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, pflegte der Ritter zu sagen, über sie, zum zeugnis des Blutes, das in Jerusalem floss. Ueberhaupt waren wasser und Blut ihm ein wechselseitiges tiefes Symbol; und da er mehr Neigung hatte, Tränen, als Blut zu vergiessen, so waren Weinen und Blutlassen ihm im gewissen verstand gleicbbebeutende Wörter. Blut weinen hiess ihm: grosse Tränen, Platztränen fallen lassen, die sich, wie bekannt, gemeiniglich mit Schmerz losreissen, ehe sie ins Auge treten Die Küche und was ihr anhängt, vergiesst nicht Blut; wasser und Feuer sind ihre Waffen, Tränen und Auto da .

"Wenn du es wüsstest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; aber n u n ist es vor deinen Augen verborgen."

Das Wort N u n ward im Stillen gefeiert. Da man sich unter diesem N u n den letzten Atemzug des Lebens dachte, so war jedes bewegt, bis auf den ungläubigen knieunfähigen Hofmeister, der in diesem N u n keinen Todtenkopf, kein Memento finden konnte. Doch übermannte ihn von Jahr zu Jahr bei gelegenheit dieses N u n ein grösserer Grad von Rührung, den er aber bloss auf die Rechnung der guten Gesellschaft schrieb. Der Ritter wiederholte diess Wort N u n nie, als ob er befürchtete, bei diesem N u n oder N u in seinen Sünden zu bleiben; und so wagte sich auch niemand aus der Gemeinde an diess Nun, als ob es ansteckte. Der Prediger selbst, der zuweilen, besonders wenn er seinem Magen zu viele Nächstenliebe erwiesen hatte, von Krämpfen, und seit einiger Zeit, nach dem Beispiele seines Kirchenpatrons, mit der Hauptkrankheit geplagt ward, schlich sich nur so auf den Zehen vorbei, als wenn er mit dem tod blinde Kuh spielte. – Doch wird dich der Tod fressen, guter Pastor! wenn nicht am N u , so an einem andern Wortewenn nicht an Gichten, so an Fiebern.

"Denn es wird die Zeit über dir kommen, dass deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir, eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen, und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum, dass du nicht erkennet hast die Zeit, darin du heimgesuchet bist."

Diess waren die Verba probantia für unsern Ritter, und kein Wort entging Sr. Hochwürden, das er nicht, da der Würgengel des Wörtleins N u n vorüber war, mit einer lauten Rührung ausgestattet hätte. Bei der Wagenburg pflegte er zu zittern, und diese Gewohnheit brachte ihn im Punkte der Herzhaftigkeit in zweideutigen Ruf, ob ihn gleich nicht seinet- sondern Jerusalems halben Zittern und Zagen ankam, und bei dieser Belagerung, die in seiner friedlichen Patronatskirche vorfiel, nichts zu befürchten war.

Die vier folgenden Verse hörte zwar der Ritter nebst den Seinigen knieend, doch aber ohne alles Accompagnement an, bis auf den merkwürdigen Umstand, dass er jedesmal bei dem Worte T e m p e l zwar einen tiefen, doch etwas Hoffnung schöpfenden Seufzer, wie Noah seine Taube bei der Sündflut, fliegen liess.

"Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die darinnen verkauften und kauften, und sprach zu ihnen: Es stehet geschrieben, mein Haus ist ein Betaus; ihr aber habt es gemacht zur Mördergrube."

Bei dieser Stelle sah der Ritter die Ritterin an, als wollte er sagen, in diesen Worten liege der Grund, warum kein Emsiger Johaniterritter werden könne.

Die Schlussworte kamen ohne Bemerkung ab.

"Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht wie sie ihm tun sollten, denn alles Volk hing ihm an und hörete ihn."

Jetzt standen unser Ritter und sein kniegebeugtes Haus auf. Der Hofmeister bückte sich vor jedem unter ihnen, als ob sie grossmütiglich seinetwegen diese Pönitenz übernommen hätten; und nun erhob sich die Dedikationspredigt, die als ein gutes Wort auch in alle Wege eine gute Stelle fand. Die eine, um von ihr den Spiritus mitzuteilen, behandelte die geschichte der Tränen Christi. Ein gewisser Tränenverehrer, Robertus Holcot, hat behauptet: Christus habe s i e b e n m a l geweint; andere, sagte unser Dedikationsprediger, geben vor: er habe v i e r m a l Tränen vergossen, und zwar bei der Beschneidung, beim grab des Lazarus, bei der Stadt Jerusalem und endlich am Kreuze. Diese Behauptungen schienen wasser auf seine Mühle; denn er malte die s i e b e n und v i e r so rein aus, dass nichts als das reine gebeutelte und durchgesiebte Mehl übrig blieb, nämlich, Christus hätte nur dreimal geweint: beim grab seines Freundes Lazarus, Joh. 11, 35., beim Anblick Jerusalems, Luc. 19, 41., und ausser diesen beiden Malen, nach dem Berichte des heiligen Paulus Ebr. 5, 7., da er am Tage seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der ihm vom tod konnte aushelfen. Die Tränen Christi brachten den Pastor zum Vergleich zwischen C h r i s t u s und A l e x a n d e r d e m G r o ss e n , welcher neu und, wie der Ritter beteuerte, nicht ohne Scharfblick war: – Beide W e l