftigen nur dürftig, der gemeine Mann nur gemein, sonst aber bieder und brav; freilich gibt es unter den Grossen wahrhaft kleine Menschen, unter den Reichen bettelarme, unter den Hochgeehrten niederträchtige, unter den Hochgelehrten unweise, – doch gibt es auch unter ihnen viele, die ihres Standes und ihres Reichtums würdig sind, die beides zu geniessen verstehen, ohne sich zu überladen. Man erwäge, dass