unser Pastor
einen a n d e r n W e g ; doch so, dass er immer ganz richtig in Jerusalem eintraf. Lasst uns, sagte er, bei den Worten unseres Textes bleiben: So viele Worte, so viele Gewichte! Zwar reichte er jenem zu seiner Zeit bewunderten Geistlichen nicht das wasser, der seiner lieben Gemeinde, unter vielen andern künstlichen Propositionen, d e n k ö n i g l i c h p r o p h e t i s c h e n N a m e n D a v i d vorstellte, und im ersten Teile den D a , und im zweiten den v i d herzrührend zergliederte; indess fand er in jedem Worte – im Worte u n d , im Worte a l s , im Worte e r , und im Worte n a h e – so viel Erbauungsreiches, dass ich die beste gelegenheit von der Welt hätte, meine Leser durch eine Anwaldsweitläufigkeit recht aus dem grund zu erbauen. Ein Tema war: Wer seinen Feind segnet, wenn dieser ihm fluchet, tut Gott und sich einen Dienst, und bringet seinen Feind obendrein um die Hoffnung, die ihn zu Schanden werden lässt. Er nimmt eine Sünde von ihm, und an den feurigen Kohlen, die er auf sein Haupt sammelt, wird sich das Licht der bessern überlegung anzünden lassen. – Wohl ihm, dass er so weit ist! zum bessern Willen braucht er nur noch einen Schritt. – Eine Predigt hatte zum Motto: d a ss e i n R i c h t e r n i c h t d i e person, sondern die Sache ansehen m ü s s e , um sich nicht durch Geburt, Schönheit Ansehen, Verstand u.s.w. bestechen zu lassen. Geschenke sind Fliegen, die ein jeder sieht, wenn sie ins Essen fallen; aber das Personansehen ist eine weit feinere Verleitung zur Ungerechtigkeit, zu Menschenfurcht und andern dergleichen Schand' und Lastern. Wer ein Weib ansiehet, sie zu begehren, hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. – Christus sah die Stadt an, nicht die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer; nicht Pilatus, der Herr im haus war, und Herodes den Fuchs, die am Tage der Verurteilung Christi Freunde wurden!
Noch eine andere Predigt war der Bemerkung gewidmet, d a ss e s g u t s e y , a l s B a u m e i ster, besser aber als Menschenkenn e r a u f R e i s e n z u g e h e n . Zwar kämen die meisten Menschen mit der Erzählung von Grösse, Pracht und Einrichtung der Stadt zurück, ohne die Augen ihres Leibes und ihres Geistes auf die Menschen zu richten; der Weise indess sähe auf Menschen. – Wenn er von Jerusalem spricht, redet er von seinen Einwohnern; – auch nicht von den Hefen des Volkes, sondern von dem Schaum desselben: von den Schriftgelehrten und Pharisäern. Zwar gibt es Nationen und Völker, die von der Art sind, dass wenn man fünf unter ihnen kennt, man das ganze Volk ergründet hat; wozu auch die Juden gehören, die, wenn gleich durch das viele Reisen fast alle Völker sich einen grossen teil ihrer Eigenheit abschleifen lassen, doch bis auf das schwarze Haar Juden bleiben, zum Zeichen über sie! – wobei er indess dem Judas und seinen, salva venia! rotaarigen Nachfolgern unter dem volk das Haar nicht philistrisch abschneiden, sondern nur a posteriori das Volk schwarzhaarig geheissen wissen wollte.
Noch ein anderes Tema: W e n n m a n v i e l e traurige Nachrichten zu verkündigen hat, so muss man nicht von den kleinen zur grösseren, sondern von der grösseren zu den kleinern überg e h e n , weil alsdann die minder schreckliche Nachricht, vermittelst des Abstiches, Trostgrund wird. So würde auch, sagte der Pastor, wie er nach der Liebe hoffe, der Tod leichter als Gicht und Wassersucht sein, und vorteilhaft contrastiren. Man wird finden, dass unser Pastor, trotz unsern besten Kanzelrednern, aus dem Glückstopfe seines Textes einen Gewinnst zu ziehen verstand, den man auf tausend Meilen nicht vermutet hätte. Kam er vollends auf die Tränen; – alsdann hatte er die Worte nicht nötig! Oft gedachte er eines Kirchenvaters, Gregorius Nazianzenus, der, wenn er über die Tränen der armen Sünderin (an der und andern Schwestern der fromme Vater übrigens keinen Herzens-, sondern bloss Verstandesanteil nahm) predigen sollte, in die Herzensworte ausbrach: "Auch mir fliessen Tränen statt der Worte!" Was die christliche Gemeinde übrigens aus seiner Predigt ohne besondere Bemerkung wohl von selbst abgenommen haben würde.
Es sind mir sechs vollständige Predigten mit dem zu diesen Kreuz- und Querzügen gehörigen Hausrat behändigt worden, ich will indess meine Leser nicht damit heimsuchen, wohl aber durch ein lebensgrosses Meisterstück des hohen Rates sie ad unguem usque entschädigen.
Ob nun gleich das Evangelium quaestionis am X. Sonntage nach Trinitatis jederzeit mit den bezeichneten Formalien gegeben und auf Knieen empfangen ward, so publicirte der Pastor doch alle drei Jahre ausser demselben noch einen Auszug von der gänzlichen Zerstörung der Stadt Jerusalem. Diese Aehren waren aus den Geschichtschreibern Josephus, Hegesippus, Eusebius und Nicephorus zusammengelesen.
Ein jeder, meine Freunde, fing der Prediger bei gelegenheit eines solchen Schaltauszuges an – ein jeder, welcher fühlt, dass er einer der letzten Menschen ist, gibt sich