o, ein Geschrei von den vier Winden! ein Geschrei über ganz Jerusalem und den Tempel! eine elende Klage über Braut und Bräutigam! ein Geschrei über alles Volk! Und das klägliche Schreien trieb er Tag und Nacht an einander, und lief wütend in der Stadt umher. Und wiewohl ihn etliche mit Geisseln und Ruten straften, die diese Worte als eine böse Deutung über die Stadt nicht gerne hörten, so hörte er doch nicht auf. Und als man diesen Menschen hat bracht vor den Landpfleger, welchen die Römer da hatten, der ihn auch mit Geisseln hart bis aufs Blut stäupen und peitschen liess, hat er doch mit keinem Wort Gnad' gebeten, sondern ohne Unterlass überlaut geschrien: Weh, Weh, Weh dir, o du armes Jerusalem! (Der Hofmeister und die ganze Gemeinde hatten die erlaubnis, das Weh! Weh! Weh! mitzurufen, und wenn ich meinen Nachrichten trauen darf, so ist seit der wirklichen Zerstörung Jerusalems kein so herzbrechendes Geschrei gehört worden.) Albinus, der Richter, hat ihn als einen Toren verachtet. Dieser Mensch ist sieben Jahr an einander nicht viel mit Leuten umgangen, sondern allein gangen, wie ein Mensch, der etwas tief bei sich besinnet und dichtet, und hat immerdar diese Worte von sich hören lassen: Weh! Weh! dir, o du armes Jerusalem! Und von solchem Rufen ist er nicht müde worden. Und als die Stadt nun ist von den Römern belagert gewesen, ist er auf den Mauern umhergegangen und hat immer geschrien: Weh über den Tempel! Weh über das ganze Volk! Und zuletzt hat er auf eine Zeit diese ungewöhnlichen Worte dazu gesagt: Weh auch mir! und in dem Wort ist er ungefähr von der Feinde Geschoss getroffen und also tot blieben. (Der Ritter bog sich rückwärts, als ob er getroffen wäre.) Diese und andere grosse Zeichen sind vorhergegangen, ehe Jerusalem zerstört ist. – (Bei diesen letzten Worten trat der Ritter ins Angesicht der ganzen Gemeine, als ob er zeigen wollte, dass das römische Geschoss ihm, Gottlob! kein Haar gekrümmt hätte.)
Kein Held konnte nach dem überstandenen dreissigjährigen Kriege; kein Beichtvater kann, wenn er nach so vielen Hindernissen seine Vaterhände unter vier Augen nach der schönen schmachtenden Nonne ausbreitet; kein Freier, wenn er nach allerlei Teaterstürmen und Ungemach in den Hafen der ehelichen Verbindung wohlbehalten einläuft – so fröhlich und guter Dinge sein, wie unser Ritter, wenn er bei Tafel dem Pastor seine Mühe vergalt und das feierliche Andenken von Jerusalems Zerstörung beschloss. – Da blieb bei Tische kein Stein auf dem andern – Trauer- und Freudenfeste schliessen mit Essen und Trinken. Indess, wenn gleich dieses fest dem ritterlichen haus an Leib und Seele sehr hoch zu stehen kam, so gingen doch Ritter und Ritterin gern in dieses Trauerspiel, so dass sie oft die Zeit nicht erwarten konnten, wenn Jerusalem zerstört werden sollte. Der Schaltsonntag war zwiefacher Ehre wert. Zum Beschluss ward an jedem 10ten Sonntage nach Trinitatis H o h e R a t h s S e s s i o n gehalten; nichts schien natürlicher, als dass nach dem Greuel der Verwüstung das Baudepartement auf den Wiederanbau denken musste, um aus dieser Asche einen Phönix zu erwecken. Aus den Protokollbüchern würden sich, wenn ich ein Freund von S p i n n s t u b e n und P r o t o k o l l e n wäre, noch manche rotgefärbte Tage ausheben lassen. So war, zum kleinen Beispiel, am 10ten Tage des Monats Augustus, an welchem beide Tempel zerstört worden, Helden-, Haupt- und staates-Session, das heisst: es ward eine stattliche Mahlzeit gehalten und dabei gewiss nicht des Magens, wohl aber des Hauptes notdürftig geschont. Eine dergleichen Kreuz- Session zur probe, und zwar über die
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geschichte.
Sollte meinen Lesern die Lob- und Trauerrede auf die Einbildungskraft (§. 31, Dämmerung) noch beiwohnen, wo unser Ritter der Unwahrheit (man nehm' es nicht unrecht!) hochfreiherrliche Gerechtigkeit widerfahren liess, und sie das Gewürz zu nennen geruhete, welches der Wahrheit den Geschmack beibringe; und wo er keinen Menschen ausnahm, der sich nicht Lügen zu Schulden kommen liesse und in Gedanken aufschnitte, so würde die dreiste Art, womit man über die G e s c h i c h t e absprach, weniger auffallen. (Lieben g u t e n L e u t e ! wisst ihr denn, wie ihr in der g e g e n w ä r t i g e n G e s c h i c h t e abkommen werdet?) – Ich will hier, wie sonst, Extracte geben, ben. – Von jeher hat der Mensch mehr von sich gehalten, als er sollte. Sein Fall war, und ist und wird sein, wenn er mehr sein und mehr wissen will, als ihm eignet und gebührt. Er hat Vier; warum sollt' er aber auf allen Vieren wandeln? Er halte sich gerade, nur bieg' er nicht zu sehr den Kopf zurück; nur steh' er nicht auf den Zehen, als wollt' er sehen, was im mond Trumpf ist! Mittelmässig sind des Menschen Glückksstand, Tugend und Wissen. Mittelmässigkeit im Wissen heisst: Glaube. Nicht etwa, was der Weltweise nach Vernunftregeln abwiegt, sondern, leider! auch selbst das, was in