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selbst nur ein bescheidenes Licht zu werfen sich unterstand, als wenn er, der Waffenträger der Sonne, nur verstohlen hineinzusehen sich erlauben könntein einen herrlich erleuchteten Saal. Licht und klarheit herrschten hier; und da eine gewisse innige Zurückhaltung sehr zur Feierlichkeit hilft, so ward dieses Ehrenmahl mit einem Anstande gegeben, dass es dem Pfarrer selbst dünkte, als sei es für diesen Tag zu gross und zu köstlich, und als würde die Einweihung Jerusalems nicht herrlicher ausfallen können. Als man aus der Dunkelheit in das Licht kam, rief der Pastor entzückt aus: so war es, als Aeter aus der ewigen natur heraus g e s c h l a g e n ward! – G e r u f e n , sagte der Ritter, und der Pastor räusperte sich. Nicht die äussere Pracht, sondern die wirkung, die dergleichen Feste auf Acteurs und Zuschauer machen, entscheidet. Alles war festlich geworden, so dass man sich kaum unter einander kannte. Die vertrautesten Brüder hätten Anstand genommen sich zu dutzen. Baron und Baronin, Junker, Pastor und Hofmeister waren einander so fremd, als ob ein Ungefähr sie zusammengebracht hätte. Die herrlichen Kleider, welche durch die hände des Hof- und Ordensschneiders gegangen waren, fanden als allerliebste Masken allgemeinen Beifall, und es ward beschlossen, dass auch der grossmeisterliche Anzug, der Schnabelmantel (Manteau à bec), welcher den Rittern bei Ablegung der Gelübde gegeben ward, die Kleidung der Rittergrosskreuze, wenn sie zur Kirche und wenn sie zu Rate gehen, von eben der Meisterhand dargestellt werden sollten. Der Schneidervater hatte mit vieler Schlauigkeit von seinem Sohne ein Wort aus der Heraldik aufgefangen, und da er bei gelegenheit dieser Kleidungsstücke gross tat, sich brüstete und seinen Mitmeistern gar deutlich zu verstehen gab, dass sie Idioten wären, nächstdem zufolge so mancher von dem Ritter aufgefangener Winke sich bemühte, aus dem Schnabelmantel wie aus dem Hechtskopfe das Leiden Christi zu erklären, so erhielt er von einigen stichreichen jungen Meistern, die er in der ersten Hitze Grünschnäbel zu nennen kein Bedenken trug, den Beinamen: H e r a l d i k u s , ohne dass ihm jemand von allen gewanderten Jung- und Altmeistern die Ehre streitig machen konnte, den ersten Schnabelmantel bei Menschengedenken gefertigt zu haben. Der Schneidervater, voll unbändigen Stolzes, kränkte sich über den unverdienten Spottnamen H e r a l d i k u s zusehends und zwar so, dass sein Sohn, der hierzu gelegenheit (freilich die unschuldigste von der Welt) gegeben, diesen Schaden Josephs nicht nur kindlich zu Herzen nahm, sondern ihn auch zu heilen bemüht war. – Umsonst! unsern welkenden Hypochondriakus konnte nichts erfrischen. Der Spottname Heraldikus war wirklich der Hauptnagel zu seinem Sarge, in welches der Schnabelmantel-Märtyrer, nachdem er den Schwanengesang als Ordensschneider gar lieblich gesungen hatte, bald nach diesen Tagen einging. Hatte Nicolaus Copernikus mit seinem neuen Weltsystem ein besseres Schicksal? – Die gottlosen Schneiderjungen konnten nicht umhin, noch auf den bescheidenen Stein, welchen der Schneidervater sich auf sein Grab legen liess, H e r a l d i k u s , wiewohl bloss mit Kreide zu schreiben! Der Sohn, welcher den Vater liebte, war nicht so unverschämt, sich seines Vaters zu schämen; indess freute er sich doch im Herzen, als er starb. Er glaubte sein Ansehen auf Secunda desto fester zu gründen und es je länger je mehr dem Flusse der Vergessenheit näher zu bringen, dass er Schneiderssohn sei. Da

§. 32.

Jerusalem

wohl unbedenklich der Hauptsitz aller Sanctuarien ist, so war J e r u s a l e m unserm Ritter ein teures, wertes Wort. Das Hauptstück in Jerusalem war der h o h e R a t h . Ging doch, nach der ältesten Urkunde, Gott der Herr zu Rate, ehe er Menschen schuf. Das erste, was von Jerusalem in Rosental sichtbar meine Verbeugung mache. – Ob nun gleich die in diesen hohen Rat gezogenen beiden Ratsherren, der Pastor und Hofmeister loci, eines Tages es auf Betlehem anlegen wollten und unwiderlegbar zeigten, dass die Abbildung dieses Fleckens und der Krippe weit weniger als Jerusalem sowohl auf dem Papier als auch unter freiem Himmel zu stehen kommen würde, zu geschweigen, dass die Hirten loci am Weihnachtsheiligen Abend dieser feierlichen Erinnerung einen sehr naturgemässen Nachdruck zu geben im stand wären, so blieb der Ritter doch bei der Hauptstadt Jerusalem. Auch schien er es den Herren Räten übel zu deuten, dass sie sich nicht entblödeten, Hirten in das Johanniterspiel zu bringen, für welche er keine klasse hatte, ohne dass sie den Herren Secundanern in jeder Rücksicht zu nahe gekommen wären. Jerusalem blieb das hohe Wort, das Ja und Amen bei allem ritterlichen Dichten und Trachten, und den beiden bürgerlichen Räten blieb nichts weiter übrig, als ihr Haupt bei dem Worte Jerusalem zu neigen und den artigen Flecken Betlehem aufzugeben. Zur Nachricht. Wöchentlich wurden zwei Sessionen gehalten, die den Namen h o h e r R a t h v o n J e r u s a l e m führten. Von Stiftungsbrief und Ratssiegel hab' ich in den erhaltenen Papieren keine Reliquien gefunden. – In diesem hohen Rate ward alles vorgetragen, was zur Abbildung der heiligen Oerter nur förderlich und dienstlich sein konnte; indess blieb, wie es in Collegiis wohl zu sein pflegt, alles auf dem Papier, wo wir es denn auch fürs erste werden lassen müssen.

Schon von jeher hatte der