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Kaum hatte sie ihr Auge eingepasst, so ging alles her, wie bei einem Ameisenhaufen, den man durch einen Stock aufschreckt. Die Lichter wurden mit Mund und Händen ausgelöscht, und in weniger als drei Minuten war alles aus, und zum unseligen Ende.

Bei dieser Stelle entfiel meiner Erzählerin, einer wohlbeleibten Matrone der von Rosentalschen Familie, der letzte Zahn, den sie mit einer solchen Rührung in ihren Nähbeutel begrub, dass ich nicht wusste, worüber ich hier am ersten und besten condoliren sollte. Ich will hoffen, dass man dieser geschichte das Zahnlose ansehen wird, denn sonst liegt die Schuld an mir, und nicht an der Erzählerin, die nach dem Leichenpomp ihres Weisheitszahnes fortfuhr, wie folget.

Die bestürzte Baronin kam zu ihrem Gemahle, der sein Zimmer aus Furcht vor einem Nachschlüssel verriegelt hattewas sie um so weniger befremdete, da er in dem Geschrei stand, dass er Betstunden hielte. – "B e t s t u n d e n ?" – Allerdings! Ist es etwa das erstemal, dass diese sich in S c h ä f e r s t u n d e n verwandeln –? Die gnädige Frau musste es sich gefallen lassen, einen Umweg zu nehmen; und auch von dieser Seite waren Riegel vorgeschoben. In der grossen Verlegenheit, worin sie sich befand, fiel ihr die Verlegenheit des Herrn Gemahls nicht auf, der nicht Zeit und Raum hatte, die Zofe wo anders, als in seinem Bücherschränke zu verbergenund ihr nicht viel weniger zerstreut, als sie es selbst war, entgegen kam. Gewiss würde er, nach der Männer Weise, über den Sündenfall der Frau Gemahlin ein lauteres Zeter erhoben haben, wenn er nicht noch vom verbotenen Apfel den Mund voll gehabt hätte. Nach dem ersten Schreck, der nun allmählich vorüberging, fand die Baronin manchen Trostgrund in der Nähe und in der Ferne, den sie ihrem Gemahl mitteilte; indess hatte er wegen des Bücherschrankes dringenden Anlass, diese Tröstungen in einem andern Zimmer zu vernehmen und ihnen nach und nach beizutreten. Besonders beruhigte es ihn, dass die Augen der Frau Eva gar nicht waren aufgetan worden, und dass sie weder Gutes noch Böses, sondern gerade gar nichts gesehen hatte. – Umsonst! Nach neun Tagen zwischen 11 und 12 Uhr erschien der Bote, der den Abzug eröffnete und zugleich das Todesurteil des Ambassadeur extraordinaire beiläufig bekannt zu machen, in commissis hatte. "Ach!" sagte der bedrängte Baron, "darum zu sterben, weil man nur einmal Ja gehört hat!" Die Baronin war in Verzweiflung, an dem tod eines Ministers Schuld zu sein, der es an gefälligkeit und Höflichkeit gewiss nicht hatte ermangeln lassen. Sie nahm sich die erlaubnis, von seinen letzten Stunden Nachricht einzuziehen und zu fragen, ob er durch einen Geistlichen zum Richtplatz wäre begleitet worden? Zu ihrem nicht kleinen Troste erfuhr sie, dass er mit grösserer Resignation, als viele, welche diesen Weg vor ihm gingen, den Richtplatz bestiegen und der gnädigen Eva das hinterlistig zurückgehaltene Ja mit christlicher Fassung vergeben und nicht vorbehalten hätte. "Was ist mein Verbrechen?" sagte mit andern Worten der wohlselig Hingerichtete zu den Umstehenden. "Verriet ich mein Vaterland? Sucht' ich Wittwen und Waisen in falschem Justizspiel um das Ihrige zu bringen? Ward ich reich auf Kosten des Dürftigen? Machte ich, wie N e c k e r , Rechnungen ohne Wirt? Ward ich Minister, weil ich eine schöne Frau hatte, oder weil mich der Castrat, oder der Harfenist, oder sonst ein bedeutender Hofschranze dem Monarchen empfahl? Verführt' ich Weiber oder Töchter, indem ich Männer, Väter und Brüder durch Aemter und Pensionen gewann oder einschläferte? Macht' ich einen Lahmen zum Ballet-, oder einen Tauben zum Kapellmeister? Gab ich als Staatsdiener den Menschen auf? Der Mensch ist schön, die Menschheit ist erhaben; nur ein Haufen Menschen, ein Menschenkomplott, taugt gemeiniglich wenig oder gar nichts. – Vielleicht wird es mit der Zeit besser, wozu indess unser guter Oberhofprediger und seine schwere und leichte Infanterie und Cavallerie sicherlich nie etwas beitragen werden. – Das Reich Gottes ist in euch, sagt der weiseste aller Lehrer auf Erden. – Ihr wisst mein Verbrechen: ich fragte nicht, was sich von selbst verstand; ich glaubte, dass unter Einem Ja, wie bei der Ehe, sich tausend Ja's von selbst verständen; ich bedachte nicht, dass Weiber zwar nicht böse, indess neugierig sind. – Ich fluche ihr nicht, der guten Eva der Oberwelt; ich segne sie vielmehr. Sie ist keine aus der siebenten Bitte; ihr Fehler ist Leichtsinn: und wer ist davon frei bei Lebhaftigkeit und Offenheit des Charakters –? Man frage sie, was sie weiss! und ich gebe mehr als ein Leben hin (falls ich mehr als das Eine hätte, dessen Faden man gewaltsam abzureissen im Begriffe steht), wenn sie das mindeste gesehen hat. Ihr schönes, grosses Auge ist viel zu stolz, um sich sogleich in ein Schlüsselloch einpassen zu lassen. Brachte sie einen Nach-, einen Diebsschlüssel in Anwendung? Bediente sie sich nicht vielmehr des allen Weibern zustehenden Rechtes des Schlüssellochs, das ihnen wegen der Untreue der meisten Ehemänner durchaus nicht zu entziehen ist? Ich sterbe, nicht weil die Baronin gesehen hat, sondern weil sie hätte sehen können; so wie die meisten des Beispiels halben zum Schaffot geführt werdenund diese sterben dann