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zu vernehmen, wess Geistes Kind der Gesandte wäre? Diejenigen aus meiner Lesewelt, welche glauben, dass dieser Ambassadeur extraordinaire etwa den Auftrag gehabt, zur Hochzeit einzuladen, kennen die Weise der Fingerlein noch nicht. Ihre Art und Sitte verdiente wohl einen besonderen Folianten, den ich, wenn sie mir die Ehre erweisen und das alte Haus auf meinem Gute zu beziehen geruhen wollten, sehr gern ex officio schreiben würde. Das wenigste wär' es, mir bei diesem Anlass von diesen Hochmögenden ein Privilegium exclusivum auszuwirken, dergestalt und also, dass alle Nachdrucker dieser Schrift den Nachdruck zur ewigen Scham und Schande an ihrem leib tragen müssten. – Wer weiss, was sie mir unter der Hand v o n w e g e n dieses Riesen von §. schon jetzt zu Gefallen tun –! Wornach man sich zu achten und v o r S c h a d e n z u h ü t e n h a t ! kommt Zeit, kommt Rat.

Se. Excellenz nieseten wegen des Geruchs, der Sie hart angegriffen, dreimal, und erbaten Sich (damit ich meine Leser nicht aufhalte) den Saal, der beinahe über das ganze Schloss ging und der den Fingerlein schon in vorigen zeiten bei festlichen Anlässen war eingeräumt worden. Gern ward er bewilligt, und eben so gern die Bitte, dass sich niemand unterstehen sollte, auch nur durch die kleinste Ritze sich einen blick zu Schulden kommen zu lassen. Der Frau Baronin Gnaden war bei dieser gelegenheit, als eine in das Fingerleingeheimniss längst eingeweihte, nicht nur eben so schnell, sondern noch vorschneller, auf die Bitte der Fingerlein in Absicht des Saales ein deutliches und aufrichtiges J a anzugeloben. Wenn es indess auf Beweise ankäme, dass unsere Damen überhaupt zum J a und wir zum N e i n geneigter sind, so könnte dieser Vorfall zu keinem Belege dienen, denn die zweite Bitte blieb hinterlistig unbeantwortet, und es war allerdings ein grosser Fehler, dass seine Fingerleinsche Excellenz, ohne über den zweiten Punkt diess Ja auch von der gnädigen Frau zu vernehmen, sich bloss mit dem Ja des Herrn baron begnügte, um, wie diese Excellenz sich gar zierlich und manierlich ausdrückte, sich dankbarlichst zu beurlauben. Da die Fingerlein schon vorher oft bei solchen Feierlichkeiten den altväterischen gotisch-prächtigen Saal inne gehabt hatten, ohne durch ein neugieriges Auge gestört zu werden, so glaubten Se. Excellenz unfehlbar, keiner so grossen Peinlichkeit zu bedürfen, und welcher Gesandte wird auch gleich einem Notario publico jurato und immatriculato, ein Protokoll über seinen Auftrag aufnehmen, oder, wie ein Testamentsdeputirter, die Fragdreistigkeit besitzen, die sich bis auf den Umstand erstreckt: ob auch respective der Herr Testator und die Frau Testatricin sich bei gesundem verstand befinden? Si vales bene est, ego valeo: (Wenn die Herren nur bei gesunden Sinnen sind; ich befinde mich Gott Lob ganz wohl!) ist keine unschickliche Antwort, die einst bei einer solchen Fraggelegenheit fiel.

Der Tag erscheint. Die meisten Hausbedienten werden verschickt; und, um so viele Hindernisse, wie nur möglich, aus dem Wege zu räumen, wird den übrigen, männlichen und weiblichen Geschlechts, ein froher Tag gemacht. Sie sollten über die Freude (wie es gemeiniglich der Fall mit der Freude zu sein pflegt) der Neugierde ausweichen. Die Traurigkeit ist unaufhörlich neugierig, welches, wie ich fast glaube, der Drang der Hoffnung verursacht. – Die freiherrliche Familie selbst behalf sich mit kalter Küche, da der Koch, der von höchst neugieriger Complexion war, verschickt und aus dem Schloss entfernt werden musste, ob er gleich, so wie der eben so neugierige Nachtwächter, sehr gern an dem frohen Tage des Hausgesindes teilgenommen hätte und wirklich darum ansuchte, indess abschlägig beschieden ward. Herr und Dame des Hauses unterhielten sich, wie wohl nicht anders zu vermuten ist, von dem Feste der Fingerlein, welches diese in grosser Stille anfingen, bis nach drei Stunden, gegen ihre sonstige Gewohnheit, alles ins Laute ausbrach, woraus man aber, wie die gnädige Frau sich ausdrückte, keinen Vers machen konnte. Da sie indess, weil diessmal alles ausser der Weise ging, lüstern auf einen Vers war, so ging es hier wie mit Adam und Eva im Paradiese. Man sagt, unser Adam würde nun und nimmermehr nachgegeben haben, wenn nicht die Stunde des Rendezvous mit einer Kammerzofe der Frau Gemahlin gekommen wäre, die sich unvermerkt von ihrem g r o ss e n Feste schleichen sollte, um dem gnädigen Herrn ein k l e i n e s zu geben. Er hatte es darauf angelegt, dass Eva eine Promenade machen und ihn allein lassen sollte; allein der Mann denkt, die Frau lenkt. Was war zu tun? Sie schützte Kopfweh vor, das die Damen gleich bei der Hand haben, wenn sie nicht spazieren gehen wollen. "Meinetalben," sagte Adam, da die gnädige Frau dringend vorstellte und bat, und da es dem gnädigen Schäfer so vorkam, als hörte er schon die Schäferin lauschen – "Meinetalben," wiederholte er stärker, und er würde es zum drittenmal sogar geschrien haben, wenn die gnädige Frau so viel Zeit gehabt hätte, das drittemal abzuwarten. Wohl ihm; denn es war schon ein Viertel über die verabredete Schäferstunde. – Adam ass vom verbotenen Baum, während dass Eva in einen Apfel anderer Art biss. Auf Strümpfen schlich sie sich an das heilige Schlüsselloch. O, des unglücklichen, des dreimal unglücklichen Ganges!