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Ritter den zehnten Sonntag nach

§. 33.

Trinitatis

zu seinem Lieblinge erkieset, an welchem d a s o r d e n t l i c h e E v a n g e l i u m Jerusalem zerstört. "So lange," pflegte der Ritter zu sagen, "noch ein Stein auf dem andern bei mir ist, so lange diese meine Augen offen stehen, will ich dein nicht vergessen, Jerusalem. An meinem Busen hab' ich dich gezeichnet!" Die gnädige Frau und unser Held, der im hohen Rate den Collegen Junker machte, trugen zu allen diesen Denkwürdigkeiten die Wetterbeobachtung bei, dass es seit ihrem Gedenken an diesem Sonntage beständig schwül gewesen, als wenn Jerusalem nach dem Untergangsbrande rauche! Sonne und Mond werden ihren Schein verlieren, erklärte die Ritterin (ihrem Gemahl zur Seelenwonne) von Gross- und Heermeistern, die leider! ihren Schein verloren hätten. "Die Sterne, die vom Himmel gefallen," sagte sie, "scheinen mir die Johanniterritter, welche Gott wie die Wachteln zum (ganz aus der Wüste ist das jüdische Volk nie gekommen) vom Himmel fallen lassen, um für den ersten Anbiss seinem volk, das sonst vor Hunger gestorben sein würde, Helden zu schaffen." Unserm Ritter war die von den Wachteln hergenommene Erläuterung des S t e r n v e r g l e i c h s nicht so ganz in optima forma, und der hohe Ratmann Pastor loci konnte von der Exegetik dieses Textes keinen Gebrauch machen, ob er gleich das Ingenium der gnädigen Frau zu lobpreisen nicht ermangelte. Da er die Hauptperson, so wie jedes, so auch dieses L i e b l i n g s – S o n n t a g s des Xten nach Trinitatis war, so gab er sich jahrjährlich Mühe, dem hohen ritterlichen haus mit etwas Neuem vom Jahr und etwas Unvermutetem aufzuwarten, und je nachdem dieses Neue vom Jahre fiel, je nachdem war auch der Ritter erkenntlich.

Im Jahr 17– beschloss der hohe Rat, diesem X. Sonntag nach Trinitatis den Namen K r e u z - oder R i t t e r s o n n t a g beizulegen und seiner Feier eine besondere Etikette vorzuschreiben; denn da der Ritter je länger je hochwürdiger ward, oder, wie er sich ausdrückte, sich ganz dem heiligen Orden und der heiligen Stadt widmete, so hatte er sich mit der unerlässlichen Pflicht belastet, an diesem Sonntage den Johannitermantel anzulegen und so seinen Einzug in die Kirche zu halten, um sowohl hierdurch, als durch Kniebeugen, eben die Ceremonie zu beobachten, als wenn der Ritter des heiligen Johannes, Freiherr des heiligen römischen Reiches, die heilige Communion empfing. Schwärmerei macht oft den Scheinphilosophen zum Scheindichter, den Scheindichter zum Scheinphilosophen, den Narren klug und den Klugen zum Narren. Begeisterung ist der Geist, wovon die Schwärmerei der Schatten ist; – und eine gewisse Feierlichkeit, welche eine kalt gewordene, eine verrauchte Begeisterung heissen könnte, hilft der Schwachheit derer aus, die entweder jederzeit arm an Begeisterung sind, oder die nur eben heute nicht dazu aufgelegt warenund wer kann seinen Geist anstrengen, ohne dabei einzubüssen? wer immer in höchster Geistesgalla erscheinen, wenn es angesagt wird? Ist das Alltagskleid reinwas geht denen ab, die es angezogen haben?

Hierauf (so fing der Pfarrer seinen Text nach einem gläubigen und andächtigen Vater Unser an) wolle eine christliche Gemeinde das heutige ordentliche Sonntagsevangelium vorlesen hören, welches am X. Sonntage nach Trinitatis in der Gemeinde des Herrn pflegt verlesen und erklärt zu werden, wie uns solches der Evangelist Lucas im neunzehnten Kapitel vom einundvierzigsten bis achtundvierzigsten Vers beschrieben hat. Es lautet in unserer deutschen Luterischen Uebersetzung also.

Bei diesen Worten setzte sich unser in der Demut grosse Ritter in kniebaren Stand; und bei dem ersten Worte des Textes:

"Und als er nahe hinzu kam," fiel er nieder mit seinem ganzen haus, bis auf den Hofmeister, dem, wenn er gleich aus dem Unter- ins Oberhaus gekommen, und von einem Whig des gesunden Menschenverstands ein Tory des hohen Rates geworden war, das Knien am X. Sonntage nach Trinitatis bei Vorlesung des ordentlichen Sonntagsevangelii in Rücksicht seines Standes, und weil sein Vater ein bekannter Schneidermeister mit dem Zunamen Heraldikus gewesen, nicht eignete und gebührte.

"Und als er nahe hinzu kam," wiederholte der Prediger, "sah er die Stadt an," –

Nämlich Jerusalem, sagte der Ritter auf seinen Knien ganz laut, so dass es die ganze Gemeinde hörte. – Jerusalem! ward von einigen frommen Weibern aus dem volk kläglich nachgeseufzt:

"und weinte über sie," fuhr der Prediger fort, um eine lange Pause zu machen: denn er wusste, was in der ritterlichen Rolle stand, und was dieser Vers zu erwarten hatte. Tränen aus einem alten haus sind Perlen; auch werden sie, falls man dem Dichter glauben darf, wenn das Stündlein vorhanden ist, um das letzte Diadem zu zieren, sich in tausend Perlen verlieren. – Es sah nicht viel anders aus, als ob der Pastor den Zapfen in der Hand hielte, um diese Tränen laufen zu lassen. Der Ritter war gerührt: die Ritterin weinte und unser Nottäufling accompagnirte beide. Die Gemeinde konnte natürlich einem so grossen Beispiele nicht widerstehen, und zog die andächtigen Schleussen, so dass beinahe, auch ohne das Schluchzen einzurechnen, die Tränen fast hörbar fielen. Zum Zeichen