wenn die Staaten sich zu setzen anfangen, wenn sie älter und grösser werden, geht es, wie es immer ging: was reif ist, nimmt ab. Unreife Früchte sind noch besser als überreife; jene macht man in Zucker ein, das Ueberreife ist völlig unbrauchbar. – So wie viele (vielleicht die besten) Menschen nur nach ihrem tod berühmt werden, so auch Völker. Nie werden Handlungen schlechter erzählt als den Tag nachher, wenn sie geschehen sind; an dem Handlungstage selbst ist jeder von seiner Handlung betrunken. Der Held weiss gerade am wenigsten von seiner Tat; und in Wahrheit, nicht er, sondern die Sache muss reden. – Heisst das aber nicht die Folge? – Beim volk zwar, allein auch beim Weisen, beim denkenden mann? Wer kann für die Folgen stehen? Nur Tyrannen lassen sich die Folgen verbürgen. – Der Hergang der Sache wird, anstatt dass er je länger je bewährter werden sollte, je länger je unrichtiger und unsicherer, besonders wenn er mündlich fortgewälzt wird, obgleich er zusehends anschwillt; – der Schneeberg wird zu wasser, sobald die Sonne der Kritik wirkt. Je mehr Körper, heisst es auch hier, desto weniger Seele. – Man knetet die Geschichtsmasse erst durch und lässt sie aufgehen und ausbacken, ehe sie gegessen werden kann. Die F o l g e n freilich sind hör- und sichtbar, obschon auch hier, wenn gleich alles offen da zu liegen scheint und der Aufrichtigkeit kaum auszuweichen ist, Künste gesucht werden; die U r s a c h e aber wird nicht gesehen, nicht gehört, sondern h e r a u s g e d a c h t . Sehen und hören sind die historischen Sinne; kann man aber ohne Vernunft hören und sehen? – das heisst: menschlich s e h e n und h ö r e n ? Zwar können allgemeine Untersuchungen über historische Dinge angestellt werden; wird aber nicht jeder diese Untersuchungen anders führen, jeder die Resultate anders abziehen und jeder anders auf- und annehmen oder glauben? Wenn der Historiker die höchste Glaubwürdigkeit herausbringen will, so bezieht er sich auf A k t e n s t ü c k e ; und nun sagt, A k t e n f a b r i k a n t e n , was täglich, was stündlich bei euch vorfällt! Wenn eine Wachtparade von Zeugen die Finger gegen Himmel präsentirt und mit Leib und Seele versichert, die reinen Umstände über etwas abzugeben, das vor ihren sichtlichen Augen vorging – was ist das Ende vom lied? Stimmen die Aussagen der Zeugen, wenn sie gleich sogar Sanctionen ihres Gewissens waren, mit Zeit, Ort und andern Datis und unter einander? Widerspruch über Widerspruch, ohne dass man der Ehrlichkeit und dem guten Willen dieser Menschen zu nahe zu treten im stand ist! – Und dann Worte! In ihrer natur liegt schon so viel Stoff zur Unrichtigkeit, dass sie an s i c h verfälschte Gedanken sind. – Gedanken sind das rohe Material, Worte sind Fabrikate. – Noch besser: Worte und Geld sind einer und derselben natur. Wenn die Sprache der eiskalten Vernunft, die Memento mori der philosophischen Kartäuser je die Sprache des gemeinen Lebens werden könnte – würde mehr Wahrheit in der Welt sein? – würde die Menschheit selbst an Moralität gewinnen? – Verlieren würde sie durch diese Haarfeinheit, durch diesen unnatürlichen, klösterlichen Zwang, durch diese K o p f h ä n g e r e i . Wohl uns, dass jetzt in die Kreuz und in die Quer gedacht, geglaubt und geredet wird! dass Weisheit, Ernst und Strenge, Torheit, Schönheit und Hässlichkeit, gerade und krumme Linien in- und durcheinander laufen! In allem, was lachen verursacht (und Gott erhalt' uns doch bei dieser doppelten Schnur, bei dieser Zwerchfellserschütterung und Seelenmotion!), liegt eine Unrichtigkeit, Carricatur, ein Ueberschritt des Charakters, und wo ist der Mensch, der von aller Erb- und wirklichen Carricatur befreit wäre? – Man lasse sie ihm! – Selbst allgemeiner Geschmack – wäre er wünschenswert? Mode ist in vieler Rücksicht die Losung des menschlichen Geschlechts; sie weiss dem Alter einen neuen Anstrich zu geben und Abwechslung, sonach auch Vergnügen in das Leben zu bringen – und wenn gleich wenig, so doch etwas zum Fortschreiten der Menschheit beizutragen. Wer Aufklärung anders als das Salz braucht, kennt die Menschen nicht. S a l z i s t e i n g u t D i n g . Was ist indess unerträglicher: v e r salzen oder u n gesalzen? – So wie unsere Erde um die Sonne läuft und sich um sich selbst dreht, so geht es mit dem Menschengeschlecht und mit dem einzelnen Menschen. Die Menschheit war, ist und bleibt immer dieselbe; sie wird immer um die Sonne laufen, und so sind ihr verschiedene Jahreszeiten eigen. Es wartet ihrer Frühling und Sommer, den sie noch nicht erlebt hat (excipe das Paradies, wo nur ein Paar den Genuss hatte); im Herbst ist sie jetzt und auf ihn folgt Sommer. Der Frühling, als das Summum, ist das tausendjährige Reich der schwärmenden Prosaisten und der ewige Frühling der schwärmenden Dichter! – Jeder einzelne Mensch dreht sich um sich selbst. – Immerhin, wenn er nur seinen grösseren Lauf dabei nicht vernachlässigt! Ein andrer Tag aber ist ein Winter-, ein andrer Tag ein Herbst-, ein andrer ein Sommertag.