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die Sinne fällt, ist Zweifeln unterworfen, sobald Menschen dabei Rollen spielen. Nur da, wo Menschen nicht mitwirken, ist die natur in ihrer Ursprünglichkeitin ihrer N a t u r , hätt' ich bei einem Haar gesagt; und da hört und sieht und empfindet man aus der ersten Hand. Was aber kann interessiren, wo nicht Menschen dabei sind? Die beste Landschaft ist tot an sich selbst, wenn sie nicht Menschenspuren zeigt. S i n d aber Menschen auf dem T h e a t e r , gleich fallen wir auf diesen oder jenen unter ihnen, der die übrigen verdunkelt. Der Verlierende, der Stärkere, der Beherztere, der mit der breiten Stirn, mit der Fechterhand, mit der Habichtsnase, der Notgetaufte, der Mensch, der die Tür nicht offen lässtund so weiter, ist unser Held; und während dieser Zeit übersehen und überhören wir Dinge, die uns sogar oft recht v o r s p r a n g e n , ungeachtet wir uns selbst oft Mühe gaben und Augen und Ohren spitzten, um das Ensemble zu umfassen. Der Feind oder Freund hatte Unkraut unter den Weizen gestreut; schläft wohl der Verräter? Der Faden unseres Gesichts und Gehörs ist, ehe wir es uns versehen, abgerissen. Vor fünfzig fremden Gedanken liessen wir uns verläugnen; der einundfünfzigste platzte mit der Tür ins Haus. geschichte ist nicht das, was geschah, sondern was, nach dem Dafürhalten des Geschichtschreibers, bei den gegebenen Zahlen hätte geschehen können und geschehen sollen; gemeiniglich das Wahrscheinlichste oder Unwahrscheinlichste. Beide Extreme weiss man oft so zu brauchen, dass es eine Lust ist. Ach, Gott! was wird für Wahrheit ge- und verkauft! – Wollen wir andere beobachten, gleich kommt unser Ich uns in die Kreuz und Quer; und wer es auf sich selbst anlegt, den stören andere. Geister lassen sich nicht treffen, wenn man auch noch so sehr seinen Bogen spannt und zielt. Auch ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn ist nur ein schlechter Geisterschütze; – im Fluge zu schiessen, ist hier noch das Erste und Beste. – Alles, was die natur hervorbringt, kann der Mensch so ziemlich genau kennen lernen, in so weit er es mit seinen äusseren Sinnen erreicht. Bei der Kunst hat man einen Geheimnisskram; der menschliche Geist scheint hier, wenn ich so sagen darf, sein Bild der Kunstkenntniss eingedrückt zu haben. Ich muss mich in dieses Geheinmiss einweihen lassen, oder es entwenden. Meine Neigungen und meine Gedanken weiss ich; und wer von dieser Seite sich nicht kennt und in diese Beobachtungen etwas ausserordentliches setzt, weiss nicht, was er spricht oder begehrt. Warum liest man so gern selbsteigene Lebensbeschreibungen? Weil, wenn man gleich weiss, dass der Mensch sich nicht vorgesetzt hat die Wahrheit zu sagen, man sich doch einbildet, er werde, eh' er es selbst merkt, sich verreden, rot werden, und wir dann ausrufen können: Erubescit, salva res est. (Es tut nicht not, denn sie wird rot.) So gibt es Augenblicke, wo wir uns gegen unsern Willen zeigen, wie wir sind. Wir lassen uns aus Schrecken, Furcht oder Freude fallen, und der Beobachter nimmt uns auf. – Wer ist es wert, Menschen! wer, dass er zum Leben aufgenommen wird? Und ist es zum todsagt, ist der, welcher den Stab bricht, besser, als der, über den er gebrochen wird? Wir mangeln allzumal des Ruhms, den wir haben sollten! – Zu enge Freundschaft, und wären auch Damon und Pytias, David und Jonatan die Freunde, zieht Verachtung nach sich. Nur Mann und Weib können ohne Verachtung sich so genau als möglich kennen lernen. Die Geschlechterneigung hebt, duldet, trägt alles; und doch ist selten eine Ehe ohne Reservate. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern sind Scheidewände gezogen; und es gehört Erziehung dazu, wenn Kinder ihre Eltern ehren, und wenn Geschwister sich unter einander nicht verraten und verkaufen sollen; – wenn das Glück gut ist, verraten an Neider, verkaufen an Buchhändler. – Geschwister kennen sich in der Regel am wenigsten, weil sie zusammen aufwuchsen. kommt es unter ihnen ans Beobachtenwo ist mehr Zank, Hass und Widerwille, als hier? Gedenkt des armen Josephs! Gott sei gelobt, dass kein Mensch sich so zeigt, wie er ist! – Gott, was würden wir sehen! Selbst wenn der Mensch sich verliert, selbst wenn er sich preisgibt, ist er noch immer nicht in naturalibus, sondern unter Vorhängen von Feigenblättern: – er zeigt den Schaum von seinen Leidenschaften; die Hefen werden zurückgehalten. Freundschaft ist eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den andern nicht verachtet, ob er gleich dessen Schwäche mit Händen greifen kann. G e s c h i c h t e ist eine durch Völkerrecht und Convention beliebte Art, den Gegenstand von einer gewissen Seite zu zeigen. Mensch, du bist glücklich, wenn du einsam bist; denn du bist von Menschen entfernt! Mensch, du bist unglücklich, wenn du einsam bist; denn du hast dich selbst! – Der Mensch hat keinen Hang sein Glück zu erzählen; wer von sich sagt, er sei glücklich, will glücklich scheinen. Wenn Nationen Geschichtschreiber suchen, so ist es ein schlechtes Zeichen; sie sind in Verfall. Zu klagen ist dem Menschen eigen; selbst